Kino
Credo Marlon Brandos und seiner Nachfolger: Ich spiele nicht, ich bin

Um eins zu werden mit der Rolle, ist Method Acting seit Jahrzehnten eine gebräuchliche Technik. Einige Stars trieben sie auf die Spitze

Urs Arnold
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In Endstation Sehnsucht (im Original A Streetcar Named Desire, 1951) überzeugte Marlon Brando (mit Vivien Leigh) mit Method Acting. KEYSTONE/Everett Collection

In Endstation Sehnsucht (im Original A Streetcar Named Desire, 1951) überzeugte Marlon Brando (mit Vivien Leigh) mit Method Acting. KEYSTONE/Everett Collection

KEYSTONE

Marlon Brando hatte viele Marotten. Eine davon war, seine Texte nicht zu lernen, sondern sie von Karten abzulesen. Für «Der Pate» steckten diese in den Hemdärmeln, klebten auf Wassermelonen oder hingen auch mal am Oberkörper von Robert Duvall. Brando, die Diva, sei zu faul die Dialoge einzustudieren, folgerten manche. Brando, das Genie, sah das freilich anders: «Sich Texte nicht zu merken erhöht die Illusion der Realität und Spontanität.»

Diese Begründung passt ins Bild eines Künstlers, der Fiktion und Realität sich bahnbrechend annähern liess. Denn vor Brandos Aufstieg wurde auf der Leinwand wortwörtlich gespielt: Überhöhung und Theatralik war Usus. Dann führte er 1951 seinen Stanley Kowalski in «Endstation Sehnsucht» auf: Einen virilen, rauen Mann ohne wächsernen Überzug. Brandos meisterhafte Darbietung wurde zum ersten griffigen Beispiel für Method Acting.

Vollste Hingabe

Als Geburtshelfer dieser Art des Schauspiels taten sich in den Vierziger-Jahren Lee Strasberg und Stella Adler hervor. Beide bezogen sich auf die Theorien des russischen Schauspielers und Regisseurs Konstantin Stanislawski, interpretierten diese aber unterschiedlich. Strasbergs Variante basiert darauf, dass sich der Mime für seine Rolle aus dem emotionalen Fundus der eigenen Person bedient und diese sozusagen per Knopfdruck abrufen kann. Brandos Schauspiellehrerin Adler lehrte die organische Entwicklung von Emotionen, die durch eine geschulte Imagination und das tiefe Eindringen in Skript und Figur passiert. Gemeinsam sind beiden Konzepten eine starke Identifizierung mit der darzustellenden Person sowie die Nähe zum Realismus.

Um diese Ziele zu erreichen, wurden mit der Zeit auch die Rollen-Vorbereitungen intensiviert. Die zweite Method-Actor-Generation um Robert de Niro, Al Pacino oder Dustin Hoffman hatte daran einen grossen Anteil. Für «Taxi Driver» fuhr de Niro einen Monat lang zwölf Stunden am Tag Taxi, für «Raging Bull» (1980) nahm er nach intensiven Monaten des Boxtrainings 27 Kilo zu, um Jake LaMotta als gefallenen Sportstar zu portraitieren.

Damals war die Filmwelt ob so viel Hingabe perplex. Heute ist die Anpassung des Körpers an die Rolle obligat geworden. Charlize Therons, Natalie Portmans oder Matthew McConaugheys Metamorphosen waren ihren Oscar-Gewinnen nur zuträglich. Die Kunst der Transformation trieb indes Christian Bale auf die Spitze: Der Waliser war in Dick und mit Glatze Oscar-nominiert («American Hustle»), gewann ihn als Sprenzel («The Fighter»), gab daneben den austrainierten Bruce Wayne in drei Batman-Filmen und brachte sich als halblebendigen Geist in «The Machinist» an die Grenze zum Hungertod. Und das alles in zehn Jahren.

Nahe dem Irrsinn

Doch damit nicht genug. Ganz sich dem Naturalismus verpflichtend, ass Bale in «Rescue Dawn» lebende Würmer, genauso wie Choi Min-sik einst in «Oldboy» einen lebendigen Octopus verschlang. Oder besser deren sieben, den die Szene wurde sieben Mal gedreht. Soweit musste Shia LaBoeuf in «Herz aus Stahl» (startet am 1. Januar 2015) zwar nicht gehen, doch zog sich der ehemalige Transformers-Star während den Dreharbeiten selbst einen Zahn, um die harten Bedingungen während des 2. Weltkrieges nachzuempfinden.

Method Acting hat memorable Schauspielleistungen hervorgebracht. Es als Massstab für Qualität zu sehen, wäre jedoch vermessen. Der grossartige dänische Mime Mads Mikkelsen fand in einem Spiegel-Interview klare Worte dazu: «Method Acting finde ich verrückt. Ich gehe genauso tief in meinen Charakter wie jeder andere Schauspieler, aber ich verlasse ihn auch, so schnell ich kann.» Indirekt verwies Mikkelsen damit auf den grenzwertigsten Method Actor der Gegenwart: Daniel Day-Lewis. Dessen Gewohnheit, über die Dreharbeiten «im Charakter» zu bleiben, ist legendär. So blieb Day-Lewis auch während den Drehpausen von «Mein linker Fuss» (1989) Christy Brown, der gelähmte Maler. Die Crew fütterte Day-Lewis und hatte ihn im Rollstuhl herumzuschieben. Auch über die drei Monate Drehzeit zu «Lincoln» (2012) legte Day-Lewis seine Figur nicht ab: Stets sprach er mit seiner Lincoln-Stimme und deren Akzent, und wollte selbst von Steven Spielberg nur als Mr. President angesprochen werden.

Die Verschmelzung von der eigenen Person und der dargestellten Person: Daniel Day-Lewis hat sie so perfektioniert, dass er mitunter nur mit Mühe wieder zu sich selbst fand. «Ich weiss nicht, wie ich nicht Hawkeye sein kann», sagte er nach dem Drehende von «Der letzte Mohikaner» (1992) zu Regisseur Michael Mann. Nachdem der begnadete Philipp Seymour Hoffman Anfang des Jahres verstarb, verfasste der Journalist Richard Brody im Magazin The New Yorker einen Artikel mit dem Titel «Zerstört Method Acting den Schauspieler?». Darin vermutet Brody, das Hoffman in seiner Getriebenheit womöglich zu viel von sich selbst in eine Rolle hineingab, und sich so selbst aushöhlte.

Auch Brando schien in den letzten 25 Jahren seines Lebens eine Leere füllen zu müssen, und gab sich der beispiellosen Völlerei hin. Seine Textkarten hatte er für Menükarten eingetauscht. Aber so spielt nun mal das Leben.

Fernsehtipp Montag, 29.12., 16 Uhr – 17.30 Uhr, Arte: «Der Harte und der Zarte» Dokumentarfilm über das Leben von Marlon Brando