Literatur

Diese fünf Autoren sind die Geheimtipps an den Solothurner Literaturtagen

Der Basler Autor Urs Zürcher

Der Basler Autor Urs Zürcher

Sie gilt als Qualitätsstempel für Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: Die Einladung zu den Solothurner Literaturtagen. Was kann man neben den bekannten Bestsellerautoren hören? Wir stellen vier Beispiele aus der erfreulichen Vielfalt an Romanen, Lyrik und Spoken Word vor – von Autorinnen und Autoren, die es noch zu entdecken gilt.

Urs Zürcher - Der expressionistische Historiker

Atemberaubend – für einmal trifft das tatsächlich zu. Denn selten hat man in der Schweizer Literatur einen so fesselnd expressionistischen Romananfang gelesen: Wir sind im Kopf eines menschlichen Wracks, des 30-jährigen Jonas, der 2019 nach Basel zurückkehrt, grässliche Kriegsbilder aus der Ostukraine vor Augen, mit ­zerzaustem Bart, eingehüllt in ein Yak-Fell, seine rechte Hand von einer Granate abgerissen. Erschrockene Passanten gehen der Furcht einflössenden Gestalt aus dem Weg. Wenn er seine Kalaschnikow noch hätte, würde er die Leute hier abknallen, schiesst es ihm durch den Kopf. Sein deprimierendes Ziel: Der Mutter seines Freundes Benjamin von dessen Tod im ukrainischen Kriegswinter zu berichten.

Urs Zürcher: Überwintern, Roman, Bilgerverlag, 423 Seiten.

Urs Zürcher: Überwintern, Roman, Bilgerverlag, 423 Seiten.

In den besten Passagen wie ein existenzialistisches Drama

Auf 400 Seiten skizziert Urs Zürcher, wie aus den zornigen Basler Jugendlichen lebensverachtende Söldner wurden – in komplex verschachtelten Rückblenden. «Überwintern» ist kein blutiger Kriegsthriller, sondern eine vielstimmige, ruppige Milieustudie einer Generation im Selbstzerstörungsmodus. Die Hauptfiguren: Jonas, der hasserfüllte Kommunistensohn, der nach Deutschland abhaut und brachiale Gedichte schreibt, und Benjamin, Bürgersöhnchen und Jus-­Student. Schicksalhaft verweben sich ihre Lebenswege. Am selben Tag, dem 19. 8. 1988 geboren, werden sie nach einer Schulhofprügelei Freunde.

Stark ist der Roman in den atmosphärisch dichten Szenen, die den jugendlich-hochtrabenden Nihilismus zwischen Onanie, Sinnleere, unstillbarem Ekel und Gewaltfantasien einfängt. In den besten Passagen ist das existenzialistische Drama greifbar. Gehässige Betrügereien in den Familien und die Balkankriege als zeitgeschichtliche Tragödien liefern den Hintergrund. Als passenden Soundtrack hören sie am liebsten düsteren Hardrock von Celtic Frost. Zürcher ist zudem ein Duftspezialist. Man riecht sich förmlich in den Roman hinein: Vom grasigen Duft eines Sommertags bis zum Geruch nach Schmierfett und Schimmel in der Ukraine.

Parallelen zur Zeit vor dem 1. Weltkrieg

Da wagt sich also einer an ganz grosse Themen. Mit seinem dritten Roman «Überwintern» ist der 56-jährige Basler Historiker Urs Zürcher zum ersten Mal an die Solothurner Literaturtage geladen. Bis anhin wurde der Autor medial nur am Rand beachtet. In seiner Doktorarbeit hatte er sich vor 25 Jahren dem Verhältnis der Medizin zu Missbildungen gewidmet. In seinen spektakulären Romanen erzählt er nun mit einer düsteren Gegenwartsanalyse von seelischen Deformationen, von Gedächtnisverlust und politischer und existenzieller Radikalisierung. In seinem neuen Roman nimmt er das Thema seines Debüts «Der Innerschweizer» aus dem Jahr 2014 auf: Wie geraten junge Schweizer derart aus der Bahn, dass sie aus Abscheu vor der Gesellschaft zu Fanatikern werden?

