Weltgeschichte(n)
Ein intimer Blick auf Amerikas Tragödien

Die Fotopionierin Dorothea Lange (1895-1965) schuf mit einem Dokument aus Amerikas Weltwirtschaftskrise eine der am häufigsten ausgestellten Fotografien der Geschichte. Ihr Enkel, der Musiker Paul Taylor lebt in Brugg und zeigt dort unveröffentlichte Bilder aus dem Familienalbum: Eine Legende lebt.

Daniele Muscionico
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Der New Yorker Musiker Paul Taylor erzählt im Zimmermannhaus in Brugg die Geschichten hinter den sozialkritischen Bildern von «Grandma Dorrie» .

Der New Yorker Musiker Paul Taylor erzählt im Zimmermannhaus in Brugg die Geschichten hinter den sozialkritischen Bildern von «Grandma Dorrie» .

Paul Taylor steht in der Ausstellung, heute zum zweiten Mal, schüttelt den Kopf, es berührt ihn noch immer: «Wahnsinn!» Da ist seine Grossmutter seit über fünfzig Jahren tot, doch in diesem Moment so lebendig, wie er sie kannte. Es ist «Grandma Dorrie», so ihr Kosename, die ikonische Fotografin mit deutschen Wurzeln, die als eine der ersten fotografierenden Frauen an Amerikas schönem Lack kratzte, Dorothea Lange (1895–1965).

«Grandma Dorrie» mit Pauls Grossvater am Strand von Steep Ravine, unweit von San Francisco: Das Bild stammt von einem ihrer Bekannten, dem grossen Fotografen Ansel Adams. Es zeigt Taylors Grosseltern 1957 am Meer, wo der kleine Paul und sie in deren Zweizimmer-Bungalow viele Sommerwochenenden verbrachte.

Grandma kochte auf einem Holzfeuer, sie wusch sich mit den Kindern, das Wasser war kalt. Eine Sommeridylle, ein Traum, in der Luft ein Geruch von Unbeschwertheit und Wärme. Steep Ravine, die Pazifikoase der Familie, gibt es noch immer. Heute kann man das Häuschen mieten, einen 1-Million-Dollar-View für 100 Dollar die Nacht.

Weltgeschichte trifft Familiengeschichte - in Brugg

Was für eine Geschichte: Dorothea Lange mit Enkel Paul in Ferienlaune, so etwas hat man noch nicht gesehen. Und die Geschichte ist noch überraschungsreicher, Zufälle gibt es nicht: Dieser Enkel, Paul Taylor, lebt in der Schweiz, in Brugg. Er ist Musiker, Solohornist und Dirigent mit einem eigenen Orchester, die Liebe hat ihn in den 80er-Jahren in die Alte Welt geführt. Taylor zeigt im Zimmermannhaus und in seiner kleinen Brugger Altstadtgalerie zum ersten Mal teils unveröffentlichte Familienbilder, die meisten von «Dorrie» selbst abgezogen. «Sie liebte es, in der Dunkelkammer zu arbeiten», weiss er, denn er war hautnah dabei.

Der persönliche Blick auf Dorothea Lange, ergänzt durch Werke aus dem Oakland Museum of California, ist exquisit. Die Ausstellung von Andrea Gsell ist ein Missing Link in der Erzählung rund um die schillernde Künstlerpersönlichkeit: Lange kennt man als Mitbegründerin schonungsloser Dokumentarfotografie. Ihre Bilder stehen für humanistische Sozialreportagen, die in den 30er- und 40er-Jahren die Welt bewegten.

«Migrant Mother», ein Bild geht um die Welt

Vor allem eine Aufnahme schrieb Geschichte und hatte einen politischen Impact wie später erst wieder die Fotos aus dem Vietnam-Krieg: «Mi­grant Mother» (1936) heisst es und zeigt eine Frau mit vier Kindern in einem Transitlager für Erbsenpflücker. Die Flüchtlingsfamilie sucht Schutz in einer provisorisch mit Sacktuch erstellten Behausung. Reste ihres Besitzes erzählen aus ihrem alten Leben. In Brugg ist eine von sieben Versionen des Bildes zu sehen, es ist die am wenigsten bekannte.

