Kultur

Ein Leben zwischen Gotthelf und Broadway

Linda Geiser sah man in vielen Franz-Schnyder-Filmen: 1957 in «Der 10. Mai» mit Heinz Reincke.

Linda Geiser sah man in vielen Franz-Schnyder-Filmen: 1957 in «Der 10. Mai» mit Heinz Reincke.

Die Schauspielerin Linda Geiser, 83, spielte in legendären Schweizer Filmen, lebt aber in New York. Ihre Biografie ist ein Lesevergnügen.

Ihre ersten Rollen hatte Linda Geiser in den Gotthelf-Verfilmungen «Uli der Knecht» und «Anne Bäbi Jowäger». In «Uli der Knecht» war sie das quirlige Ürsi, während Liselotte Pulver das liebe Vreneli spielte. Ebenfalls unter Franz Schnyders Regie spielte sie 1957 in der «10. Mai». Einen bleibenden Eindruck hinterliess die Berner Schauspielerin in der Fernsehserie «Die 6 Kummer-Buben» von 1968: Sie gab als Sophie Kummer nicht die urchige Emmentaler Mutter. Mit ihrer zarten Aura und ihrer kühlen Eigenwilligkeit wirkte sie umso faszinierender.

Schliessen wir dieses Nostalgiefenster. Wie bunt ihr Leben verlaufen ist, schildert die Biografie, die von der Journalistin und SRF-Mitarbeiterin Gabriela Kaegi und dem Schriftsteller Heinz Stalder verfasst wurde. Geiser bringt darin ihre Erfahrungen pointiert auf den Punkt. Sie blendet nicht und sie hadert nicht. Ihre Direktheit und Leichtigkeit haben etwas Ermutigendes. Sie ist eine Persönlichkeit, die sich vor Veränderungen nie gefürchtet hat.

Schlummermutter und Schauspielerin

Nach ersten schauspielerischen Erfahrungen am Atelier-Theater in Bern hatte sie Engagements in Hamburg und Berlin. 1961 zog sie zu ihrem Liebsten nach New York. Dort blieb sie, obwohl die Beziehung auseinanderging. Sie entfaltete ihr künstlerisches Leben, spielte am Broadway und kehrte für einzelne Filmrollen in die Schweiz zurück. So für die populäre Fernsehserie «Lüthi und Blanc» (1999–2007), in der sie Madame Blanc spielte.

An der Lower East Side in New York kaufte sie ein Haus, das sie später als «Red House» für Atelieraufenthalte von Berner Kultur- und Kunstschaffenden zur Verfügung stellte. Geiser wurde eine Schlummermutter, wie man sie sich als Greenhorn in der Metropole nur wünschen konnte: offenherzig, eigen, autonom. Wo sie gefragt war, gab sie Auskunft und vermittelte. Gleichzeitig arbeitete sie an ihren eigenen künstlerischen Projekten mit Schmuck, Kunsthandwerk und Malerei.

Das Buch, das Leben einer Frau, die nie verbissen die grosse Karriere suchte, sondern nahm, was sie pflücken konnte und dabei sehr bodenständig und eigen geblieben ist. Als sie von Gabriela Kaegi gefragt wurde, was sie zum Thema Freundschaften zu sagen habe, antwortete sie: «Ohne Lover chönnti läbe, ohne Fründe nid. Schreib das! Mehr hab ich dazu nicht zu sagen.» Beide Autoren hatten Linda Geiser als Stipendiaten im «Red House» kennen gelernt. Beide wollten über sie schreiben, Gabriela Kaegi hatte sie nach mehreren Anläufen dazu überreden können, praktisch gleichzeitig kam auch die Anfrage von Heinz Stalder. Also taten sich die beiden zusammen, mit unterschiedlich verteilten Rollen. Kaegi protokollierte in unzähligen Interview-Stunden die Geschichten von Geisers Leben und fasst sie anschaulich zusammen. Dazwischen eingestreut sind literarische Kurz-Reportagen von Stalder, der das Lebensgefühl im «Red House» und in Manhattan mit träfen Beobachtungen und Anekdoten verknüpft. Zahlreiche Fotos illustrieren die Stationen dieser aussergewöhnlichen Frau, die gleichzeitig so weltgewandt wie bescheiden ist.

Noch lange nicht das Ende

250 Kunstschaffende aus dem Kanton Bern hat Linda Geiser als Landlady während 36 Jahren beherbergt, von der Schauspielerin über den Free Jazzer und die Schriftstellerin bis zum Rapper und Fotografen. Diese Ära ist zu Ende. Linda Geiser hat das Haus verkauft und ist in die Nähe an die 11. Strasse gezogen. Aber sie hat nichts von ihrer Lebensenergie eingebüsst. In einem Interview mit der «BümplizWoche» sagte Linda Geiser: «Mein Leben geht weiter! In etwa zwanzig Jahren könnt ihr dann noch meine Altersbiografie schreiben. Hier drin steckt vielleicht der erste grosse Teil meines Lebens, aber das ist noch lange nicht das Ende.»

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