«Nichts von dem, was Gegenwart genannt wurde, wies über sich hinaus», denkt Benjamin einmal. Urs Zürcher verweist damit auf die Kontinuität des expressionistischen Pathos mit den Leitbegriffen Überdruss, Ekel, Langeweile und Todessehnsucht, die vor dem Ersten Weltkrieg in eine katastrophale «Reinigung durch Krieg» mündeten. Hansruedi Kugler

Eva Maria Leuenberger - Die Moorleichenflüsterin

Die Berner Schriftstellerin und Absolventin des Bieler Literaturinstituts Eva Maria Leuenberger ist 28-jährig mit einem Buch in die literarische Welt eingetreten, das man getrost einen Wurf nennen darf. Ihr Gedichtband könnte nicht weiter entfernt sein von einer drögen Zusammenstellung von Versuchen und Sentimentalitäten.

«Dekarnation» ist ein mutiges und entschlossenes Konzeptbuch, das mit Elementen des Gothic spielt und sozusagen einen Todesmagnetismus ausübt, den man sonst vom Death Metal kennt. Dekarnation heisst Entfleischung – der Verfallsprozess aller Weichteile, nach dessen Ende nur das Skelett übrig bleibt. Und vielleicht ein paar Haare.

Ein Gespräch unter Leichen

Ein schwarzes Buch, äusserlich wie innerlich – aber keineswegs ein grausames, und schon gar kein lautes. Es ist zwar ein Gespräch unter Leichen, aber nicht etwa im Stil eines Geisterbahn-Gejammers. Gestus und Tonlage erinnern zunächst an Emily Dickinsons «I heard a fly buzz – when I died» und andere ihrer morbideren Meditationen, doch bei Leuenberger entwickelt sich die Geschichte in einen mehrteiligen buchlangen Gedichtzyklus. «nur die toten / reden noch», das scheint eine der Prämissen dieses Textes zu sein, der dem Leser in seiner Mehrdeutigkeit, seiner anglophilen Zitierlust und seiner grafischen Verspieltheit einiges abverlangt. Die Toten faseln aber nicht etwa als Zombies. Das lyrische Ich, das zumindest Teile des Bandes durchzieht, hat Bewusstsein und Empfindungen. In seinem Grab am Fluss, in der Erde, im Moor oder wo auch immer hat die Natur den körperlichen Teil des Menschen wieder.

Eva Maria Leuenberger: Dekarnation. Droschl Verlag, 88 Seiten.

Eva Maria Leuenberger: Dekarnation. Droschl Verlag, 88 Seiten.

Statt ihn in Frieden ruhen zu lassen, ist Leuenbergers Leser dazu angehalten, sich diesen Einverleibungsprozess, diese Dekarnation einmal ganz nüchtern und präzis vorzustellen. «ich hake mich ans schlüsselbein / mit dem kleinsten finger der hand / damit das loch auch klein bleibt / und die haut / nur an den rändern reisst». Man sieht: Die Probleme hören im Grab nicht auf. Doch bemerkenswert ist die Empfindsamkeit, mit der das Subjekt des verfallenden Leibes etwa das perlende Wasser des Flusses auf der Haut spürt oder das federnde Moos unter den Knochen. Nicht gruslig wirkt das, sondern mit einer faktisch-trockenen Ausdrucksweise geradezu zärtlich.

Bereits preisgekrönt für das Debüt

Wer der Reise dieses unmöglichen lyrischen Ichs durch die Täler und Schluchten und hin zu den jahrhundertealten dänischen Moorleichen Herr Tollund und Frau Elling folgen mag und mit ihm am Ende dieses buchlangen Rondos wieder in sein Tal zurückkehrt – «das tal / das ich bin» – wird ihm zustimmen: «das licht fällt in die nacht».

