Kultur

Der Rhein verbindet Gottlieben mit Goethe

Elisabeth Binder signiert ihr Buch.

Elisabeth Binder signiert ihr Buch.

«Im Prinzip Liebe»: Just an Goethes 270. Geburtstag erzählte Elisabeth Binder im Bodmanhaus von seiner späten Liebe.

1815, an seinem 66. Geburtstag, verliebt sich Goethe nochmals, zwei Sommer dauerte die Glückserfahrung. Marianne ist die Frau des Frankfurter Bankiers Johann Jakob von Willemer, weitaus jünger als beide Männer. Die Thurgauer Germanistin, Literaturkritikerin und Schriftstellerin Elisabeth Binder erzählt in ihrem neuen Buch «Im Prinzip Liebe» die Geschichte der Gedichtsammlung «West-östlicher Divan», die mit dieser Liebe zusammenhängt.

Elisabeth Binder eröffnete am Donnerstagabend die neue Lesereihe am Literaturhaus in Gottlieben. Sie las nicht nur Passagen aus ihrem neuen Buch, darunter auch einige Schlüsselgedichte, sie erklärte auch manches, das zwischen den Zeilen steckt, das sie zusammengetragen und herausgefunden hat. Mit dem Wiedehopf begann sie, der im Arabischen Hudhud heisst und in manche Gedichte Eingang gefunden hat – auch in Goethes «Divan». Drum ziert er auch den Umschlag ihres Buches.

«Goethe war wohl ein guter Liebhaber»

Die Autorin erklärt diese späte Liebesbeziehung Goethes, bindet sie in sein Leben und dichterisches Arbeiten ein und verknüpft sie mit der Entstehung des ganzen «Divan». Goethe war ebenso Naturforscher wie Dichter, liebte mehr als eine Frau. Seit 1814 beschäftigt er sich intensiv mit dem persischen Dichter Hafis, liest den Koran, redigiert daneben seine «Italienische Reise». Er nennt sie eine «frohe, atemreiche Zeit», fühlt sich wie neu geboren, erfährt einen «poetischen Schub» (Binder). Im Sommer reist er nach Wiesbaden und trifft den Bankier, Theaterförderer und zweifachen Witwer Johann Jakob von Willemer, der mit seiner Ziehtochter Marianne im Konkubinat lebt, besucht die Familie im Jahr darauf für einige Wochen in auf deren Landgut, der Gerbermühle bei Frankfurt – und verliebt sich in Marianne. Elisabeth Binder sagt trocken: «Goethe war ein Literaturstar damals und wohl ein guter Liebhaber». Sie nennt die Beziehung zwischen den beiden eine «entsagende Liebe». Eine Liebe, die Goethe in Gedichte verwandelt habe.

Die Gedichte für das «Buch Suleika» müssen laut Binder in jenem geselligen Kreis um Willemer entstanden sein. Der Reclam-Verlag hat es ebenfalls als hübsches Büchlein neu herausgegeben. In ihrem deutenden Nachwort erwähnt Elisabeth Binder auch Goethe-Forscher Hermann Grimm, der 1869 – neun Jahre nach Marianne Willemers Tod und 37 nach dem Goethes – im Aufsatz «Goethe und Suleika» die zärtliche Neigung zwischen den beiden bekannt gab: als «Grund und Boden» für das «Buch Suleika». In ihrem Briefwechsel hatte Marianne Grimm verraten, dass mindestens zwei der Gedichte von ihr stammten: die an den Ostwind und an den Westwind.

Elisabeth Binder wurde nach der Lesung gefragt, wie sie zum Thema für ihr Buch gekommen sei. Sie kannte den «West-östlichen Divan» seit ihrem Studium, doch erst der «so menschliche» Briefwechsel zwischen Grimm und Marianne weckte ihr Interesse. Sie las viele Fachartikel, erfuhr aber nirgends, wie Goethe zum «Divan» gekommen war. Für ihr Buch habe sie eine eigene literarische Form gesucht, mit neuen Gedichtinterpretationen – und habe es nicht aufs 200-Jahr-Jubiläum des «Divan» hin geplant.

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