1 EL AMOR CIEGO

EL AMOR CIEGO

  

Ein Spielfilm von Pablo Martín Torrado: Zu Tangoklängen entspinnt sich eine Romanze inklusive Kinobesuch und Sonnenuntergang. Doch bleibt die Grossleinwand eigentümlich leer, sind die beiden Sonnen am Himmel eigentlich Strassenlaternen und schmachten die Verliebten isoliert in einer virtuellen Realität. Sehen wir hier die Zukunft?

Unser Future Lab bietet Virtual und Augmented Reality für den Selbstversuch. Ich wette, dass es dabei zu ähnlichen Szenen kommt wie in Pablo Martín Torrados doppelbödiger Komödie, die im Nachtschwärmer-Programm «Nocturne» läuft.

2 AYSHA KEVIN MICHELE

AYSHA KEVIN MICHELE

  

Ein Dokumentarfilm von Florine Leoni: Aysha, Kevin und Michele leben in einem Wohnheim auf dem Land. Ihr Leben dreht sich um Games, Musik von Justin Bieber und Sido, ums Rappen oder Reiten. Die Jugendlichen träumen von der Zukunft, geniessen die Aufmerksamkeit der Kamera, setzen sich in Szene, schöpfen Selbstvertrauen und filmen sich selbst. Aus alltäglichen Episoden zwischen Dokumentation und Fiktion wird ein berührendes Spiel mit dem Medium Film, aus vermeintlicher Belanglosigkeit wird Poesie.

3 REWIND FORWARD

REWIND FORWARD

  

Ein Dokumentarfilm von Justin Stoneham: Justin Stoneham reist in die Vergangenheit und spult mit VHS-Kassetten die eigene tragische Familiengeschichte zurück. Sein zutiefst persönlicher Film nimmt uns mit an südenglische Strände, erzählt von Velos und Rollstühlen, von Schicksalsschlägen und Brüchen, und er macht Hoffnung. Dazu erklingt die Musik von Heidi Happy. Die eigenwillige Handschrift von Justin Stoneham wurde am Filmfestival Locarno mit einem Pardino d’oro ausgezeichnet.

4 INTIMITY

INTIMITY

  

Ein Animationsfilm von Elodie Dermange: Sie duscht, zieht sich an, schminkt sich und entblösst dabei ihre intimsten Gedanken. Durch den inneren Monolog einer Frau, die ihren Körper erst lieben lernt, als sich Kameras auf ihn richten, greift Elodie Dermange nicht nur das aktuelle Thema der Selbstdarstellung auf. Sie bedient sich in ihrem Erstling meisterhaft der Mittel der Animation, die dokumentarisch präzis enthüllt, was sonst verborgen bleibt. Kein Wunder, wird der Film an zahlreichen Dokfilmfestivals und bald in Sundance gezeigt!


5 FAST ALLES

FAST ALLES

  

Ein Spielfilm von Lisa Gertsch: «Ich muss pinkeln und habe Hunger.» So tönt es vom Rücksitz.
Aber die Stimme gehört nicht einem quengelnden Kind, sondern einem gestandenen Mann. Paul leidet an Frühdemenz, und seine Frau Leandra erkennt ihn im Rückspiegel kaum wieder. Michael Neuenschwander und Oriana Schrage verkörpern das Paar, dem im Leben einmal fast alles möglich schien, mit sanfter Melancholie. Und die ebenso talentierte Regisseurin Lisa Gertsch zeigt mit «Ein Prinzessinnen-Film» im weiteren Programm, dass sie auch lustig kann.

6 FACING MECCA

FACING MECCA

  

Ein Spielfilm von Jan-Eric Mack: An Anfang und Ende stehen Kühlschränke. Jan-Eric Mack hätte für die frostige Atmosphäre der Schweizer Bürokratie kein besseres Bild finden können. Sie schlägt einem syrischen Asylsuchenden nach dem Krebstod seiner Frau mitleidlos entgegen. «Wenn das jede miech…» Doch ein Rentner stellt sich quer, ganz wie das muslimische Grab, das es zu bestellen gilt. Eine Parabel darüber, dass Menschlichkeit zuweilen heisst, aus der Reihe zu tanzen. Der Film wurde bei den Student Academy Awards unter 1600 Einsendungen mit der Silbermedaille ausgezeichnet.

7 LES INTRANQUILLES

LES INTRANQUILLES

  

Ein Spielfilm von Magdalena Froger: Wie fühlt es sich an, in den Krieg zu ziehen? In atmosphärisch dichten Bildern nähert sich Magdalena Froger einer Frage an, die viele ohne Antwort lässt. Sprachlos sind denn auch drei Soldaten, wenn sie eine verlassene Landschaft durchqueren oder sich in Trance tanzen. Sie driften scheinbar ziellos, abgestumpft und gleichwohl unruhig durch den Film. Aus dem Off ertönt «J’avais un camarade», das Lied der Fremdenlegion, und hallt lange nach.

8 SCHWIMMDEMO

SCHWIMMDEMO

  

Ein Interventionsfilm von Christoph Schaub und Thomas Krempke: Zürich, Sommer 1981. Eine Demo wird verboten. Die Kundgebung verschiebt sich kurzerhand in die Limmat, Nackte steigen protestierend in den Fluss. Wenige Stunden später wird «Schwimmdemo» im AJZ gezeigt, und aus dem Sprung ins Wasser wird ein Schritt für den Schweizer Film. Solche aus dem Moment geborenen Aktionsfilme stehen am Anfang von Christoph Schaubs reichem Werk. Wir widmen dem Zürcher Regisseur die «Rencontre» und zeigen weitere Spontifilme aus einer bewegten Zeit. Action!

9 BOLEX – EINE SCHWEIZER KAMERA VON WELTFORMAT: WEIBLICHE EXPERIMENTE

BOLEX – EINE SCHWEIZER KAMERA VON WELTFORMAT: WEIBLICHE EXPERIMENTE

  

Die handliche Bolex ermöglichte es Frauen ab den 1950er-Jahren, autonom Filme zu machen. Die Avantgarde-Perlen unseres historischen Programms erkunden den emanzipatorischen Effekt der Schweizer Kultkamera. Er wirkt von der amerikanischen Pionierin Maya Deren über die Queer-Cinema-Ikone Barbara Hammer, die mit «Dyketactics» die lesbische Liebe auskundschaftete, bis in die Schweizer Filmschulen nach. Ein aktives und experimentelles Kino, das nahe am Körper überblendet, doppelt belichtet, sinnlich und immer in Bewegung ist!

10 CHEN CHEN

CHEN CHEN

  

Ein Dokumentarfilm von Franziska Schlienger: Chen Chen wuchs in einem chinesischen Dorf mit zwei Geschwistern auf; vor den Kontrollen der Einkindpolitik versteckte er sich auf dem Feld. Nun hat er es nach Schanghai geschafft und will sich zeigen: Mode und Konsum bestimmen das Streben des androgynen jungen Mannes. Schweizer Dokumentarfilme blicken immer öfter nach China und offenbaren – wie in diesem faszinierenden Porträt – die Ambivalenzen einer sich rasant verändernden Gesellschaft zwischen Tradition und modernem Individualismus.