Kultur

Das Beethovenjahr beginnt: «O Freunde, nicht diese Töne!»

Ludwig van Beethoven gilt als der meistgespielte klassische Komponist der Welt und als einer der wichtigsten Botschafter der europäischen Kultur.

Ludwig van Beethoven gilt als der meistgespielte klassische Komponist der Welt und als einer der wichtigsten Botschafter der europäischen Kultur.

Ludwig van Beethoven wurde vor 250 Jahren geboren – das Beethoven-Jahr wird so schwierig, wie es sein Held war.

Beethoven – das ist klassische Musik. Musik für den Konzertsaal, für Eliten. Gespielt auf Instrumenten aus leibhaftigem Holz oder Blech. Wie wenn ein Doppeldecker aus Drähten, Sperrholz und Leinwand neben den Jets in ihren glitzernden Aluhüllen auf der Piste eines Flughafens zum Start rollen würde.

Beethoven – das ist lange her. Vor fast 250 Jahren, im Dezember 1770, wurde er geboren. Wie wenn mit der Geburt schon alles vorbei gewesen wäre, lässt man das Beethoven-Jahr jetzt im Dezember 2019 beginnen. Damit es im Dezember 2020, wenn die 250 Jahre voll sind, auch wieder fertig sein kann.

Beethoven – heute würde man ihn wohl leicht narzisstisch nennen. Er wurde gelobt, geliebt und bewundert. Aber er fühlte sich auch verkannt. Auch Mozart wusste, dass er gut war. Aber ihm fehlte das passende Umfeld. Erst Beethoven spürte Resonanz. Bei ihm ahnte das Publikum, dass etwas Epochales vorging. Beethoven arbeitete als erster Musiker für einen Musikmarkt. Noch rudimentär und ziemlich ungeordnet.

Auch er brauchte Gönner und Sponsoren, zu denen man nett sein musste. Aber sie waren nicht mehr die letzte Instanz, die über Erfolg oder Vergessen entschied. Das Bürgertum hatte den Konzertsaal und damit die Musik entdeckt.

Für uns klingt klassische Musik wie klassische Musik. Neben dem Alltagslärm, der sich manchmal als Musik tarnt, kommt sie ziemlich gedämpft daher. Ein Fortissimo-Akkord zum Auftakt einer Symphonie erschreckt uns nicht mehr. Das war zu Beethovens Zeit anders. Die Effekte, die heute nur noch akademische Musikprofis wahrnehmen, hatten ­ Wirkung zu seiner Zeit. Die Leute schauten sich an. Da fordert einer: Hört mir zu!

Es war mehr als das Rütteln an der Hörgewohnheit. Musik, Instrumentalmusik, ohne Worte, war etwas Neues. Dass der fröhliche Mensch ein Liedlein pfeift, das gab es schon. Aber es war verdächtig. Unkontrollierter Affekt, Leidenschaft. Musik hatte dem Wort, vor allem dem Gottes, zu dienen. Bachs Werke, die ernsthaft als solche galten, waren Vokalmusik. «Denen Liebhabern zur Gemütsergötzung verfertiget», schrieb er auf die Titelblätter seiner Klaviermusik. Wortlose Musik war nicht viel wert. Kant verstand nichts von Musik und fand, es werde einfach zu wenig gedacht dabei.

Er wusste, was Musik mit Menschen anstellen konnte

Instrumentalmusik wurde verfertigt und gespielt für die Zerstreuung an den Höfen. Beethoven war der Erste, der das kompromisslos anders sah. Er entriss den Höfen die Symphonie. Beethoven fand, er habe musikalisch etwas zu sagen. Der Welt und ohne Worte.

Die Französische Revolution, die grosse Umwälzung hatte den Trend etabliert. Die «Marseillaise» setzte Massen in Bewegung. Musik kann mit Menschen allerlei anstellen. Dem Militär Napoleon war das klar. Als er die Macht ergriff, war die Musik eines der Mittel, mit denen er die Herzen der Franzosen zu gewinnen hoffte. Die Revolution gründete nicht nur die erste Technische Hochschule, Napoleon erfand auch das Konservatorium.

Beethoven und Napoleon verdienten ein besonderes Kapitel. Beethoven trug sich nach 1803 mit dem Gedanken, nach Paris auszuwandern. Dort sah er seine Kunst eher gefragt als in Wien. Es kam nicht dazu. Vielleicht, weil Beethoven es zu laut gesagt hatte. Auf einmal fanden sich ein paar national gesinnte Sponsoren, die ihn in Wien behalten wollten.

Wien war das Biotop, das einen Typen wie Beethoven überhaupt möglich machte. Die Musikhauptstadt Europas. Musik gehörte zum guten Ton. Ganz Reiche hielten sich ein Orchester, nicht so Reiche liessen Ad-hoc-Ensembles aufspielen. Und die Reichen hielten sich einen Pianisten.

