Kultur

Die neue Co-Leitung der Jungen Marie stellt sich vor: Da sind herzliche Idealisten am Werk

Haben grosse Pläne: Julia Haenni, Luca Schaffer und Barbara Heynen von der Jungen Marie.

Haben grosse Pläne: Julia Haenni, Luca Schaffer und Barbara Heynen von der Jungen Marie.

Das  Leitungsteam der «Jungen Marie» besteht seit kurzem aus der Theatermacherin Julia Haenni, dem Fotografen Lucas Schaffer und der Schauspielerin Barbara Heynen. Am 24.10. lassen sie für ihr erstes Projekt junge Frauen auf den «Wilhelm Tell»-Mythos los.

Das Theater wird gefördert im Aargau. Nicht nur bei den Professionellen, auch beim Nachwuchs bietet man Hand. Seit sechs Jahren existiert die Junge Marie, eine Tochter des Theaters Marie, die eine Theaterproduktion pro Jahr realisiert. Im Unterschied zur Mutter, ein Tourneetheater, das mit professionellen Schauspielenden auftritt, arbeitet die Junge Marie mit Laien. Sie ist somit ein Fördergefäss für junge Menschen aus dem Aargau, die nach ersten Erfahrungen im Theater, wie zum Beispiel in einem Spielklub, einen Schritt weitergehen möchten.

Dies erzählt das aktuelle Leitungskollektiv der Jungen Marie, bestehend aus Julia Haenni (32), Luca Schaffer (31) und Barbara Heynen (36). Vor eineinhalb Jahren haben sie zu dritt die Leitung übernommen. Aktuell sind sie im Endspurt für ihre erste Produktion «Go tell», ein Stück, lose angelehnt an Schillers «Wilhelm Tell», welches sie gemeinsam mit den Spielenden erarbeitet haben.

Kompetenzen werden perfekt ergänzt

Die Badenerin Julia Haenni arbeitet als freischaffende Autorin, Performerin und Regisseurin. Vor zwei Jahren wurde ihr Stück «Frau im Wald» vom Theater Marie inszeniert, in dem sie selbst gleich auch mitspielte. Als sie danach angefragt wurde, die Leitung der Jungen Marie zu übernehmen, war für sie klar, dass sie es nicht im Alleingang übernehmen möchte. Mit Luca und Barbara hat sie sich nicht nur für zwei Freunde entschieden, sondern auch für zwei, die sie in ihren eigenen Kompetenzen perfekt ergänzen. Der Aarauer Luca Schaffer arbeitet als freischaffender Fotograf sowie als Theatertechniker, Barbara Heynen, die aktuell in Bern wohnt, ist professionelle Schauspielerin und spielte unter anderem am Deutschen Theater in Berlin.

Mit viel Begeisterung und Idealismus arbeitet das Kollektiv nun an ihrem ersten Stück, das am Samstag uraufgeführt wird. «Go tell» ist die erste Produktion in einer Reihe von geplanten Projekten, mit dem sie auch ihren Stil prägen möchten. Das Prinzip ist einfach, aber deswegen nicht minder qualitativ: Sie greifen Klassiker neu auf, lesen sie gemeinsam mit den jungen Menschen, diskutieren darüber, ziehen die Essenz daraus und übersetzen letztgenannte ins Zeitgenössische – beziehungsweise ziehen Parallelen zu heute.

Somit werden die jungen Menschen nicht vor vollendete Tatsachen sowie Texte zum Auswendiglernen gestellt, sondern können das Stück gleich mitentwickeln. Von den Diskussionen über den Stoff, über die Recherchearbeiten bis hin zu den Dialogen können die jungen Menschen mitreden, ihre Meinung teilen und auch Kritik üben. «Das Abklopfen auf Themen, die mit den Jugendlichen etwas zu tun haben», sei wichtig, sind sich die drei einig.

Dabei wird das Leitungsteam unterstützt und profitiert finanziell und infrastrukturtechnisch von der «alten» Marie: Büroräume werden geteilt, die finanziellen Erfolge sowie Fördergelder von der Marie fliessen auch der Tochter zu. Aber das reicht nicht für alles. Gleichzeitig müssen sie trotzdem für jede neue Produktion Fördergelder beantragen. Wie alle diese anfallenden Aufgaben effizient aufgeteilt werden und trotzdem noch ihren idealistischen Ansprüchen gerecht werden, lernen sie gerade: «Wenn man nicht alles Geld bekommt, muss man schauen, auf was man verzichten kann», erzählt Julia Haenni. Dabei würden sie natürlich vom Idealzustand ausgehen: «Man nimmt sich oft etwas vor, probiert es aus, und dann sieht man ja, ob es funktioniert oder nicht.»

Sechs Frauen, sechs «Schweizen»

Leitungsaufgaben und Funktionen innerhalb des Teams wahrzunehmen, nebenbei eigene Projekte zu verfolgen und gleichzeitig noch ökonomisch zu arbeiten, ist eine Herausforderung und – auch nach jahrelanger Erfahrung im Kulturbereich – ein Lernprozess: «Auch wenn wir schon lange in dieser Szene arbeiten, hört es nicht auf.»

In ihrer ersten Produktion «Go tell» lassen sie Jugendliche – in diesem Fall sechs Frauen im Alter von 16 bis 22 Jahren – zu Wort kommen. Sie lassen sie erzählen, was sie über die Schweiz denken, was sie stört an der Schweiz und was sie sich stattdessen für ihre Heimat wünschen. Dass es nur Frauen sind, ist kein Zufall. Dass die Schweiz als letztes Land in Europa das Frauenstimmrecht eingeführt hat, darüber muss man reden, findet Julia Haenni. Weshalb sich die jungen Frauen nicht in der Politik repräsentiert fühlen, wie sie Klischees decodieren und was sie sich stattdessen für feministische Utopien ausmalen, wird man im Stück erfahren.

Meistgesehen

Artboard 1