Kultur

Erster Zürcher «Tatort»: Deutsche «Tatort»-Schelte bleibt aus

Sind in Deutschland noch nicht durchgefallen: Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher).

Sind in Deutschland noch nicht durchgefallen: Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher).

Viel Kritik an der Story, Lob für die Kommissarinnen: Wie der «Tatort» bei den Deutschen ankam.

Als Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) 2011 mit der «Tatort»-Folge «Wunschdenken» seinen Dienst in Luzern antrat, schlug ganz Deutschland entsetzt die Hände vorm Gesicht zusammen. «Echter Käse», befand die deutsche Boulevardzeitung «Bild». Das Luzerner «Team» erlebte eine Vorverurteilung, von der es sich nie mehr richtig erholen sollte.

Würden die deutschen Medien auf die neuen Zürcher Ermittlerinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) wieder ähnlich mit Buchstaben einprügeln?, fragte man sich in der Schweiz nach den eher dürftigen und durchwachsenen Kritiken in der Schweiz. Nein, haben sie nicht. So richtig ins Herz geschlossen hat man das Duo Ott/Grandjean zwar nicht. Aber anders als noch vor fast zehn Jahren erkennt man in den beiden etwas, was man bei Darsteller Stefan Gubser gar nicht anzunehmen gewagt hatte: Potenzial.

Breiter Tenor: Es gab schon Schlimmeres

«Leider brennt hier wenig», konstatiert das Boulevard-Blatt «Bild» zwar auch für die Folge «Züri brännt». Aber: Da sei noch «Alpen-Luft nach oben». Und: «Das Team kann mal richtig gut werden.»

Während auf der Nachrichtenplattform Twitter deutsche Zuschauer über die zeitgeistige Netflix-Ästhetik witzelten («Immerhin ist farblich vieles abgestimmt») und über die kompliziert konstruierte Story («Habe, glaube ich, den Faden verloren: Ermitteln wir gerade den Schädel von der Party oder die Feuerleiche?») beruhigte ein Schweizer User die spottenden Deutschen: «Liebe Deutsche, keine Angst, die Qualität des #Tatort aus der #Schweiz steigt noch. Haben die Woche bewiesen, dass wir exponentielles Wachstum können!»

Von einer «Wachablösung ohne Alphorn» sprach die FAZ. «Neun Jahre lang waren die helvetischen Episoden so gestrickt, dass man weder den Handlungsfaden verlor noch viele Worte verpasste, wenn man mal eine Stunde lang einnickte», heisst es in der Besprechung mit einigen Speerspitzen gegen die Folgen aus Luzern. Zwar sei in Zürich auch noch nicht alles gelungen, aber die Besprechung schliesst mit dem versöhnlichen Satz: «Mag Zürich so weiterbrennen; es hat schon schwächere ‹Tatort›-Antrittsfolgen gegeben.»

Richtig begeistert war der sonst mit «Tatort»-Folgen streng ins Gericht gehende «Spiegel». Dort erhalten die Ermittlerinnen 8 von 10 möglichen Punkten und das schöne Lob «so explosiv kann es gern weitergehen». Die Geschichte, die sich um die Nachwirkungen der Opernhauskrawalle der 1980er-Jahre dreht und das neue Ermittlerduo wurden positiv aufgenommen. Und «dass dabei die Stimmung der frühen Achtziger so gekonnt in die Gegenwart der alt gewordenen Charaktere geholt wird, ist ein weiterer Bonus.»

Auch in der TAZ erhält das Ermittlerduo viel Lob. Wie sie die Spannungen zwischen ihren Figuren «mit Blicken schauspielerisch auslegen, ist fabelhaft», heisst es dort. Die Ermittlungsmethoden seien «zuweilen alles andere als zimperlich, und dann hat dieser Tatort auch seine David-Fincher-Momente. Ein spannendes Début.»

Eine «Adduktorenzerrung nach der anderen»

Richtig böse wurde die «Zeit»: «Es gibt Geschichten, die nicht wirken, wie schlecht ausgedacht – und es gibt solche wie ‹Züri brännt›». Und man wird noch einen Tick böser: «Wer hinter diesen aufgeklebten Sprechweisen plausible Figuren entdeckt, darf sich einen glücklichen Menschen nennen.» Und als wäre das noch nicht genug, folgt gleich die nächste geschriebene Ohrfeige: «Der Tatort holt sich beim Spagat seiner filmischen Mittel eine Adduktorenzerrung nach der anderen.»

In eine ähnliche Richtung geht auch die Kritik der «Süddeutschen Zeitung»: «zu viel Krimiroutine», «zu viele Unglaubwürdigkeiten», «zu viel floskelhafte Beschwörung des Oberthemas». Die Ermittlerinnen aber, da ist sich die «Süddeutsche» mit vielen anderen Blätter einig, würden den Fall tragen. «Und jetzt, nach der Premiere, liegt alles vor ihnen.»

Autor

Julia Stephan

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