Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll haben ihn gezeichnet, aber niemand hat so viele Leben wie Iggy Pop. Die Haut ist zerfurcht wie die einer Echse. Sein Gesicht ist zerklüftet, aber weich und mit durchdringenden Augen. Doch viele seiner Falten sind Lachfalten. Der am 21. April 1947 in Muskegon/Michigan als James Newell Osterberg geborene Sänger und Schauspieler sprüht momentan nur so vor Lebensfreude und positiver Energie.

Dabei hat er in seinem Leben praktisch keine Droge ausgelassen und in den letzten Jahren viele seiner Wegbegleiter sterben sehen. Auf die Ashton-Brüder Ron und Scott folgte David Bowie. Mit dessen Hilfe machte Pop in den späten 1970ern seine besten Soloplatten. In den 1980er und 1990er- Jahren erschienen nicht viele Alben von Pop, die seinem Ruf als Pate des Punk gerecht wurden.

Wie ein Leguan schien Iggy Pop jahrelang in Kältestarre verfallen zu sein und suchte Umgebungen auf, in denen er geschützt war. Er tat sich wieder mit den Stooges zusammen und nudelte Abend für Abend dieselben Klassiker ab. Seine späten Platten mit der Band bleiben kaum in Erinnerung. Aber das ewige Reptil Iggy Pop weiss: Ein Künstler, der wachsen will, muss sich immer wieder häuten.

Vor drei Jahren erschien «Post Pop Depression», mit dem ihm ein fulminantes Comeback gelang. Unterstützt wurde der schmale Sänger darauf von den Queens-Of-The-Stone-Age-Gitarristen Josh Homme und Dean Ferdita, Arctic-Monkeys-Schlagzeuger Matt Helders und Rick-Rubin-Mitstreiter Matt Sweeney. Eine Supergroup.

Iggy Pops Texte darauf sind prägnant, kompromisslos und zuweilen philosophisch, und sein Gesang ist unerschrocken wie eh und je. Jemand schrieb einmal, Pops Stimme klinge gleichzeitig nach Rauch und Öl. Inzwischen ist eine Prise Rost dazugekommen, aber zum Glück nur auf der Oberfläche.

An seinem 72. Geburtstag in diesem Frühjahr, den er oberkörperfrei auf einer Bühne in Melbourne verbrachte, hat sich der Erfinder des Stagediving einmal mehr die äussere Schicht an harten Kanten in Fetzen abgestreift – und plötzlich schnappt es wieder zu, das alte Reptil. Weil der Punk-Senior Iggy Pop noch immer so gekonnt auf Messers Schneide zu tanzen vermag, darf er im neuen Film von Jim Jarmusch einen Untoten spielen. Quasi eine Zombie-Version seiner selbst.

In «The Dead Don’t Die» mimt der Sänger einen menschenmeuchelnden Totengeist, der sich von dem Stoff magisch angezogen fühlt, den er gemocht hat, als er noch am Leben war: Kaffee. Ein typischer Jarmusch-Scherz, denn im realen Leben griff Pop zu härteren Drogen: «Kokain, Heroin, LSD, Marihuana, MDMA und den ganzen Scheiss, aber nie Viagra!»

Der offizielle Filmtrailer zu «The Dead Don't Die».

Der Urknall des Punk

Zwei Wochen nach dem Kinostart am 14. Juni wird das Soloalbum «Zombie Birdhouse» neu aufgelegt. Der Titel könnte nicht treffender sein. Die 30 Jahre lang verschollene Platte hat Legendenstatus erreicht durch ihre waghalsige Mischung aus dröhnenden Synties, Afro-Beats und frei assoziierten Texten. Das lässt sie heute noch modern wirken.

Produziert wurde das Album von Blondie-Gitarrist Chris Stein; Blondie-Sängerin Deborah Harry ist bei einem Song im Background zu hören. Der «Rolling Stone» bezeichnete «Zombie Birdhouse» als eine intelligente, gut gestaltete Sammlung mit mehr Tiefgang, als man vom Autor von «I Wanna Be Your Dog» erwartet hätte.

Aber die Bedeutung dieses Songs ist nicht zu unterschätzen, gilt er doch als Urknall des Punkrock. Die Single erscheint im Juni 1969 als Vorbote des Albums «The Stooges». Die Nummer ist so gestrickt, wie authentische Rockmusik sein sollte: laut, aggressiv und elektrisierend.

Ein lärmiges, verzerrtes Gitarrenriff mit nur drei Akkorden wird von Ron Asheton praktisch drei Minuten lang wiederholt, dazu spielt Produzent John Cale von The Velvet Underground ein Riff auf dem Piano, das nur aus einem einzigen Ton besteht. Der Punkrock war geboren – sechs Jahre vor den Sex Pistols.

Der wüste Lärm von «The Stooges» (1969), «Fun House» (1970) und «Raw Power» (1973) macht die Band zur Legende. 2010 ziehen Iggy Pop & The Stooges in die Rock And Roll Hall Of Fame ein. Der junge Pop singt mit knarzender Stimme morbide Texte über Gewalt, Sex, Schmerz und fräst sich auf der Bühne blutende Wunden in die Brust.

Dazu liefern Ron Asheton (Gitarre), Scott Asheton (Schlagzeug) und Dave Alexander (Bass) einen aggressiven Stimmungsschwall mit sägenden Gitarren und monotoner Powerrock-Rhythmik. David Bowie wird zum Fan der Prügelknaben und mischt ihr Meisterwerk «Raw Power» so radikal ab, dass manchmal nur noch der Gesang und die Leadgitarre zu hören sind.

Von 1976 bis 1978 leben Iggy Pop und David Bowie in einem Altbau in Berlin-Schöneberg, der ausserirdische Thin White Duke im Vorder- und der hyperaktive Punk im Hinterhaus. Zwei drogensüchtige Freunde, die eigentlich am Ende ihrer Kräfte sind, aber die Arbeit an Iggy Pops Alben «The Idiot» und «Lust For Life» scheint sie auf wundersame Weise zu kurieren.

Pops Songs aus dieser Zeit wie «The Passenger» und «Lust For Life» bescheren ihm einen späten Popularitätsschub. Aber der Sänger will nicht bis ans Ende seiner Tage am Strand von Miami spazieren gehen, sondern sucht noch einmal eine echte Herausforderung. «Ich wollte an diesem Punkt meines Lebens meinen Wert als Künstler – und nicht als Symbol von irgendetwas – noch einmal prüfen», sagt er. 2016 wird sein Comebackalbum «Post Pop Depression» für einen Grammy nominiert, verliert aber gegen Bowies Abschiedswerk «Blackstar».

Abgang von der Bühne?

Und heute? Auf der Bühne wirkt der zerklüftete Godfather of Punk trotz eines Hüftleidens, als würde er gerade an den Seniorenweltmeisterschaften für rhythmische Gymnastik teilnehmen. Dabei verdreht er seinen sehnigen Körper auf eine Art und Weise, dass man befürchtet, seine Gelenke würden jeden Moment aus ihren Halterungen springen.

Aber genau das will er vermeiden und deshalb sieht er seine Zukunft eher in der Schauspielerei. Ein vielleicht letztes Mal rafft sich der Altmeister dieses Jahr noch zu einer internationalen Tournee auf und spielt neben seinen Klassikern die stärksten Songs von «Post Pop Depression», «weil ich stolz bin auf das Album und die Jungs, die es mit mir eingespielt haben».

Iggy Pop «Zombie Birdhouse» (Caroline). Erscheint morgen.

Im Kino: «The Dead Don’t Die».

Live: 14. 7., Lörrach, Stimmenfestival.