Kultur

Corona erwischt das Argovia Philharmonic auf falschem Fuss

Benjamin Haemhouts, Dirigent der Argovia Philharmonics.

Benjamin Haemhouts, Dirigent der Argovia Philharmonics.

Mit «Macht und Ohnmacht» setzt sich das 4. Abonnementskonzert des Argovia Philharmonic auseinander – mit Abstrichen im Programm.

Das Coronavirus erfordert allerorten Programmänderungen – auch beim Abonnementskonzert des Argovia Philharmonic. Weil einige Mitglieder des Orchesters in Norditalien waren, wurden Vorsichtsmassnahmen getroffen, weshalb drei Positionen neu besetzt werden mussten. Deshalb wurde zu Beginn nicht György Ligetis Concert Românesc gespielt, sondern Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zu «Le Nozze di Figaro». «Aber», versicherte Intendant Christian Weidmann, «es bestehen gute Chancen, dass Ligetis Werk in den anstehenden Konzerten in Zofingen und Baden gespielt werden kann.»

Nun stimmte das Motto «Ohnmacht und Macht» zwar nur noch bedingt. Immerhin kennt sich der amerikanische Komponist und Jazzmusiker Jeff Beal aber mit Macht aus, hat er doch für die Netflix-Serie «House of Cards» die Musik geschrieben. Das ist ein düsterer Soundtrack, der den Inhalt (ein Mann will Macht um jeden Preis) trefflich untermalt.

Jeff Beals Konzert wirkt wie ein Sommertag

Wie anders mutet da doch Beals Konzert für Flöte und Orchester (mit E-Gitarre) an, das er für die israelische Flötistin Sharon Bezaly komponiert hat: dieses evoziert einen Sommertag, der dem Menschen vieles leichter erscheinen lässt. Die aufbruchshelle Stimmung lässt ihn vielleicht mit dem Finger schnippen und dazu pfeifen. Dies kann die Solistin nicht, weil sie spielt. Und das mit derart offenkundigem Spass, dass klar ist: Sharon Bezaly kennt das Stück in- und auswendig, sodass für sie die technischen Hürden vor allem im dritten Satz keine sind und am Ende eines obsiegt: schiere Leichtigkeit. Ihr Flötenton glänzt in der hohen Lage, ohne spitz zu sein; in der Tiefe ist er sonor und voll.

Dass Beals melodiöses, mit jazzigen Einsprengseln durchsetztes Werk ebenso sprechend wie elegant erscheint, verdankt sich auch dem rhythmisch geschmeidig agierenden Argovia Philharmonic unter Benjamin Haemhouts. Nicht mit Macht, aber mit Ohnmacht lässt sich Johannes Brahms‘ Empfinden gegenüber Ludwig van Beethoven bezeichnen. Erst als Dreiundvierzigjähriger – nach über 20 Jahren mühevollen Experimentierens – trat Brahms aus dem Schatten Beethovens. Brahms erste Sinfonie ist eine Komposition der grandiosen Steigerungen sowie der wunderbaren Streicher- und Bläserpassagen. Benjamin Haemhouts favorisiert bei Brahms Erster keinen wie sonst oft gehörten dunkel-opulenten, sondern einen schlanken Klang. Die Tempi sind insgesamt zügig, was auch für die langsame, zwar schwere, aber nicht lastende Einleitung sowie für den vierten, ohnehin schnellen Satz, gilt. Haemhouts und das Argovia Philharmonic zeichnen insgesamt das Bild eines frischen, energievollen Brahms mit spannenden Spannungsverläufen. Da nimmt der belgische Dirigent auch kleine Unschärfen in Kauf; wichtig ist ihm primär das konsequente Vorwärtsdrängen, das mitunter zu Lasten des klanglichen Feinschliffs geht. Keine Frage: dieser nie nachlassende Drive hat es in sich – doch man wird gepackt, weil Haemhouts immer wieder Verlangsamungen einbaut, um daraus Steigerungen abzuleiten.

Weitere Konzerte: Di, 3.3.: Kultur- & Kongresshaus Aarau; Mi, 4.3.: Röm.-Kath. Kirche Villmergen; Do, 5.3.: Stadtsaal Zofingen (statt Beals Flötenkonzert wird Haydns Konzerte für Trompete und Orchester gespielt); Fr, 6.3.: Trafo Baden.

Autor

Hansruedi Kugler

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