Literatur
Bei der französischen Starautorin Marie NDiaye kämpfen drei Frauen gegen ihre inneren Dämonen

Kindsmord, sexueller Missbrauch, Betrug: Starautorin Marie NDiaye wird im Roman «Die Rache ist mein» zur literarischen Exorzistin.

Peter Henning
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Prix Goncourt-Gewinnerin Marie NDiaye.

Prix Goncourt-Gewinnerin Marie NDiaye.

Bertrand Rindoff Petroff / French Select

Ihre Schriftstellervita liest sich, als hätten sich zwei Hollywood-Drehbuchschreiber das Ganze am Telefon ausgedacht: Eine 17-jährige Französin schreibt sich 1985 ihre Fantasien von der Seele, setzt sich in Bourg-la-Reine, wo sie ihr erstes Romanmanuskript verfasst hat, in den Zug nach Paris, um es persönlich bei den von ihr ausgewählten Verlagshäusern abzugeben. Kurz darauf erhält sie einen Anruf eines Verlegers – und unterschreibt ihren ersten Buchvertrag beim Verlag von Samuel Beckett, den Éditions de Minuit.

Der märchenhafte Aufstieg vom schreibenden Aschenputtel zum Literaturstar – das ist die Geschichte der 1967 in Pithiviers bei Orléans geborenen Marie NDiaye. Seither hat sie zwölf Romane veröffentlicht, darunter eisig schöne Erzählwerke wie «Ladivine» oder «Drei Frauen», für den sie 2009 den Prix Goncourt erhielt – Frankreichs höchste Literaturauszeichnung.

Eine Kindsmörderin und ihre Verteidigerin

Nun hat sie mit «Die Rache ist mein» ihren neuen Roman vorgelegt – und wieder sind es Tauchfahrten durch die Weiten und Untiefen der menschlichen Seele, genauer, weiblicher Seelen, die sie darin in wie mit einer dünnen Eisschicht überzogenen Sätzen und Bildern beschreibt.

Und wenn es an einer Stelle des Buches heisst: «Es waren dunkle Tage voller Eis und Nebel über Bordeaux», so ist damit treffend das Klima beschrieben, in dem sich die Geschichte prozesshaft abspult. Die 42-jährige Anwältin Maître Susane erhält eines Tages in ihrer Kanzlei in Bordeaux Besuch von einem gewissen Gilles Principaux, der sie bittet, den an sich aussichtslosen Fall seiner Frau Marlyne zu übernehmen, die ihre drei Kinder in der Badewanne ertränkt hat. Und vom ersten Moment an hat sie das Gefühl, den Mann aus ihrer Jugend zu kennen. Mehr noch: Mit seiner Anwesenheit scheint sich ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit zu melden, meint sie doch in Principaux jenen schönen Jungen von einst wiederzuerkennen, der ihrem Leben seinerzeit eine ganz bestimmte Richtung gab. Denn Andeutungen ihres Vaters zufolge scheint Principaux ihr damals zu nahe gekommen zu sein – ihre Erinnerung aber verweigert ihr jeden Zugang zu den Ereignissen von einst.

Und so setzt mit der Übernahme der Verteidigung der als Mörderin Angeklagten noch ein zweiter Prozess für die Anwältin ein, nämlicher jener der ganz persönlichen Selbstbefragung, ausgehend von der Fragestellung: «Was hat er (Principaux) in diesem Zimmer mit dir getan?» Doch damit nicht genug: Zugleich setzt Maître Susane alle juristischen Hebel in Bewegung, um für ihre von ihr illegal beschäftigte Haushälterin Sharon jene Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, die ihr ein Verbleiben in Frankreich offiziell ermöglicht. Doch umso intensiver sie sich mit der Geschichte der verschlossenen Mauretanierin beschäftigt, desto undurchsichtiger erscheint ihr Sharon – und ihr bis dato gutes Verhältnis bekommt Risse.

Sie kämpfen allesamt um ihre innere Freiheit

«Susane spürte von Anfang an, dass Sharon auf obskure Weise eine zutiefst verworfene Frau in ihr sah – einen Morast. Und das hasste Susane an Sharon.» Langsam und in Sequenzen von bisweilen atemberaubender Dichte und Schönheit verschränkt Marie NDiaye ihre drei Frauenschicksale ineinander. Bis daraus das faszinierende Porträt dreier um ihre innere Freiheit kämpfender Frauen entsteht: hier die Mörderin Marlyne, der die kalte Geborgenheit einer Gefängniszelle allemal lieber ist als die Ehehölle an der Seite von Principaux – dort Sharon, die sich mit einem Spiel der Täuschungen ihre Freiräume erkämpft. Und zuletzt Susane, die in der Vergangenheit nach Antworten sucht, um ihre Gegenwart besser zu verstehen – und zu ertragen. Bis sie am Ende mit Blick auf das Gespenst Principaux sagen kann: «Du interessierst mich nicht, und ich habe keine Angst mehr vor dir! Und ich will gar nicht mehr wissen, wer du für mich bist!» Exorzismus mit den Mitteln der Literatur – das ist es, was die Magierin Marie NDiaye einmal mehr mit kühler Perfektion im Vorliegenden praktiziert!

Marie NDiaye: Die Rache ist mein. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kahlscheuer. Suhrkamp, 238 S.

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