Seit über zehn Jahren sammeln und digitalisieren Forschende der Universität Bern und der Justus-Liebig-Universität Giessen (Deutschland) die Lebenswege von Gelehrten im Mittelalter. Das Forschungs- und Digitalisierungsprojekt RAG (Repertorium Academicum Germanicum) rückt nicht nur den einzelnen Gelehrten, sondern den ganzen Gelehrtenstand in das Blickfeld der Forschung, wie Co-Projektleiter Rainer Schwinges von der Universität Bern gemäss einer Mitteilung erklärte.

Damit werden plötzlich umfassend die persönlichen Netzwerke sichtbar, die damals wie heute entscheidend für die Karriere waren und auch so bekannte Persönlichkeiten wie Erasmus von Rotterdam und Martin Luther beeinflussten. Schon damals lief vieles über Beziehungen. Wer ging mit wem zur Uni? Wer traf auf wen im Zuge seiner Reisen? Woher bekamen die Gelehrten womöglich Inspiration?

Diesen Fragen hilft die nun öffentlich zugängliche Online-Datenbank des Projekts auf den Grund zu gehen. Sie umfasst rund 60'000 Personen, die zwischen 1250 und 1550 an einer Universität Europas promoviert haben.

Die Datenbank erlaubt es den Nutzenden, die Gelehrten nach Herkunftsort, Studienfach oder den besuchten Universitäten zu gruppieren, wie die Universität Bern am Dienstag mitteilte. Man kann aber auch ihre Reisen auf einer Karte darstellen oder ihre Beziehungen zu anderen Gelehrten visualisieren.

In der Datenbank finden sich auch Gelehrte aus dem Gebiet der heutigen Schweiz, obwohl junge Männer damals fürs Studium weiter reisen mussten. Die erste Universität der Schweiz entstand erst 1460 in Basel. Frauen war der Zugang zum Studium generell verwehrt.

Unter den insgesamt 1250 Schweizer Gelehrten in der RAG-Datenbank finden sich neben bekannten Namen wie Johannes Calvin auch weitaus weniger bekannte Schweizer Gelehrte aus kleineren Ortschaften.