Kultur

Das Kunstjahr 2019: Witz und Wunder gegen Moral

Banksy inszeniert einen Kunst-Marktstand als Anti-Schau zur Biennale in Venedig.

Banksy inszeniert einen Kunst-Marktstand als Anti-Schau zur Biennale in Venedig.

Die Top Ten der Kunst 2019 spiegeln eine Kunstwelt zwischen Effekthascherei und seriöser Lust. Eine eigenwillige Rangliste.

Der erste Platz für Banksy ist vielleicht frech, aber kein Witz. Ich meine das so ernst wie der Künstler selber. Knallen Sie mir jetzt bitte nicht um die Ohren, ich könnte ja gleich noch Maurizio Cattelans Klebe-Bananen zum Kunstereignis des Jahres hochstilisieren. Mache ich nicht! Das Bananen-Witzli landet zuunterst, taugt es doch höchstens als Illustration dafür, wie skurril sich der Markt und die ganze Blase rundum gebärden.

Auch wenn Banksys «Ausstellung» während der Preview der Biennale, dem Must Go der globalen Kunst- Schickeria, von der Polizei schnell beendet wurde, machte sie weltweit mehr Schlagzeilen als die meisten Präsentationen in Museen. Dass bald darauf das aussergewöhnliche Hochwasser und Bilder des überfluteten Venedigs alle Kanäle dominierten, erstaunt nicht. Aber leider ebenso wenig, dass sich Grossevents wie die Biennale wenig Gedanken über die Zusammenhänge von Umwelt und globalen Kunst-Tourismus machen.

Aber genau das machte Banksy: mit gewohnt leichter Hand und einer gehörigen Portion Sarkasmus. Sein Stand in der Nähe des Markusplatzes war sowohl Installation wie Gemäldeausstellung. Neun goldgerahmte Leinwände ergaben ein einziges Bild: «Venice in Oil», einen Kreuzfahrtkoloss vor Venedig. Ein so alltägliches wie monströses Bild, das Venedigs Leiden unter dem Übertourismus thematisiert. Banksy, gleichzeitig Antikünstler wie Promikünstler und erstaunlicherweise noch immer mit ungelüfteter Identität aktiv, machte sich über die Elite der globalen Kunstwelt ziemlich lustig, die ihn trotzdem auf Instagram und Twitter feierte.

Eigenwillig vor berühmt

Mehr zu reden gab im Kunstjahr 2019 nur noch die Supershow über Leonardo da Vinci im Louvre Paris. Erstens, weil es ein gewaltiges Jubiläum zu zelebrieren gab – den 500. Todestags des Genies. Zweitens, weil jeder Leonardo kennt. Drittens, weil das Werweissen, ob der überzahlte und vermutlich nicht echte «Salvator Mundi» auftauchen würde (tat er nicht), und viertens, weil die Querelen zwischen Frankreich und Italien über die Deutungshoheit und Leihgaben zu skurril waren. In meine Rangliste hat es da Vinci aber nicht geschafft. Aus dem einfachen Grund, weil ich mir das sogenannte Jahrhundertereignis leichten Herzens entgehen liess. Anderes dagegen hätte ich gern gesehen, aber verpasst.

Gewisse Ausstellungen müssten ihren Platz eigentlich auf sicher haben: Blockbuster wie «Der junge Picasso» bei Beyeler und William Turner in Luzern. Schön, waren die berühmten Werke hier, Anerkennung gebührt dem Aufwand, aber neue Begeisterung lösten die bekannten Werke bei mir nicht aus. Einfallsreiche Themen wie «Maske» in Aarau oder «Fly Me to the Moon» in Zürich weckten Hoffnungen. Aber sie wollten zu viel.

Eigenwilliger und sperriger als alle Museumsarbeiten war Thomas Hirschhorns Hommage an den Schriftsteller Robert Walser auf dem Bahnhofplatz Biel. In Hütten und auf Bühnen, mit Kunst-, Literatur- und Clochard-Kollegen zog er sein Ding durch. Mit unglaublichem Einsatz und heiligem Ernst setzte er weniger Walser als vielmehr dem Glauben an die Künste ein Denkmal.

Thomas Hirschhorn feierte in Biel Robert Walser und die Kunst.

Thomas Hirschhorn feierte in Biel Robert Walser und die Kunst.

Zwei Aussenseiter mit ihren so eigenartigen wie einzigartigen Arbeiten bekommen dieses Jahr hier also die beiden ersten Plätze. Diese Rangliste ist schliesslich subjektiv, aber sie soll ein Spiegel sein für Entwicklungen und Haltungen, welche das Kunstjahr 2019 prägten.

Drei Kategorien von Ausstellungen belegen die restlichen Plätze: Erstens thematische Projekte, die einen Zusammenhänge erst erkennen lassen. Zweitens herausragende Einzelausstellungen und drittens innovative Sammlungspräsentationen.

