Kultur

Diese Schweizer Schauspielerin ist gleichzeitig Kommissarin und Junkie

Sarah Spale: Als Rosa Wilder (im Bild) stets kontrolliert, als Sandrine in «Platzspitzbaby» ausser Kontrolle.

Sarah Spale: Als Rosa Wilder (im Bild) stets kontrolliert, als Sandrine in «Platzspitzbaby» ausser Kontrolle.

Sarah Spale prägt Anfang 2020 gleich zwei Produktionen des TV- und Kinogeschehens: als Ermittlerin in «Wilder II» und als Drogenabhängige in «Platzspitzbaby». Beide Male schlägt sie sich mit überraschend ähnlichen Themen herum.

Nein, Sarah Spale ist nicht das Platzspitzbaby. Aber sie stürzt als Sandrine am Platzspitz im Zürich der späten Achtziger ab und überlässt ihre Tochter, die 12-jährige Mia (gespielt von Luna Mwezi) sich selbst. Und wie eindringlich das Sarah Spale tut, trifft einen ins Mark: Hängende Schultern, gebeugter Gang, leerer Blick – wer sich die Bilder von damals aus Zürich, Basel oder Bern in Erinnerung ruft, kennt die traurigen Gestalten, die Schatten auf der Suche nach Geld und Stoff.

Ausser Kontrolle, könnte man sagen. Oder unter Kontrolle ihrer Sucht, die sie durch die Gassen schleichen lässt. Jedenfalls hat Sandrine den Kampf gegen die Sucht verloren. Sie liebt ihre Tochter, doch das körperliche Verlangen nach Stoff überwiegt ihre Fähigkeit, sich um Mia zu kümmern. Andersherum: Mia kümmert sich um ihre süchtige Mutter. Und schultert damit eine Bürde, die man in den Neunzigern allzu schnell den Kindern der Süchtigen überliess. So jedenfalls lautet die Anklage des Buchs «Platzspitzbaby» von 2013, das dem Film von Pierre Monnard als Vorlage diente.

Verwahrlostes Kind

Die Autorin, Michelle Halbheer, erzählt darin ihre Geschichte als verwahrlostes Kind einer Mutter, die auf dem Platzspitz, nahe der glitzernden Bahnhofstrasse, ihr Leben an die Drogen verschenkt. Am Ende der offenen Drogenszene Mitte Neunziger wurden die Kinder der Drogenabhängigen vergessen respektive instrumentalisiert, schreibt Halbheer. Sie sollten bei ihren Müttern und Vätern bleiben − in der Hoffnung, die Kinder würden sie dazu bringen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Um Kontrolle kämpft Sarah Spale auch als Rosa Wilder in der zweiten Staffel der SRF-Krimiserie Wilder. Das Erfolgsformat des Schweizer Fernsehens hat das Set diesmal nicht in den verschneiten Alpen gesucht, sondern im herbstlichen Jura gefunden. Rosa Wilder ermittelt in der vordergründig idyllischen Jurawelt in einem Mehrfachmord und stösst auf unerledigte Dorfgeschichten und einen französischen Drogenring.

In beiden Rollen spielt Spale eine Mutter. In beiden vernachlässigt sie ihr Kind. Bei Platzspitzbaby stürzt sie sich in die Drogen, bei Wilder II in die Arbeit. Dabei hat sie in «Wilder» auch noch mit ihrer eigenen Sturheit zu kämpfen. Der Vater hat eine Haftstrafe verbüsst und könnte eine Stütze sein. Sie lässt sich nicht auf ihn ein. Während es in der Serie niemand Rosa Wilder recht machen kann, kann Sandrine es in «Platzspitzbaby» niemandem recht machen. Ständig ist sie mit Forderungen von anderen konfrontiert, sie ist es, die niemandem genügt.

Der Vergleich mit Charlotte Gainsbourg

Zwei Produktionen, eine Schauspielerin, worin liegt das Geheimnis ihres Erfolgs? Wir trafen Sarah Spale in Zürich. 1980 in Basel geboren, Studium in Kulturwissenschaften, Ausbildung zur Schauspielerin in Deutschland. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrer Nebenrolle in «Nachtzug nach Lissabon». Die sah Pierre Monnard, der von SRF den Zuschlag für «Wilder» erhielt. Er lud sie ein, und, wie er gegenüber «Frame» sagte, ihre authentische Art überzeugte ihn auf Anhieb. «Wilder» wurde zum Erfolg und seither sind die Namen Spale und Monnard verknüpft, Monnard steht auch hinter der Kamera bei «Wilder II», «Platzspitzbaby» und «Wilder III», für dessen Dreh die Crew diesen Monat erneut in den Jura reist.

Sarah Spale betont das Vertrauen zwischen Regisseur und Schauspielerin. Das war besonders wichtig in der Rolle als Drogenabhängige. Denn als Sandrine musste sie Grenzen überschreiten.

Mehr noch: Für die Vorbereitung musste sich Sarah Spale sich öffentlich exponieren, um in die Gefühlswelt einer Drogenabhängigen einzutauchen.

Das tat sie, etwa indem sie durch den Bahnhof ging mit der Übungsanleitung: jeden gegen sich, jeden scheisse finden, dem sie begegnete. Das Ziel der Übung lag darin, körperlichen Stress bei ihr auszulösen. Eine Drogenabhängige auf der Suche nach Stoff ist schliesslich äusserst gestresst. Seit einem Jahr arbeitet Spale nicht mehr im Basler Jugendzentrum, in dem sie zuvor neben ihrem Job als Primarlehrerin ihre Brötchen verdiente, weil die Schauspielerei dafür nicht ausreichte. Sarah Spale wurde nach Wilder zur gefragten Frau, Platzspitzbaby wird ihrer Karriere zweifellos weiter Schub verleihen.

Wird sie gar zum Superstar, zur Schweizer Charlotte Gainsbourg, der Französin mit ihrem genialen Rollenspiel, der Sarah Spale nicht nur gleicht, sondern an die sie auch wegen ihres Schauspiels erinnert? Sarah Spale nimmt solche Vergleiche als Kompliment und an, will aber eines verstanden wissen: Junkie-Mutter ist ihre Rolle, sie guckte nichts davon bei anderen Schauspielerinnen ab, sondern bei Drogensüchtigen. In der Realität.

Meistgesehen

Artboard 1