So sonnig war die Verleihung des Kulturpreises der AZ Medien selten. Das lag am spätsommerlich warmen Licht, welches durch die hohen Fenster ins Badener Trafo fiel, an den soeben aus den Ferien zurückgekehrten Gästen, darunter Persönlichkeiten aus Kultur und Politik, aber am allermeisten an der sichtlich gerührten Preisträgerin Petra Volpe. «Ich freue mich so aufs Dankesagen», begann sie ihre Rede. «Ich bin es gewohnt zu reden, aber nicht, dass es um mich als Person geht.» Der Preis sei eine totale Überraschung gewesen, erzählte sie, als sie im Kino Trafo in Baden den mit 25 000 Franken dotierten Kulturpreis der AZ-Medien entgegennahm.

Es war eine Überraschung mit Ansage. Denn an der 47-jährigen Filmemacherin aus Suhr AG führt momentan kein Weg vorbei. 2017 ist Volpe-Jahr. Ihr Film «Die göttliche Ordnung» hat seit seiner Premiere bereits über 300 000 Zuschauer in die Schweizer Kinos gelockt und sich damit unter die zehn erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten platziert. Die bissige Komödie über die Einführung des Schweizer Frauenstimmrechts reüssierte beim Schweizer Filmpreis und gewann wichtige Preise bei Festivals in den USA. Anfang August wurde «Die göttliche Ordnung» dann vom Bundesamt für Kultur dazu auserkoren, die Schweiz im Rennen um den Oscar zu vertreten.

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

Die göttliche Ordnung - der Trailer zum Film

Kraft, Energie und Weitsicht

«Ich habe noch nie einen Film erlebt, nach dem alle derart begeistert und bewegt miteinander darüber reden wollten, Frauen und Männer, Junge und Alte», lobte Laudatorin Simone Meier. Die Journalistin und Autorin pries Petra Volpe als eine Geschichtenerzählerin vom Kaliber Trudi Gersters und sagte: «Mit der ‹Göttlichen Ordnung› bist du zur wichtigsten Schwester von uns allen geworden. Zu jener ‹Sister›, die in amerikanischen Filmen, Songs oder Protestbewegungen immer so wichtig ist. Zur Mitkämpferin, deren schiere Kraft und Energie, aber auch deren Klugheit, deren historische und politische Weitsicht, uns mitreisst.»

Meier, die wie Petra Volpe im Kanton Aargau aufgewachsen ist, wies darauf hin, dass während ihrer Schulzeit nie über das Thema Frauenstimmrecht gesprochen wurde. «Dazu brauchte es dich, Petra, und dein Team.»

Petra Volpes «Die göttliche Ordnung» lockte über 300 000 Zuschauer ins Kino – und geht ins Rennen um den Oscar.

Kinohit

Petra Volpes «Die göttliche Ordnung» lockte über 300 000 Zuschauer ins Kino – und geht ins Rennen um den Oscar.

Petra Volpe kam 1970 in Suhr als Tochter einer Schweizer Bäckerstochter und eines italienischen Gastarbeiters zur Welt. Ihnen widmete die Filmemacherin bei der Preisverleihung einen besonderen Dank: «Ich konnte in die Welt rausziehen und so abenteuerlich sein, weil ich immer wusste: Meine Eltern werden immer für mich da sein.» Nach einem Kunststudium in Zürich und einem Dramaturgie- und Drehbuchstudium in Potsdam lebt Volpe heute als freie Drehbuchautorin und Regisseurin in Berlin und New York und sagt, dass ihr filmischer Blick auf die Schweiz aus der Distanz klarer und schärfer werde.

Eine 20-minütige Montage von Filmszenen aus ihrem Schaffen, die im Kino Trafo gezeigt wurde, führte das vor Augen: Volpes Gabe, sich pointiert mit Themen wie Heimat und Familie auseinanderzusetzen, aber auch ihr Gespür für starke Frauenfiguren – von der Grossmutter in ihrem ersten Film «Mia Nonna tutto Zucchero» zu einer Prostituierten und einer betrogenen Ehefrau in «Traumland», von der kecken «Heidi» zur Frauenrechtlerin Nora in «Die göttliche Ordnung». Das alles habe die Jury um «Nordwestschweiz»-Kulturredaktorin Sabine Altorfer (Vorsitz), Anna Kardos, Simone Meier, Peer Teuwsen, Maja Wanner und «Nordwestschweiz»-Chefredaktor Patrik Müller überzeugt, sie bedankte sich bei der Filmemacherin für «die lustvollste einheimische Geschichtslektion seit den ‹Schweizermachern›».

Voll ins Schwarze getroffen

Peter Wanner, Verleger der AZ Medien, strich Petra Volpes feinfühlige Beobachtung und seriöse Recherche hervor. Mit «Die göttliche Ordnung» sei es der Filmemacherin gelungen, die Moral von der Geschichte mit Humor statt mit dem Zeigefinger rüberzubringen. Von einer «Meisterinnen-Leistung» sprach Regierungsrat Dr. Markus Dieth in seinem Grusswort und lobte am Beispiel von Petra Volpe, dass sich Frauen im Schweizer Filmbusiness trotz der bisher ungerechten Verteilung von Fördergeldern nicht unterkriegen lassen.

«Erfolgreich ist man nie alleine», betonte Volpe und richtete ihren Dank an ihre beiden Produzenten Reto Schärli und Lukas Hobi sowie an das Aargauer Kuratorium, das praktisch jeden ihrer Filme unterstützt hat: «Es sind nicht immer Meisterwerke dabei raus gekommen – aber das ist eben auch wichtig, dass man mal scheitern kann, dass man mal daneben haut.»

Mit «Die göttliche Ordnung» hat Petra Volpe nicht daneben gehauen, sondern ins Schwarze getroffen. Der AZ-Kulturpreis sei hoffentlich «eine Station vor dem Oscar», sagte Peter Wanner an der Preisverleihung. Petra Volpe freut sich auf Hollywood. «Das wird ein Abenteuer und wir versuchen, den Oscar zu ‹cashen›».