Klug und locker schliessen sich nicht aus

Am meisten gelernt habe ich dieses Jahr im Museum der Künste in Leipzig. «Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst» bot eine erstmalige, eine so breite wie gültige Auslegeordnung über eine bisher nicht erforschte Epoche. Nicht nur die ausländische Besucherin staunte, sondern eben auch die Fachleute vor Ort. Denn in der Euphorie für alles Westliche in der Nach-Wendezeit wanderte ein grosser Teil dieser malerisch eindrücklichen Werke in Depots, verstaubte in Ateliers oder hing diskret bei Privaten. Die Ausstellung legte eine nicht erwartete stilistische wie weltanschauliche Vielfalt offen.

Wie Kunstgeschichte auf die Gegenwartskunst wirkt, untersuchte das Haus Konstruktiv in Zürich mit der so munteren wie überraschenden Schau «Konkrete Gegenwart». Die Gründerväter der geometrischen Kunst würden nach einem Besuch wohl im Grab rotieren, als heutige Besucherin ist man dankbar für ihre undogmatische, aber nicht minder konsequente Arbeit.

Einzelausstellungen lassen einen wunderbar tief in ein Oeuvre eintauchen. Südafrikas Geschichte, seine Liebe zur Bühne und seinen absurden Humor verbindet William Kentridge, 55, zu einem so ernsten wie absurden Gesamtwerk. Multimedial, eindringlich und eingängig.

Das Comeback des Jahres feierte Miriam Cahn, 70. Schon in den 1980er-Jahren war die Baslerin für ihre körperbetonten Kohlezeichnungen, ihre Antikriegsbilder bekannt. Ihre dezidierte Haltung ist geblieben, aber mit starkfarbigen Gemälden hat sich ihre Arbeit radikal erweitert.

Miriam Cahn in ihrer Berner Ausstellung.

Miriam Cahn in ihrer Berner Ausstellung.

Mit leichter Hand und überraschenden visuellen Analogien verbindet Isabelle Krieg, 47, Banales mit Erhabenem. So liess sie im Kunstmuseum Solothurn ein Fladenbrot zum Vollmond werden, Zähne als Sterne leuchten und lehrte einen auch, wie leicht man sich von Bildern verführen oder an der Nase herum führen lässt.

Aus dem Depot an die Luft

Museen beschäftigen sich wieder intensiver und variantenreicher mit ihren Sammlungen. Wunderbar! Sie sind ihr Schatz, ihre Basis und verdienen aktive Zuneigung. Nur drei, aber unterschiedliche und exemplarische Projekte habe ich in meine Top Ten aufgenommen.

Hervorragend, wie das Kunstmuseum Luzern sich um seinen Schatz an Videoarbeiten und frühen elektronischen Kunstwerken kümmert. Es zeigte nicht nur, wie tricky es ist, sie zu erhalten oder gar zu restaurieren, sondern auch wie wundersam vielschichtig dieses Kunstkapitel ist.

Ein ungehobener, aber zwiespältiger Schatz lagert im Kunstmuseum Bern. Der Nachlass des Bauhausmeisters Johannes Itten (1888–1967). Mutig feierte man den gebürtigen Berner nicht nur als wichtigen Modernen, sondern legte mit endlich durchgesehenen Tagebuchauszügen sein rassistisches Denken, seine irrlichternden esoterischen Wege und Abwege offen. Klug und sorgfältig.

Kunst vom Sockel zu holen, Unliebsames aus den Museen wegzusperren und moralisch statt künstlerisch zu denken, hat im Moment Hochkonjunktur. Man kann sich den Kontroversen aber auch stellen. Das Kunstmuseum Basel hat dazu einen ersten Anlauf unternommen – mehr dürfte und müsste folgen.

Top Ten Kunst 2019

1. Banksy
«Venice in Oil». Verkaufsstand Venedig

2. Thomas Hirschhorn
Robert-Walser-Sculpture, Bahnhofplatz Biel

3. Point of No Return
Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst. Museum der Künste, Leipzig

4. Konkrete Gegenwart
Jetzt ist immer auch ein bisschen gestern und morgen. Haus Konstruktiv, Zürich

5. Miriam Cahn
Ich als Mensch. Kunstmuseum Bern

6. William Kentridge
A Poem That Is Not Our Own. Kunstmuseum Basel Gegenwart

7. Isabelle Krieg
ALL TAG. Kunstmuseum Solothurn

8. Johannes Itten
Kunst als Leben. Kunstmuseum Bern

9. Vom Band zum Byte
Digitalisierung der Videosammlung. Kunstmuseum Luzern

10. Kontrovers
Kunstmuseum Basel

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