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Die Jazz-Sensation des Jahres: Afro-Futurist Sun Ra grüsst aus einer anderen Galaxie

Für den schillernden Musiker und Avantgardist Sun Ra  waren die Pharaonen ein wichtiger Bezugspunkt.

Für den schillernden Musiker und Avantgardist Sun Ra waren die Pharaonen ein wichtiger Bezugspunkt.

Vor 27 Jahren ist der Musiker, Avantgardist und Afrofuturist Sun Ra verstorben. Nun erscheint ein neues Album von ihm und seinem Arkestra. Wie geht das?

Als Scharlatan wurde er bezeichnet, dilettantisch und grössenwahnsinnig. Zu Lebzeiten war der Mann, der sich Sun Ra (nach dem ägyptischen Sonnengott) nannte, umstritten. Die Pharaonen waren wichtiger Bezugspunkt, er selbst behauptete, vom Planeten Saturn zu stammen, kleidete sich in glitzerndem Fummel und Kopfschmuck. Belächelt wurde er aber vor allem für seine bizarre, kosmische Philosophie, auf der er seine ganze Kunst aufbaute. Die Musik, die sein Band Arkestra spielte, nannte er universell, dann kosmisch und schliesslich intergalaktisch.

Heute, 27 Jahre nach seinem Tod, lacht niemand mehr. Sun Ra ist bedeutender denn je. Er wird sogar kultisch verehrt. Dabei geht die Hochachtung weit über den Kreis des Jazz hinaus. Vertreter aus Hip-hop, Ambient und Rock haben seine Ideen aufgegriffen und verarbeitet. Der neue hippe Sound aus London, Shabaka Hutchings «The Comet Is Coming», wäre undenkbar. Und selbst Lady Gaga liess sich 2013 auf dem Album «Artpop» von seiner «Interplanetary Music» leiten. Gewürdigt wird der exzentrische Musiker und Philosoph heute aber vor allem als geistiger Vater des Afrofuturismus, der die Geschichte der «Black Community» neu schreibt und ihre Zukunft als futuristisches und gesellschaftskritisches Märchen entwirft. Wie zum Beispiel im Science-Fiction-Film «Black Panther» von 2018.

Sun Ra ist der Vorreiter des Afrofuturismus. «The truth about the planet earth is a bad truth», sang der Hohepriester schon 1972 in seinem Science Fiction-Film «Space Is The Place», wo er die Reise in den Weltraum empfahl, um der schlechten irdischen Wirklichkeit zu entkommen. Es ist der ewige Traum der Afro-Amerikaner für eine bessere Zukunft. Für die Suche nach kultureller Heimat, nach Identität und Selbstbestimmung. Heute aktueller denn je.

Sun Ra hat seinen Frieden längst im intergalaktischen Raum gefunden. Doch sein Arkestra ist immer noch mit seiner Mission im irdischen Raum unterwegs, um die Menschheit durch die Kraft der Musik zu befreien. Geleitet wird das Arkestra heute vom 96-jährigen Saxofonisten Marshall Allen, der Sun Ra schon seit 1958 folgt. Zusammen mit dem verstorbenen Saxofonisten John Gilmore ist er der wichtigste Vertreter des Arkestras und legitimer Nachlassverwalter des Meisters.

Sun Ra hat sein Arkestra wie eine Sekte geführt. Ein hartes Regime. Die Musiker lebten alle unter einem Dach und mussten jederzeit verfügbar sein. Alkohol war verboten. Bei den Proben, die ohne Pausen bis zu acht Stunden dauerten, war der Bandleader unerbittlich. Marshall Allen hat die Sitten und Regeln unter seiner Leitung gelockert und probt nur noch ein bis zweimal pro Woche. Neun Musikers des aktuellen Grossorchesters wurden noch von Sun Ra unterrichtet, neue sind dazu gekommen. Wie schon Sun Ra verbringt Allen Stunden mit seinen Musikern und Sängerin Tara Middleton, um das geistige und künstlerische Konzept zu vermitteln. Der Spirit zählt.

Album in exzellenter Klangqualität

Sun Ra hatte einen unglaublichen Schaffensdrang und hat im Laufe seiner Karriere Hunderte von Alben aufgenommen. Fast wöchentlich, viele auf Kleinstlabeln mit kleiner Verbreitung und miserabler Klangqualität. Zum ersten Mal seit dem Ableben des Meisters hat jetzt Marshall Allen sein Arkestra ins Studio geführt und präsentiert auf «Swirling» eine Musik in brillantem Sound. Allen will Stücke vorstellen, die von der Öffentlichkeit «nicht wahrgenommen oder vergessen» wurden. «Vieles wurde damals nicht gehört, weil wir die Musik nur um ihrer selbst willen aufgenommen haben. Meine Mission besteht darin sie bekannt zu machen», sagt er dem Magazin «Jazzthing».

Die Songs wurden also irgendwann schon einmal aufgenommen, darunter auch berühmte Stücke wie «Rocket No. 9», «Satellites Are Spinning» (aus «Space Is The Place»), «Astro Black» und «Unmask The Batman». Aber selbst sie sind völlig neue Versionen. «Es geht nicht darum, was einmal war. Es geht um das, was du heute fühlst», sagt Allen. Die Veränderung, das Experiment, das spontane Reagieren war schon immer Teil des Konzepts. «Es wäre nicht im Sinne von Sun Ra, die Musik so zu spielen, wie er sie gespielt hat. Wir müssen eine Variante für die Hörer von heute finden», erklärt er, «diese Musik gehört in die Zeit, in der wir leben».

Das Arkestra ist bereit für eine neue Generation

Das musikalische Spektrum auf «Swirling» ist wie Sun Ra entsprechend grenzenlos, die Spiellust, Abenteuergeist und Experimentierfreude riesig und die Musik fulminant, wild, überbordend und spektakulär. Das Arkestra ist bereit, eine neue Generation auf seine intergalaktische Reise mitzunehmen.

Sun Ra Arkestra Swirling (strut).

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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