Film
Die eingebildeten Liebeskranken

Francis und Marie sind beste Freunde und ein eingeschworenes Paar. Der homosexuelle Jüngling mit dem James-Dean-Look und die ebenso stil- wie selbstbewusste junge Frau mit dem Faible für Audrey Hepburn lästern gerne über jede und jeden.

Stefan Strittmatter
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Francis und Marie sind beste Freunde und ein eingeschworenes Paar. Der homosexuelle Jüngling mit dem James-Dean-Look und die ebenso stil- wie selbstbewusste junge Frau mit dem Faible für Audrey Hepburn stehen auf Partys gerne abseits und lästern über jeden und jede, der oder die nicht annähernd so cool ist wie sie selbst. Und das sind meist alle mit Ausnahme des neu zugezogenen Nik.

Francis (gespielt von Regisseur Xavier Dolan) und Marie (Monika Chokri) sind sofort angetan vom geheimnisvollen Schönling mit den goldenen Locken und der unbeschwerten Art. Dieser (Niels Schneider) geniesst das Interesse, das ihm von beiden Seiten zuteil wird, und schnell verheddern sich die drei Charaktere in einem Netz aus zarten Hoffnungen, missdeuteten Anspielungen und fiesen Sticheleien.

«Die Person auf dem Podest hat immer recht», bemerkt Marie einmal und vermag damit immerhin ab-strakt zu erklären, wieso sie und Francis ihre langjährige Freundschaft aufs Spiel setzen für etwas, das sie womöglich nie bekommen werden.

Stilvoll, aber oberflächlich

Der erst 21-jährige Xavier Dolan («J’ai tué ma mère») inszeniert den Schwebezustand seiner Charaktere in der Tradition der Nouvelle Vague: mit verträumten Naturaufnahmen, Slowmotion, Farbfiltern und plötzlich und laut einsetzender symphonischer Musik, die die Handlung selber auf eine untergeordnete Ebene herabstufen. Wenn Dolan die Figuren mehrfach zum Song «Bang Bang» (der ohnehin seit «Kill Bill» von Regisseur und Musikaufstöberer Quentin Tarantino gepachtet ist) in Grossaufnahme auf die Kamera zuschreiten lässt, dann mutet «Les Amours Imaginaires» an wie eine Stilstudie fürs Fifties-Revival: stilvoll, aber oberflächlich.

Es ist Regisseur Dolan hoch anzurechnen, dass er die Figur des Nik nicht weiter vertieft. So bleibt der Angehimmelte eine unerforschte und vage Projektionsfläche. Doch bei den zwei eingebildeten Liebeskranken hätte er sich weitaus tiefer in die Befindlichkeiten vorwagen müssen. Was in den beiden vorgeht, insbesondere wie und wann die unerwiderte Liebe in Abscheu und Hass umschlägt, hätte mehr hergegeben als das sture Verharren an der (zugegeben schicken) Oberfläche.

Les amours imaginaires (CA 2010) 110Min. Regie: Xavier Dolan. Mit: Xavier Dolan, Monika Chokri u.a. HHHII