Matthias Scharrer

Der Ort ist gut gewählt: In der Schiffbauhalle wird Regierungsrat Markus Notter heute Abend Christoph Marthaler den mit 50 000 Franken dotierten Kulturpreis des Kantons Zürich überreichen. «In Würdigung seiner herausragenden Verdienste für das zeitgenössische Theater», wie
es auf der Einladungskarte heisst.

Geehrt wird jener Marthaler, der im Jahr 2000 Intendant am Schauspielhaus Zürich wurde und den Schiffbau als neue, kostspielige Spielstätte etablierte. Jener Marthaler, den der Verwaltungsrat des Schauspielhauses zwei Jahre später im Streit entliess. Und dann, nach heftigen Protesten in Zürich und viel Häme im internationalen Feuilleton, doch wieder anstellte. Jener Marthaler, der schliesslich per Ende der Spielzeit 2003/04 seinen vorzeitigen Abgang ankündigte, weil trotz aller Sparbemühungen 1,7 Millionen Franken im Budget fehlten. Und der seinen Abgang mit dem Appell verband, man möge die Kulturstätte Schiffbau erhalten.

Geld bleibt prägendes Thema


Nun kehrt der verlorene Sohn also zurück in seine Heimatstadt, um die höchstdotierte kulturelle Auszeichnung des Kantons entgegenzunehmen. Marthalers künstlerische Verdienste sind in Fachkreisen unumstritten. Das Zürcher Schauspielhaus wurde unter seiner Führung zwei Mal zum «Theater des Jahres» erkoren. Allein, das Publikum goutierte es nicht. Die Zuschauerzahlen, die in den Spielzeiten vor Marthaler zumeist zwischen 170 000 und 200 000 lagen, brachen ein auf gegen 120 000. Und die hohen Betriebskosten für den Schiffbau rissen jährlich ein Millionen-Loch in die Schauspielhaus-Kasse. «Mit Marthaler

ist ein Modell des kreativen Künstlers als Intendant gescheitert. Die Zukunft gehört den Managern», schrieb die «Süddeutsche Zeitung» damals.

Und heute? Marthalers Nachfolger Mathias Hartmann - der auf die «Übergangslösung» Andreas Spillmann folgte - widerlegte die These der «Süddeutschen» zunächst: Mit ihm wirkte abermals ein kreativer Künstler an der Spitze des Schauspielhauses. Und die Zuschauerzahlen stiegen wieder auf über 160 000 an. Allerdings blieb der Streit ums Geld ein beherrschendes Thema auch seiner Ära am Schauspielhaus. Hartmann verliess das Schauspielhaus schliesslich wie Marthaler vorzeitig - in Richtung Wiener Burgtheater.

Neue Schiffbau-Trägerschaft?

Das Hauptproblem des Zürcher Schauspielhauses bleibt bis heute ungelöst: Das Theater ist Eigentümer des Schiffbaus, für den jährlich Abschreibungen in Höhe von zwei Millionen Franken nötig sind. Zwar kündigte der scheidende Stadtpräsident Elmar Ledergerber am 1. April dieses Jahres eine Lösung an: Bis September, zum Antritt von Hartmanns Nachfolgerin Barbara Frey, werde über die geplante neue Trägerschaft entschieden sein.

Zwei Optionen stellte er in Aussicht: Zum einen die Gründung einer unabhängigen Schiffbau-Trägerschaft. Private müssten dafür einen zweistelligen Millionenbetrag aufbringen, und die Stadt Zürich würde 51 Prozent der Gesellschaft besitzen. Zum anderen die Gründung einer Tochtergesellschaft des Schauspielhauses als Schiffbau-Trägerschaft.

Doch der Entscheid steht noch immer aus. Schauspielhaus-Pressesprecherin Kathrin Gartmann sagt, sie wisse nichts von privaten Investoren. Und bei der städtischen Kulturpflege ist lediglich zu erfahren, dass Gespräche zwischen Zürichs Kulturchef Jean-Pierre Hoby und Stadtpräsidentin Corine Mauch auf Ende Oktober angesetzt sind.

Marthalers «Testament»

Marthalers Appell, den Schiffbau als Kulturstätte zu erhalten, wurde von Ledergerber flugs zum «Testament» erklärt. Und gilt bis heute. Sowohl Ledergerber als auch Barbara Frey verbanden die Ankündigung einer neuen Trägerschaft mit einem klaren Bekenntnis zum Schiffbau als Kulturort. Ledergerbers Nachfolgerin Corine Mauch schloss sich dem an.