Kommentar

Der Kunstwahnsinn: da Vinci im Pariser Louvre

Unsere Kulturredaktorin analysiert den Hype um da Vinci und den Hang der Museen, nur mit Sonderausstellungen zu punkten.

Heute eröffnet der Louvre seine grosse Leonardo-da-Vinci-Ausstellung. Die schlechte Nachricht: Die Ausstellung wird überrannt. Die gute: Sie ist noch nicht ausverkauft. Wer online buchen will – anders gibt es keinen Einlass! –, findet mit genug Flexibilität einen Slot im Louvre. Die Buchungsplattform ist aber oft überlastet, viele Zeitfenster der ersten paar Wochen sind schon gesperrt, 150 000 Tickets bereits verkauft. Morgens um 10 Uhr ist offensichtlich die beliebteste Zeit für einen Museumsbesuch.

Aber warum berichte ich Ihnen das? Propaganda haben der Louvre und da Vinci nicht nötig. Ausstellungen mit den ganz Berühmten sind sowieso Selbstläufer. Ob Cézanne, Vermeer oder van Gogh, Turner, Monet oder Picasso: Mit solchen Namen haben Museen den Publikumsansturm auf sicher. Man kann das billige Anmache finden. Aber gleichzeitig zeugt es von der ungebrochenen Kraft der Kunst, dass trotz tausendfacher Verfügbarkeit, trotz unglaublich guter Auflösung im Internet ein bemaltes Holzbrett von Leonardo, Farbenwirbel auf Leinwand von Vincent van Gogh oder ein duftiges Aquarell von William Turner nur in ihrer analogen, materiellen Wahrhaftigkeit solch tiefe Bewunderung und starke Gefühle auslösen.

Es juckt in den Fingern, den Ticketbutton zu drücken

Lohnt sich die Reise nach Paris wegen dieser einen Ausstellung? Nicht mal zwanzig Gemälde hat da Vinci eigenhändig gemalt, und die Museen in Krakau, London, München und Florenz schicken ihre Leonardo-Gemälde nicht nach Paris. Für diese Werke gelten heutzutage Reiseverbote: Restauratorisch zu heikel, zu wertvoll, zu wichtig für das eigene Haus seien sie. Und reisen sie doch einmal, dann nur nach politischem Druck.

Trotzdem, auch mich juckt es in den Fingern, den Ticketbutton zu drücken, mir ein Stündchen mit Leonardo zu sichern. Das Versprechen des Louvre, dass ich nie mehr in meinem Leben die Chance haben werde, so viele Gemälde des grossen Leonardo aufs Mal zu sehen, stimuliert den Buchungsdrang. Und vielleicht wird ja als Supplement, als Weltpremiere, der «Salvator Mundi» präsentiert – der teuerste und umstrittenste Vielleicht-Leonardo.

Blockbuster führen zum Kunstwahnsinn

Das System der Blockbuster ist zum Kunstwahnsinn verkommen. Denn die Motivation, solch aufwendige Sonderausstellungen zu organisieren, ist nicht der Faszination des Werkes oder gar kunsthistorischen Überlegungen geschuldet. Populäre Ausstellungen sind Marketinginstrumente. Damit will man sich im harten Konkurrenzkampf Glanz und Aufmerksamkeit sichern. Deshalb buttert man immer mehr Geld und Energie in diese immer teureren Formate – und manövriert sich immer stärker ins Dilemma.

Im Grunde sind die Museen die Schatzkammern der Kunst. Sie sind ihre Hüter, Vermittler und Erforscher. Ihr wertvollstes Gut sind ihre Sammlungen, die sie mit viel (öffentlichem) Geld und noch mehr Schenkungen und Deposita von Sammlern ständig erweitern. Mit der Begründung, dass die Sammlung mehr Platz brauche, erweitern sie ihre Häuser oder eröffnen Dépendancen. Den Platz nutzen sie dann aber für noch mehr Sonderausstellungen – mit den grossen Namen, süffigen Themen oder dem letzten Schrei. Diese Museums- und Marketingstrategie ist weltweit gang und gäbe. Aber falsch.

Vertraut auf die Sammlungen!

Setzt mehr auf eure Sammlungen! Vertraut auf die Werte und die Anziehungskraft dessen, was ihr selber als wichtige Kunst erachtet habt damals beim Ankauf! Das bedeutet aktives Bewirtschaften der Sammlung. Sie stetig wieder anders zu hängen, dem Publikum neue thematische Bögen und Entwicklungen zu präsentieren, auf eine Epoche, eine vergessene Gruppierung oder ein Medium zu fokussieren. Das wird zwar auch gemacht, aber nicht gut vermarktet. Denn in den Hierarchien der Museen und im Denken der Werber gilt die Sonderausstellung als höchste und wichtigste Disziplin, das Ergattern von internationalen Leihgaben als Hochleistungssport der Kuratoren. Die Arbeit an der Sammlung dagegen als das biedere Alltagsgeschäft.

Auch der Louvre hat übrigens eine fantastische Sammlung. Ab März kann man sich die Gemälde von Leonardo da Vinci – ausser die ständig umlagerte «Mona Lisa» natürlich – wieder in Ruhe ansehen. Tausende andere Kunstwerke auch, in Hunderten von Sälen, ohne Gedränge. Das ist Kunstglück pur.

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