Viel Zustimmung hat Leuenberger für ihr literarisches Debüt bereits erfahren. Von Zürich über Frankfurt bis Berlin waren die Feuilletons und Fachblätter des Lobes voll über die handwerkliche Vollendung, die intellektuelle Klarheit und die sinnliche Sättigung dieses Buchs. Die Veranstalter des Lyrikfestivals Basel zeigten sich derart hingerissen, dass sie den Basler Lyrikpreis 2020 zum ersten Mal in ihrer Geschichte einer Debütantin verliehen. Helle Begeisterung also allenthalben für ein gar nicht so dunkles Buch. Florian Bissig

Semi Eschmamp und Roland Reichen - Die Schreiber aus dem Untergrund

Tragen wir die Fakten über Semi Eschmamp mal zusammen: Bürgerlich heisst er Samuel Eschmann, stammt aus der Zürichsee-Region und lebt seit fünfzehn Jahren als Schauspieler in Berlin. Aber Fakten sind bei einem Autor, der von sich behauptet, er wolle mit Widersprüchen neuen Spielraum schaffen, dringend zu vernachlässigen. 2017 erschien sein Erstling mit dem sinnlos-hintersinnigen Titel «Mein erstes Buch schreib ich gleich selbst». In den Fussstapfen des russischen Autors Daniil Charms (1906–1942) und dessen absurder Prosa scherte Eschmamp aus dem Pfad der Logik aus und schaffte Raum für die Feier des Absurden in Miniaturen aus Zeichnung und Text. Schon damals war es, als würde den Geschichten, die ein Berliner Hungerkünstlerleben beschrieben, die Puste ausgehen, bevor sich in ihnen nur eine klitzekleine Sinnhaftigkeit regte.

Semi Eschmamp: Mein Vorbar ist auch mein Nachbar, Der gesunde Menschenversand, 128 Seiten.

Semi Eschmamp: Mein Vorbar ist auch mein Nachbar, Der gesunde Menschenversand, 128 Seiten.

Eschmamp verweigert sich der Weltdeutung

Auch im neuen Werk «Mein Vorbar ist auch mein Nachbar» verweigert sich Eschmamp der Weltdeutung. Er verliebt sich ohne Liebesobjekt. Baustellen werden nur ihrer Schönheit wegen errichtet. Und Eschmamp hat sich verdreifacht: Sein Nachbar Boris Blaschko, der Gedichte über Schuhgrössen auf Stiefelsohlen schreibt, soll angeblich das zweite Kapitel verfasst haben. Dort erfahren wir, dass er einen grossartigen Dokumentarfilm über den fiktiven Künstler Anatol Abraham gedreht hat.

Den kann man sich als Leserin dann tatsächlich im Internet anschauen. Wie Eschmann auf Anfrage erklärt, sei der Film, den sich noch kein Festival zu zeigen getraut hat, noch vor seiner Autorentätigkeit entstanden. Darin liegt der Künstler – Eschmanns Alter Ego – auch mal nackt in seinem auf Papierbögen skizzierten Bett und sagt kluge Dinge auf Schweizerdeutsch, die Englisch untertitelt sind. Es ist dieser bizarre Mix aus Realität und Fiktion, den man schon an Eschmamps Schreibe und Illustration so schätzt. Und der hier nochmals um eine Dimension erweitert wird: den Film.

Eine himmeltraurige Familiensaga

Der Berner Autor Roland Reichen bleibt auf dem Boden trostloser Fakten. Reichen erzählt in einer Kunstsprache aus schweizerdeutschem Satzbau und urchigem Bärndütsch Geschichten aus dem Milieu. «Auf der Strecki» ist eine himmeltraurige Familiensaga – durch die Kunstsprache verfremdet und deshalb auch stellenweise urkomisch. Vater und Sohn reisen gemeinsam an die Formel-1-Strecke nach Monza. Hinter ihnen liegt eine Vergangenheit aus monetären Streitereien und Prügeleien.

Roland Reichen: Auf der Strecki, Der gesunde Menschenversand, 128 Seiten.

Roland Reichen: Auf der Strecki, Der gesunde Menschenversand, 128 Seiten.

