Bührle-Bilder
Licht und Liebe: Theatermacher Milo Rau engagiert einen Schamanen fürs Zürcher Kunsthaus.

Theatermacher Milo Rau will die Bührle-Sammlung von ihren negativen Energien befreien. Dafür hat er extra einen Schamanen aus Deutschland engagiert.

Julia Stephan
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Ein Schamane im Foyer des Chipperfield-Baus soll das Gebäude vor den negativen Energien befreien.

Ein Schamane im Foyer des Chipperfield-Baus soll das Gebäude vor den negativen Energien befreien.

Bild: HO

Vor wenigen Tagen hat sich der Popmusiker und ehemalige Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo in einer rituellen Entschuldigung auf Social Media von den bösen Geistern seiner Vergangenheit befreit. Es gab zwar keinen Applaus, aber doch etwas Anerkennung für diesen radikalen Gesinnungswandel.

Dem Zürcher Kunsthaus täte so ein wirkungsvoller Auftritt mindestens so gut. Seit Monaten steht es unter internationaler Kritik. Die mit Nazi-Schuld kontaminierte Bührle-Sammlung hängt an der renommierten Institution wie ein böser Fluch.

Theatermacher Milo Rau.

Theatermacher Milo Rau.

Belinda Schmid

Nun setzt der Schweizer Theatermacher Milo Rau auf die heilende Kraft der Magie. Am Mittwoch schickte er einen Schamanen ins Foyer des Chipperfield-Baus. Der befreite den Ort im Beisein zweier Schauspielerinnen von negativen Energien. «Ich mache quasi Lichtarbeit. Ich räume auf Plätzen auf, die negativ behaftet sind», erklärte der Schamane der Zeitung «Blick». Der Skandal blieb aus. Wen wunderts? Im Kunstbetrieb ist man sich wildere Aktionen gewohnt.

Wenn Lösungen zur Provokation werden

Anders als noch vor sechs Jahren, als das Zentrum für Politische Schönheit in einer verunglückten Aktion dem Rechtspopulisten Roger Köppel den bösen Geist eines Nazi-Politikers austreiben wollte, gaben sich die Initianten um Milo Rau provokant lösungsorientiert. Rau und seinem Team war klar: Eine Institution, die jeden Dialog verweigert, jede Schuld von sich weist und aus sich selbst heraus den grössten Skandal seiner Geschichte produziert hat, braucht keinen weiteren Schlingensiefschen Theaterskandal, den es triggert. Rau’s Provokation ist leise, und stichelt mit lösungsorientierten Vorschlägen.

Diese Monets werden als NFT's versteigert. Die Slogans stammen von der Künstlerin Miriam Cahn.

Diese Monets werden als NFT's versteigert. Die Slogans stammen von der Künstlerin Miriam Cahn.

Bild: HO

Und die sahen dann so aus: Weil sich die Künstlerin Miriam Cahn vergeblich um die Herausgabe ihrer Bilder aus der Kunsthaussammlung bemüht hatte, kam es im Anschluss zu einer Bilderbefreiung der besonderen Art: Ein wegen seiner Provenienz umstrittener Monet («Mohnblumenfel bei Vétheuil») aus der Bührle-Sammlung wurde an einer Vernissage zweimal als NFT zur Versteigerung freigegeben. Darauf im Vordergrund zu sehen: eine ehemalige Zwangsarbeiterin Bührles, die vor dem Bild symbolhaft einen grossen Gesteinsbrocken schultert, ergänzt um Slogans der Künstlerin Miriam Cahn. Der Auktionserlös kommt den Rechtlosen der Gegenwart zu: Sans- Papiers und Migranten.

Sind mit diesem symbolischen Akt alle Geister der Vergangenheit versöhnt? Wohl kaum. Dafür muss das Kunsthaus schon selbst seine Hausaufgaben machen.

Milo Rau zeigt am 23. April seine Inszenierung «Wilhelm Tell» auf der Pfauenbühne des Schauspielhaus Zürich.