Pianist András Schiff erwies sich beim KKL-Konzert als «Meister der Geschichten»

Bach und Brahms trennen 200 Jahre. Ein hervorstechendes Programm von ­András Schiff bringt zusammen, was scheinbar weit auseinanderliegt.

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«Es gibt nur eine Handvoll Pianisten, die das KKL zu füllen vermögen.» Die Aussage des Festival-Intendanten Michael Haefliger erfüllt András Schiff zu hundert Prozent. Er gehört zu diesen wenigen. Ja, er füllt den Saal nicht nur einmal, wie an diesem Montagabend, 19. November, sondern sorgt auch am Mittwoch für ein praktisch ausverkauftes Haus. Völlig zu Recht. Denn András Schiff gibt nicht einfach Konzerte. Seine Auftritte sind oft grosse Bögen durch die Zeitgeschichte. Sie sind Erzählungen und Roman in einem, verknüpfen weit auseinanderliegende Punkte zu einer sinnigen Totale.

Zwar sind es einzelne Stücke, die er spielt. Doch während des Konzerts formen sie sich zu den Sätzen einer grossen Sinfonie. An diesem Abend erzählt er von Johann Sebastian Bach und Brahms, nimmt wie selbstverständlich noch Mendelssohn und Beethoven mit. Diese, auf den ersten Blick etwas wundersame Verknüpfung, hat durchaus ihre Berechtigung. Einerseits lässt sich Felix Mendelssohn in seiner «Fantasie fis-Moll» (1833) von der Klaviersonate in Fis-Dur (1809) von Beethoven beeinflussen, thematisch und tonal.

Und beide wirkten mit ihrer speziellen Tonart, ihrem spielerischen, fantasiehaften Umgang in der Musik auf Johannes Brahms’ «Acht Klavierstücke» (1879) ein. Vor allem ist es jedoch das Spiel von Schiff, welches den Stücken Bogen und Verbindung gibt. Seine Herangehensweise ist durchaus intellektuell. Hinter den Stücken und ihrer Auswahl steckt meist eine akribische Forschung. Aber wenn er dann auf der Bühne ist, dann ist von dieser Geistessuche nur wenig zu spüren. Alles wirkt natürlich, bewegt sich in seinem eigenen, eleganten Fluss.

Ein Konzert wie ­ eine Improvisation

Es ist eine nach innen gerichtete Bewegung, ein Klang, der aus der sinnlichen Ruhe kommt und so Farben und Spannung schafft. Leicht und klar ist zwar sein Spiel. Doch die vorsichtige Empfindsamkeit seiner Welt hat auch etwas Schemenhaftes, eine leichte Nostalgie. Wie Schleier legen sich die Töne über die Schatten der Erinnerung. Vage Nebel einer vielleicht besseren, aber sicher melancholischeren Zeit.

Beinahe ohne Pause zieht er den ersten Teil durch. Fast wähnt man sich an einem Konzert des grossen Improvisators Keith Jarrett. Obwohl aufgeschrieben, steigen die Noten auch hier direkt aus dem Pianisten, aus dieser speziellen Gabe von András Schiff, auf. Eine 60-minütige Geschichte, die erst auf den letzten Akkorden im strahlenden C-Dur von Johannes Brahms ihren Abschluss und ihre Hoffnung findet. Mit der gleichen, quasi «improvisierenden» Haltung geht es in den zweiten Teil. Durchaus kräftig erklingt der harte Anfang der «Sieben Fantasien» (Brahms). Die tiefen, unglaublich vollen Register seines neuen Bösendor­fers, die klaren Höhen spiegeln perfekt die farbige Partitur. Und zum Schluss die «Englische Suite Nr. 6» von Johann Sebastian Bach, das grosse Vorbild von Brahms, und der Kreis schliesst sich an diesem Abend. Ein letztes Mal zeigt hier András Schiff seine Begabung als Erzähler, legt in der scheinbar vertrauten Musik neue Wege und Gemälde frei. Das ist spannend, und damit berührt er den Zuschauer, wie es nur wenige Musiker können.