Interview

Eine Archäologiestudentin entdeckt ihre geheimnisvolle Abstammung: Federica de Cesco im Gespräch zu ihrem neuen Roman

«Es ist eine verrückte Geschichte.» Federica de Cesco (82) in ihrer Wahlheimat in Luzern am Quai.

«Es ist eine verrückte Geschichte.» Federica de Cesco (82) in ihrer Wahlheimat in Luzern am Quai.

Die in Luzerner lebende Starautorin Federica de Cesco kombiniert eine Lovestory mit dem Hintergrund einer bekannten Ausgrabung. Wir durften mir ihr über den neuen Roman «Das Erbe der Vogelmenschen» reden.

Seit Mitte der 1990er-Jahre wird in Göbekli Tepe gegraben, einer Fund­stätte in Anatolien/Türkei. Mehrere Schichten bergen Gebäudereste und Gebrauchsgegenstände, die 10'000 bis 15'000 Jahren v. Chr. rückdatiert werden. Es könnte sich um ein Heiligtum oder auch eine Sternwarte handeln, und manches spricht für eine Kultur, deren Entwicklung viel weiter war als andere zu gleicher Zeit.

Federica De Cesco, die in ihren Romanen oft historische und kulturelle Hintergründe einbaut, hat dafür diesmal diese faszinierende Ausgrabungsstätte gewählt. Und erzählt die Geschichte der Archäologiestudentin Leo, die von ihrer Grossmutter ein Familiengeheimnis erfährt: Sie ist eine Nachfahrin der Vogelmenschen, eines Schamanen­volkes mit ganz besonderen physischen und geistigen Fähigkeiten. Mit ihrem Vater reist sie in die Türkei, wo sie hofft, in der Ausgrabungsstätte mehr über sich selber zu erfahren. Und gerät dabei mitten in den Konflikt zwischen Türken, Kurden und dem IS.

Leo erfährt, dass sie von den Vogelmenschen abstammt. Diese sollen im Roman die in Göbekli Tepe gefundenen Heiligtümer erbaut haben. Wofür es in der Realität keine wissenschaftlichen Hinweise gibt. Reine Fiktion also?

Federica de Cesco: Ja, ich weiss, es ist eine verrückte Geschichte. Aber es sind ja auch verrückte Zeiten, nicht? Mich fasziniert die Idee, dass es vielleicht Nach­fahren einer hoch ­entwickelten Kultur gibt, die vor Tausenden Jahren von einer Katastrophe zerstört worden ist und nun in Göbekli Tepe zum Vorschein kommt. Womöglich werden die Ausgrabungen Hinweise liefern auf die biblische Sintflut, wer weiss. Diese Nachfahren zeige ich als Vogelmenschen, weil geflügelte Wesen in vielen Kulturen eine starke Rolle spielen. Etwa als Engel. Vielleicht sind sie ja eine Art Schutzengel, die ihre heilenden, aber durchaus auch kämpferischen Fähigkeiten für das Gute einsetzen.

Diese Fiktion oder Interpretation bringen Sie über die Figur von Leos weiser, aber auch hippie-flippiger Grossmutter zum Ausdruck. Daneben gehen sie aber auch auf politische und kulturelle Fakten ein?

Es ist mir wichtig, meinen Leserinnen und Lesern fundierte Hintergründe zu bieten. Jedoch sollen sich diese im Rahmen halten, schliesslich will ich ja einen möglichst spannenden Roman erzählen.

Mit einer für Sie typischen Hauptfigur: Leo ist eigenwillig, stark, selbstbewusst, aber auch feinfühlig und verletzlich. Und zunächst gar nicht begeistert, als sie von ihrer Abstammung hört.

Überhaupt nicht! Zuerst denkt sie, dass ihre Grossmutter nur Blödsinn erzählt. Dabei hat sie schon immer gespürt, dass sie sich von anderen unter­scheidet, dass etwas Besonderes in ihr ist. Aber sie sträubt sich dagegen. Mich interessierte der Prozess bis zum Punkt, an dem sie ihre Abstammung wie die damit verbundene Aufgabe und Verantwortung annehmen kann.

Beim Lesen hat man den Eindruck, dass Sie sich selber in Leo als auch in die Grossmutter einbringen.

(lacht) Wohl eher in die Grossmutter. Sie ist ja genauso wie Leo mit ihrer Besonderheit konfrontiert, lebt diese aber schon lange sehr bewusst aus. Nun berichtet sie Leo davon, lässt ihr aber auch die Freiheit, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

Die Autorin Federica De Cesco.

Die Autorin Federica De Cesco.

Im Roman bringen Sie sehr klar gewisse Sympathien und Antipathien zum Ausdruck, Erstere etwa für die Jesiden und die Kurden, beides Volksgruppen, die unter Anfeindungen und Ungerechtigkeit leiden.

Das ist so. Wobei mich bei den Jesiden auch die kulturellen Bezüge zur Engelverehrung fasziniert hat. Im Roman werden sie vertreten durch den jungen Künstler Kenan, der eine besondere Beziehung zu Leo spürt. Die Kurden treten im Roman als Beschützer der Ausgrabungsstätte gegen den IS auf. Ich denke, dass ihnen für die wichtige Rolle, die sie im Kampf gegen den IS spielen, zu wenig Dankbarkeit ent­gegengebracht wird.

Sie sprechen die Liebesbeziehung zwischen Leo und Kenan an. Diese kommt nur sehr behutsam voran, obschon Leo punkto Männergeschichten kein Kind von Traurigkeit ist.

Vielleicht gerade deswegen. Denn beide spüren, dass diese Beziehung etwas Besonderes ist, und darum auch mit hoher Verletzlichkeit verbunden ist. Deshalb nähern sie sich ganz unmodern langsam an.

Am Anfang des Gesprächs haben Sie die verrückte Zeit erwähnt, in der wir leben. Wie ist es Ihnen selber in den letzten Monaten ergangen.

Oh, mir und meinem Mann geht es gut. Natürlich sind viele Lesungen und gesellschaftliche Anlässe abgesagt worden. Aber unglücklich war ich darüber nicht. So hatten wir beide mehr Zeit zum Schreiben. Und für uns.

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