Nur in der Welt der Formel 1 können sich Vater und Sohn noch gewaltfrei ihre Meinung um die Ohren hauen. Dass die gesellschaftlich Abgehängten in Monza schliesslich auf den billigen Plätzen landen und an die schnellen Karossen gar nie rankommen, ist nur eine von vielen ironischen Wendungen dieser Geschichte. Reichen lässt tief blicken in das Elend einer auseinandergebrochenen Familie, die einen Sohn ans Drogenmilieu verloren hat. Die Authentizität der Schilderung hat einen Grund: Letztes Jahr gab Reichen mit dem Fotografen Jonathan Liechti den Bildband «Druffä» heraus. Der Band porträtiert seinen seit 25 Jahren drogensüchtigen Bruder Peter «Pit» Reichen. Julia Stephan

Alexandra von Arx - Die Seelenerkunderin

Ein Buchcover kann einen schön in die Irre führen. Beim Romandebüt «Ein Hauch Pink» der Oltner Juristin, internationalen Wahlbeobachterin, Übersetzerin und Schriftstellerin Alexandra von Arx mag man denken: Aha, Liebesroman, leichte bis frivole Unterhaltung, mit einer Prise Witz. Vielleicht gar ein Jugendroman? Man sieht die elegant geschwungene, grosse schwarze Titelschrift auf weissem Hintergrund, dazu ein neckisch pinkfarbenes i-Tüpfchen. Und staunt zunächst einmal, dass die sonst so ernsthaften Solothurner Literaturtage dieses Buch eingeladen haben. Aber aufgepasst: Hier schreibt die 1972 geborene Autorin von Wehmut und Scham, von vermuteter Mitschuld und der Enttäuschung über verlorene Jugendideale eines Mittfünfzigers, eines unauffälligen Schweizer Kleinstädters am Jurasüdfuss. Man fühlt sich in der unaufgeregten Literatur dieser Autorin an die Roman-Antihelden von Markus Werner und Peter Stamm erinnert.

Alexandra von Arx: Ein Hauch Pink, Roman, Knapp-Verlag, 152 Seiten.

Alexandra von Arx: Ein Hauch Pink, Roman, Knapp-Verlag, 152 Seiten.

Pink als Symbol inneren Aufruhrs und äusserer Entgleisung

Nun, mit der Fährte Jugendroman liegt man trotzdem nicht ganz falsch, sie führt zumindest auf einen wichtigen Erzählstrang: Die 38 Jahre zurückliegende Begegnung des damals 15-jährigen Markus mit der gleichaltrigen Olivia, die kurze Zeit in seine Klasse kommt, aber von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet. Er verliebt sich in sie, ist aber brav und angepasst, sie rebellisch und äusserlich immer mehr zum Punk sich verwandelnd. Da löst sich denn auch der rätselhafte Titel auf: Er weist auf Olivias pink gefärbte Haare. Sie sind Symbol eines inneren Aufruhrs und äusserer Entgleisung – auch für den Erzähler Markus, der Jahrzehnte später noch nicht versteht, was in Olivia vorgegangen und mit ihr passiert ist. Er macht sich auf die Suche nach ihr und dreht dabei einsame Runden in seiner Stadt.

Ein Roman aus der Perspektive einer Midlifekrise

Denn Alexandra von Arx schreibt einen Roman aus der Perspektive der Midlife-Krise von Markus Lüthi, 54, Personalverantwortlicher einer Versicherung, verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Das Milieu: weltoffene, kleinstädtische Durchschnittsschweizer, musisch interessiert, weit gereist, harmonische Ehe. Aber eben: «War es das?», fragt sich Markus. In der Jugend eine Punk-Freundin gehabt und dann Versicherungsangestellter geworden, seit Jahren jeweils im Frühling Ferien in der Toskana, Kinder gehabt und weg sind sie. Das Loch, das sie im Leben reissen, ist auch so eine Durchschnittserfahrung. Nochmals: «Ein kleiner Ausreisser und sich dann wieder in den Alltag eingefügt. War es das?» Es ist eine jener Fragen, die sich wohl viele immer wieder mal stellen.

Ein aufgeschnapptes «Shame on me» weckt die Erinnerung an seine rätselhafte Jugendliebe Olivia, von der Markus insgeheim hofft, sie führe nun auch ein stinknormales, bürgerliches Leben wie er. Denn klar ist: So eine rebellische Person ist eine Bedrohung für den Kleinmut der Ange­passten. Alexandra von Arx lässt ihren Helden sich verschliessen und auf leichte Abwege geraten, ver­meidet aber drastische Abstürze. Ihr Buch ist letztlich von einem versöhnlichen Ton geprägt. Am Ende wird Markus herausfinden, wo Olivia ist, aber das Rätsel um sie nicht auflösen können.
Hansruedi Kugler

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