Kino
Einmal als feministisches Projekt, einmal als satirischer Ritt durch die Geschichte: Diese Agentenfilme sprengen Grenzen

Jessica Chastain ermächtigt in «The 355» Frauen und Joel Basman mimt in «The King's Man - The Beginning» die vielleicht wichtigste Nebenfigur der Weltgeschichte: Wie sich ein Genre gerade neu erfindet.

Daniel Fuchs
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Kämpfen gegen Hacker: Jessica Chastain, Diane Kruger, Lupita Nyong'o und Penélope Cruz (von rechts) in «The 355».

Kämpfen gegen Hacker: Jessica Chastain, Diane Kruger, Lupita Nyong'o und Penélope Cruz (von rechts) in «The 355».

Bild: Robert Viglasky / Universal

Was macht Agentenfilme aus? Rasend schnelle Verfolgungsjagden, natürlich, erbitterte Nahkämpfe, ausgefeilte Actionszenen, klar. Und sie sind von Testosteron durchtränkt. Neue Wege gehen nun die beiden Agentenstreifen «The 355» und «The King’s Man – The Beginning».

Beginnen wir mit dem Anfang. Der Titel macht klar: «The Beginning» ist die Vorgeschichte der beiden Kingsman-Filme von 2014 und 2017. «The Beginning» spielt sich 100 Jahre zuvor ab. Autor, Produzent und Regisseur Matthew Vaughn’s Ansatz erinnert ein wenig an Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds», weil auch er historische Begebenheiten und reale Figuren mit fiktiven Handlungen und Akteuren mischt. Tarantino wählte dafür den Zweiten Weltkrieg und fiktive Nazijäger, Vaughn den Ersten Weltkrieg und eine Verschwörung.

Rasputin und der Erste Weltkrieg satirisch aufgearbeitet in «The King's Man - The Beginning».

Quelle: 20th Century / Youtube

Der weltweit agierende Verschwörertrupp in «The Beginning» ist ein Sammelbecken für illustre Figuren der Geschichte wie den Zareneinflüsterer Rasputin oder Gavrilo Princip, der Mörder des österreich-ungarischen Thronfolgers und Auslöser des Ersten Weltkriegs. Für den Film zwar relativ unwichtig, dafür umso überzeugender in der vielleicht wichtigsten Nebenrolle der Weltgeschichte: der Schweizer Schauspieler Joel Basman.

Regisseur Vaughn nimmt uns mit seiner Hauptfigur, einem Earl, der seinen Sohn vor dem Unglück abschirmen will, auf einen wilden Ritt durch die Geschichte. Wir schmunzeln über die Darstellung Rasputins als Mönch und Sextäter, der nur Entscheide trifft, «wenn der Magen voll ist oder die Eier leer sind», wir landen im Grauen der Schützengräben und en passant erfahren wir, was zur Gründung des weltumspannenden fiktiven britischen Geheimdiensts Kingsman geführt hat.

Selbstermächtigung der Kreativen über die Studios

Frauen sind übrigens bei Kingsman vertreten. Aber wie in den meisten Agentenstreifen haben sie sowohl in der Geheimorganisation als auch im Film ausschliesslich Nebenrollen.

Schlagkräftiger Frauentrupp in «The 355».

Quelle: Ascot Elite / Youtube

Ihren ganz eigenen Kontrapunkt dazu setzt nun die Schauspielerin und Produzentin Jessica Chastain («Zero Dark Thirty», «The Help»). In «The 355» schart sie mit Penélope Cruz, Diane Kruger, Lupita Nyong’o und Bingbing Fan eine Handvoll Schauspielerinnen-Ikonen um sich und rettet die Welt vor der Verschwörung durch Hacker.

Vom drögen und immer wieder bemühten Thema sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn «The 355» ist genauso wie «The King’s Man – The Beginning» vor allem dies: äusserst kurzweilige Unterhaltung. Nichts Neues bei Verfolgungsjagden zwar, wenig Revolutionäres bei den Kampfszenen, doch das Frauen-Quintett hat es in sich. Anfänglich erbitterte Rivalinnen, wachsen sie zu einer schlagkräftigen Truppe zusammen, mit der man mitfiebert.

Chastain kam die Idee am Filmfestival in Cannes vor ein paar Jahren, wo es nur so von Plakaten für Agentenfilme mit Männern wimmelte. «Ich wollte einen Film machen, bei dem die Schauspielerinnen nicht nur angestellt sind, sondern selbst die Hoheit über ihre Arbeit haben», sagte Chastain anlässlich der Werbetour für «The 355».

Und in einem Interview mit der «FAZ am Sonntag» lobte Diane Kruger ihre Kollegin dafür, dass sie mit ihrem Film die Machtstrukturen am Set komplett auf den Kopf gestellt hat. Sie hätte sich den Absichten der Studios widersetzt, ihr die Kontrolle über den Film zu entreissen.

Trotz oder gerade wegen der Frauen ist «The 355» nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Agentenstreifen. Muss er auch nicht. Ob Agenten nun weiblich statt wie in «The Kingsman» männlich sind, ist gar nicht das feministische Moment. Sondern, ob Frauen am Profit beteiligt sind. Und deshalb ist «The 355» ein durch und durch feministisches Projekt.

«The King’s Man – The Beginning» (GB/USA 2019, 131 Min.); Regie: Simon Kinberg;
«The 355» (USA 2021, 124 Min.); Regie: Matthew Vaughn;
ab Donnerstag im Kino.

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