Literatur

Bücher gegen Bomben: Eine Bibliothek wird Zentrum des Widerstands

Aus den Trümmern von Daraya in die geheime Bibliothek: Dieses Bild schickten die Büchersammler der Autorin Delphine Minoui. Benevento

Aus den Trümmern von Daraya in die geheime Bibliothek: Dieses Bild schickten die Büchersammler der Autorin Delphine Minoui. Benevento

Delphine Minoui schreibt über den Syrien-Krieg aus ungewöhnlicher Perspektive. Sie ist nur via Internet beim Widerstand im umkämpften Stadtteil Daraya dabei – und doch emotional verstrickt.

Roman, Sachbuch, Märchen oder Tatsachenbericht? Irgendwie passt keine der gängigen Schubladen für dieses Buch. Vielleicht weil es eine Journalistin geschrieben hat, die für das Thema um die richtige Form gerungen hat – und die nicht vor Ort recherchieren konnte. Denn Daraya, ein Stadtteil von Syriens Hauptstadt Damaskus, war zwischen 2012 und 2016 von der syrischen Armee abgesperrt, belagert und stand unter Dauerbombardement.

Daraya hatte 2011 Schlagzeilen als eine der Wiegen der friedlichen Revolution gemacht. Hier demonstrierten die Menschen für mehr Freiheit und Rechte. Damit gerieten sie im nachfolgenden Bürgerkrieg zwischen die Fronten von Baschar al-Assads Armee und der fundamentalistischen Terror-Einheiten. Aber sie hielten stand, duldeten, kämpften, hungerten, starben.

Ein Bild auf Facebook

Das Interesse der internationalen Berichterstattung blieb klein, weil an anderen Orten spektakulärere Kämpfe tobten und vor allem, weil aus dem eingeschlossenen Daraya nichts nach aussen drang.

Nichts? Ein Bild auf Facebook habe sie 2015 berührt, berichtet Delphine Minoui zu Beginn ihres Buches. «Eine rätselhafte Aufnahme aus der syrischen Hölle, ohne jede Spur von Blut oder Kugeln.» Die Bildunterschrift habe von einer geheimen Bibliothek im Herzen von Daraya berichtet. «Die Vorstellung, dass diese jungen Leute in den Kellern der eingeschlossenen Stadt vor sich hin schmökern, während über ihren Köpfen die Bomben fallen, weckte meine Neugier.»

Über soziale Medien suchte sie den Kontakt zu diesen jungen Männern, es entspann sich über Jahre ein reger Dialog per Skype, Whatsapp und Facebook, sie erhielt Videos und Fotos. Sie war sich bewusst: «Wer den Blick auf eine Stadt richtet, die er nur am Computerbildschirm sieht, riskiert, die Wahrheit zu verfälschen.» Aber schweigen gegenüber dem Unrecht wollte sie auch nicht. Also sammelte Delphine Minoui alles, denn «Schreiben bedeute, einzelne Schnipsel Wahrheit zusammenzufügen, um das Absurde hörbar zu machen.»

Tagebuchartig erzählt sie von den Gesprächen über wackelige, oft unterbrochenen Verbindungen, vom langen Warten . . . nach und nach nimmt die Bibliothek, nimmt das immer entbehrungsreichere, gefährlichere Leben der 8000 eingeschlossenen Menschen Kontur an. Sie lässt Ahmad erzählen, wie er und seinen Freunde in zerbombten Häusern Bücher fanden, sie retteten, als Symbole einer zivilisierten, menschlichen Welt. Sie richteten damit die erste öffentliche Bibliothek in Daraya ein, die nicht nur zu einem Treffpunkt, sondern zu einem Trostpunkt wurde. Denn in den Büchern konnten die Leute für eine Weile in eine freiere Welt ausbrechen, sich weiterbilden, ihre Tradition kennen lernen. «Massenunterrichtswaffen», nennt Minoui die Bücher, den Bücherkeller den wohl friedlichsten Bunker.

Das Mitleiden der Autorin

Anhand von Minouis Notaten, anhand der Nachrichten und Skype-Gespräche mit Ahmad, Ustaz, Hussam, Shadi und Omar und anderen erlebt die Leserin mit, wie die Einkesselung enger, Hunger und Not stärker und der Friedhof der Märtyrer immer grösser werden. Und wie Napalmbomben die Ruinenstadt endgültig in Schutt und Asche legen.

Die Autorin leidet mit und schürt die Spannung, indem sie ihr eigenes Warten und Hoffen schildert. Und ihren Alltag in Istanbul als Gegenwelt einbaut – etwa wie sie mit ihrer Tochter die wöchentliche Märchenstunde in der Bibliothek des Institut Français besucht. Doch das ersehnte Märchen-Happy-End kann es für Daraya nicht geben: Im August 2016 müssen die letzten Überlebenden Daraya verlassen. Danach schildert sie bitter, wie das Fernsehen Baschar al-Assad als Sieger bei der Besichtigung der geräumten Stadt zeigt.

Der Ton, den Minoui anschlägt, ist emotional, die Sprache alltäglich und locker, sie mit literarischen Kriterien zu beurteilen, wäre fehl am Platz. Auch wenn Minoui selber das Buch nicht nur dokumentarisch, sondern auch als literarische Arbeit sehen will. Interessant und aktuell ist die Entstehungsgeschichte via Internet, anwaltschaftlich und respekteinflössend der Wille von Minoui, Sprachrohr für die Menschen von Daraya zu sein, über ihre Hoffnung auf Demokratie, über ihre unglaubliche Bibliothek zu berichten.

Als Sprachrohr hat Delphine Minoui Erfahrung: 2009 schrieb sie zusammen mit Nojoud Ali deren Leidensgeschichte auf. Als Zehnjährige wurde Noujoud von ihrem Vater gegen Geld an einen 22 Jahre älteren Mann verheiratet, wurde gequält, vergewaltigt und konnte sich befreien. Das Buch «Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden» (Knaur) wurde ein Bestseller. Hauptsächlich arbeitet Delphine Minoui als Journalistin und Nahost-Expertin für den «Figaro», «Le Soir», «L’Express» und Radio France, sie lebte erst in Teheran und Beirut, aktuell in Istanbul.

Delphine Minoui Die geheime Bibliothek von Daraya. Benevento. 232 Seiten.

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