Als der junge Beethoven nach Wien kam, war er als Virtuose gefragt. Tasten­duelle waren sehr beliebt, und der junge Beethoven lieferte ein paar, die in Erinnerung blieben. Er konnte das.

«Fantasieren» wurde es genannt. Nicht einfach drauflos spielen, sondern improvisieren über ein Thema oder eine gängige Melodie.

Beethovens Vater, ein nicht sehr begabter Tenor in Bonn, der seinen Sohn zum Wunderkind à la Mozart machen wollte, sah das gar nicht gern. Üben und Drill, schnell und fehlerfrei spielen, das schon. Aber nicht musikalisch träumen. Er versuchte, seinem Sohn das Fantasieren mit Prügeln auszutreiben. Erfolglos. Mit dem Wunderkind wurde es nichts, aber dass der Knabe begabt war, bemerkte man. Er hatte schon früh Gönner, die ihm Ausbildung und Bildung ermöglichten. Beethovens Familie war dysfunktional. Der Vater ein Versager, ergab sich dem Alkohol, starb. Die Mutter, apathisch, depressiv, wollte von ihren Kindern nicht viel wissen. Der Teenager Ludwig musste bald für seine drei Geschwister sorgen.

Bis man ihn nach Wien schickte. Der junge Beethoven war anders, als ihn die Fama später sehen wollte. Kein schlampiges Genie, sondern zielbewusst und moralisch furchtbar streng gegen sich selbst. «Seine innere Instanz war so unerbittlich wie sein Vater», schreibt ein Biograf.

Der Massstab, den er an sich und seine Kunst legte, blieb unerbittlich, auch wenn die Lebensführung später lockerer wurde.

Ein Choleriker, der nichts mehr hörte

Die Klaviermusik, die Beethoven schrieb, war vom Fantasieren geprägt. Keineswegs Improvisation, sondern hoher formaler Anspruch. Aber die Musik soll nicht nur irgendeine vorgegebene Form füllen. Sie sucht sich selbst ihre Form.

Die «Sonata quasi una fantasia», später «Mondscheinsonate» genannt, wurde einer seiner grössten Hits, wenigstens der erste Satz. Das spielen alle, allerdings nicht alle gleich gut. Komponieren konnte es ein Einziger.

Beethoven war ein Genie. Er wusste das, die Leute ahnten es. Es wurde viel gestöhnt über die Länge, die Ansprüche, die Komplexheit von Beethovens Musik. «Noch in der Verirrung gross», hatte ein Rezensent über die neunte Symphonie geschrieben.

Mit 30 liess Beethovens Gehör nach, in seinen letzten Jahren war er taub, katastrophal für einen Musiker, und als Mensch machte es ihn unglaublich einsam.

Pflegeleicht war Beethoven nie. Der Choleriker konnte die besten Freunde vergrämen. Frauen? Ein schwieriges Kapitel.

Beethoven liebte systematisch chancenlos. Für ihn unerreichbare Frauen. Vielleicht hatte er eine Tochter, Minona, gezeugt mit Josephine Brunsvik, seiner wahrscheinlich einzigen «grossen Liebe». Gesichert ist es nicht. Über Beethovens Leben ist viel geschrieben worden. Seine Geldsorgen, sein unsteter Lebenswandel, sein Messietum, sein Alkoholismus… Im Geschäftlichen war er skrupellos. Werke, selbst wenn sie noch nicht fertig waren, verkaufte er bevorzugt mehrmals. Und seine Schüler oder Sekretäre hielten ihn nicht auf dem Pfad der Tugend, sondern suchten selbst nach Kräften abzusahnen.

Darüber darf man hinwegsehen. Beethoven litt unter seiner bürgerlichen Herkunft, die ihn zum Bittsteller machte. Der Wiener Adel war grosszügig und förderte die Musik nach Kräften.

Beethoven verkehrte mit manchen auf Augenhöhe. Aber den Klassenunterschied völlig vergessen machen, das ging nicht. Hin und wieder knallte es deshalb. Beethovens Entschuldigungsbriefe an gekränkte Freunde sind legendär.

Beethoven heute? Klassiker ist er und bleibt er, felsenfest auf seinem Podest. Es wird geschwurbelt vom «Titan», von seiner Musik, die «zu gross» für uns ist, die in die Unendlichkeit oder was weiss ich wohin ausgreift. Mag sein. Beethoven war ein Musiker, der neue Wege ging. Sie sind nicht ausgetreten. Wir können sie immer noch gehen. Die Musik ernst nehmen. Studieren, spielen, hören – nicht davor erstarren, auch nicht in Ehrfurcht. Und wir dürfen uns auch langsam mit seinem Humanitätspathos (nicht nur im Finale der Neunten) anfreunden. «O Freunde, nicht diese Töne» und «Alle Menschen werden Brüder» – er meinte es genau so, wie auch Schiller. Und brauchen können wir das heute immer noch.

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