Dokumentarfilmtage Brugg
Zur Zeit das interessanteste Kulturlokal der Schweiz: Warum ein Ausnahmeprojekt an seine Grenzen stösst

Der Film «Heitere Fahne» erzählt die Geschichte über ein Kollektiv, das vom Erfolg überrumpelt wird und sich fragen muss: Wie gross ist zu gross?

Daniel Fuchs
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Immer voll, immer heiter: Die «Heitere Fahne».

Immer voll, immer heiter: Die «Heitere Fahne».

Outside The Box / Outside the Box

Stellen Sie sich eine riesige Brauereiwirtschaft vor, mit viel Täfer, mehreren Säli und sogar einem Theatersaal. Dazu ein altes Dach voller Löcher und eine Bierterrasse, so gross, dass sich darauf ein Festival veranstalten lässt. Das ist die «Heitere Fahne», neben dem Berner Gurtenbierareal gelegen, am Fuss des Gurten. Nur, dass in der Brauerei längst nicht mehr Bier gebraut wird; und dass in der Wirtschaft nicht mehr viel laufen würde, wäre die etwas baufällige Immobilie vor acht Jahren nicht einem Kollektiv in die Augen gestochen.

Die «Heitere Fahne» in Wabern bei Bern aus der Vogelperspektive (der Gebäudekomplex in der Bildmitte, unübersehbar: die Terrasse).

Die «Heitere Fahne» in Wabern bei Bern aus der Vogelperspektive (der Gebäudekomplex in der Bildmitte, unübersehbar: die Terrasse).

Quelle: Google Maps

Das Wirtshaus lief schlecht, ehe ihm von diesem idealistischen Grüppchen neues Leben eingehaucht wurde. Der Autor dieser Zeilen wohnte damals in unmittelbarer Nachbarschaft. Mehr als ein paar Nasen hatten sich nie in die Beiz verirrt, die nach einem unerwarteten Todesfall nicht wieder aufmachte.

«Der Saal war voller Gerümpel», erinnert sich eine der Initiantinnen im Film «Heitere Fahne» an den Moment, in dem sie zum ersten Mal in der geschlossenen Braubeiz stand. «Es war alles durcheinander, da lagen Müllsäcke, Stühle, Plastikpalmen. Es war widerlich und es stank.» Die Initianten verliebten sich trotzdem in den Bau.

Sie gründeten ein Kollektiv und begannen damit, «inklusive Kultur» zu veranstalten. Konzerte, Diners, Theater mit und von Behinderten – jeder kann mitmachen, Dinge initiieren. Natürlich gibt es trotzdem so etwas wie ein Führungsteam, einen Kern des Kollektivs, dessen Mitglieder so viel Engagement in das Projekt stecken, dass sie davon leben können müssen. Sie nannten den Betrieb mehrdeutig «Heitere Fahne». In der «Heiteren» – ihre Geschichte ist zwar eng mit einem grossen Musikfestival verflochten, hat aber nichts mit dem Heitere Open Air im Aargau zu tun – ist der Name natürlich Programm. Und manch einen Besucher konnte man nach der einen oder anderen rauschenden Nacht fragen «heiter ä Fahne?».

Eng verflochten mit einem «Kommerzfestival»

Der Film feiert jetzt Premiere, unter anderem an den Dokumentarfilmtagen Brugg (Text oben). Er ist aber mehr als das Porträt einer von unten gewachsenen Institution und erzählt davon, weshalb es im Gebälk der ach so lustig wirkenden Welt der alternativen Kultur, in der alle alles können und niemand etwas muss, kräftig knarzen kann.

Diese Geschichte handelt von Selbstausbeutung der Mitglieder an der «Front», von Selbstbestimmung und von der Frage, wie umgehen mit dem Erfolg? Denn die «Heitere Fahne» wuchs den Initianten ein wenig über den Kopf.

Angefangen hat alles mit dem Berner Gurtenfestival. Sommer für Sommer strömen Tausende Musikfans und Gaudifreunde auf den Berner Hausberg. Auf dem Weg kommen alle an der auffälligen Braubeiz vorbei – und keiner konnte das Angebot der «Heiteren» übersehen. «Gugus Gurte» heisst jeweils das Alternativfestival, das zeitgleich zum Gurtenfestival stattfindet. Es ist mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, nur mit weniger Kommerz, organisiert von der «Heiteren Fahne». Manch ein Gurtengänger soll sein teuer ergattertes Festivalticket schliesslich gar nicht genutzt haben, weil er unten nur rasch «guguus» sagen wollte – und hängen blieb.

Szene aus dem Film "Heitere Fahne"

Szene aus dem Film "Heitere Fahne"

Outside The Box / Outside the Box

Und wegen des raschen Erfolgs handelt der Film über weite Strecken von den schwierigen Diskussionen im Kollektiv, der Organisation eine Struktur zu geben, die den Betrieb in die Zukunft führen. Es kommt zu Enttäuschung, Tränen, Streit. Und als Zuschauer fragen wir uns: Wo stösst Selbstbestimmung an Grenzen? Wo kommt ein Haufen Idealisten nicht an professionellen Strukturen vorbei? Fragen, wie sie sich auch in anderen Alternativbetrieben stellen.

«Heitere Fahne» (CH 2021, 90 Min.); Regie: Christian Knorr. Ab 16.9. im Kino, zum Beispiel im Rahmen der Brugger Dokumentarfilmtage.

Trailer «Heitere Fahne».

Quelle: Outside the Box

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