Dorothea Lange, «Migrant Mother», Nipomo, California, 1936.

Dorothea Lange, «Migrant Mother», Nipomo, California, 1936.

Collection of the Oakland Museum of California.

Lange fotografierte in der Grossen Depression, der Weltwirtschaftskrise Landarbeiter, Landarbeiterinnen, die zu Hundertausenden von Norden nach Kalifornien flohen. Die amerikanische Ökonomie war am Boden, es herrschten fatale Dürren und gewalttätige Stürme als Folge der schnellen und falschen Urbarmachung der Prärie. Den Preis dafür bezahlten die bereits Ärmsten, die Pächter, Siedler und deren ­Familien, die alles verloren.

«Was gibst Du Dich mit schmutzigen Menschen ab?»

Schon vom Tod gezeichnet. Dorothea Lang in ihrem Studio in der San Francisco Bay 1964.

Schon vom Tod gezeichnet. Dorothea Lang in ihrem Studio in der San Francisco Bay 1964.

Foto: Rondal Partridge

Dorothea Lange, damals eine angesehene Porträtfotografin der oberen Gesellschaftsschicht von San Francisco, sah, begriff – und musste handeln. Das Elend der Suppenküchen, die Obdachlosen vor ihrem Fenster zunächst, «White Angel Bread Line» (1933) wurde zum Symbolbild. Auch dieses Bild hängt in Brugg.

Mit Paul Taylors Grossvater dokumentierte sie während eines ganzen Jahres die Lage der Verarmten in Kalifornien und veröffentlichte 1939 die Publikation «An American Exodus». Bilder, die ein Jahr nach ihrem Tod im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurden, als erste Einzelausstellung der Institution einer Fotografin überhaupt.

Taylor, ein Ökonom und Soziologe an der Universität Berkeley, verfasste die Texte, Zahlen und Fakten waren wichtig, Lange lieferte die Fotografien. «Was tust Du? Gibst Dich mit schmutzigen Menschen ab,» schnödeten ihre feinen Freunde. Taylor zitiert, was er als Kind mehr als einmal gehört hat.

Nach dem Kalifornien-Report wurde die Regierung auf sie aufmerksam und verpflichtete sie, ihre Dokumentation auf andere Bundesstaaten auszuweiten. «Grandma Dorrie»», erzählt ihr Enkel, fuhr oft alleine durch das Land und fotografierte ohne Scheu vor dem Elend. In Kenntnis dieser Bilder begann die Öffentlichkeit unruhig zu werden, und Washington verordnet die Errichtung erster Flüchtlingscamps und finanzierte erste Unterstützungsprogramme für Familien.

White America first

«Sie war eine kämpferische und überzeugte Frau, wir Kinder hatten grossen Respekt vor ihr», erinnert sich Paul Taylor. Ihr Haar war kurz, sie trug Hosen, schweren Schmuck, sie war eine Erscheinung. Als sie sich ihrer sozialen Aufgabe zuwandte, warfen ihr Freunde aus der feinen Gesellschaft vor, «so ernst geworden» zu sein.

Auch Washington war mit Langes Bilderauswahl, die sie in die Hauptstadt schickte, oft nicht einverstanden. «Warum fotografierst Du Negros und Indianer? Wir müssen das weisse Amerika unterstützen!», lautete die Kritik. Doch Lange, sagt Taylor, blieb bei ihrem Anspruch, gerade den Hoffnungslosesten im Bild Würde zurückzugeben. Drei Mal wurde sie gefeuert, drei Mal wieder eingestellt. Ihre Bilder und ihre Perspektive als Frau waren für die Regierung unverzichtbar.

Zimmermannhaus Brugg, «Wellenlänge», Bilder von Dorothea Lange und eine Soundinstallation von Lilian Beidler, die mit den Fotos einen künstlerischen Dialog aufnimmt, 21. 8. bis 3. 10.21.

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