Kultur

Was bleibt, ist die Kunst

Dreimal im Jahr wird die Sammlung der Fondation Beyeler in Riehen neu gehängt. Derzeit begegnen sich dort Roy Lichtensteins «Girl with Tear III» und Andy Warhols «Self-Portrait».

Dreimal im Jahr wird die Sammlung der Fondation Beyeler in Riehen neu gehängt. Derzeit begegnen sich dort Roy Lichtensteins «Girl with Tear III» und Andy Warhols «Self-Portrait».

Die Fondation Beyeler in Riehen BS zeigt ihre Sammlung unter dem Thema «Zeit». Was es damit auf sich hat, erklärt Direktor Sam Keller.

Stille ist eingekehrt im Berower Park. Zumindest, was den Grossandrang angeht, den die Picasso-Ausstellung in der ersten Jahreshälfte ausgelöst hat. Über 330'000 Besucherinnen und Besucher pilgerten nach Riehen, schoben sich durch die Räume der Fondation Beyeler, um sich von der «Blauen und Rosa Periode» betören zu lassen.

Auf den grossen Run folgt die grosse Ruhe. Das Restaurant Berower Park ist geschlossen, es wird renoviert. Dafür lockt ganz in der Nähe des künftigen Erweiterungsbaus eine Zwischennutzung: «Bey» steht für ein Bistro mit angeschlossenem Geschäft für Kunsteditionen und Designartikel. Ein Experiment. Für solcherlei hat die Fondation Beyeler jetzt Zeit, ehe 2020 dann mit Edward Hopper und Francisco de Goya die nächsten grossen Retrospektiven wieder den Courant normal sprengen sollen.

Bis zu diesen Blockbuster-Shows werden die Museumsräume zwischengenutzt, wie man flapsig sagen könnte. Unter anderem mit der Präsentation der eigenen Sammlung. Diese ist für ein so erfolgreiches Kunstmuseum überraschend überschaubar. Gerade mal 400 Werke umfasst die Sammlung Beyeler heute.

Gründer Ernst Beyeler war in erster Linie Kunsthändler, viele Werke blieben nicht bei ihm, sondern wanderten über seinen Ladentisch. Als Sammler hat er sich vor allem auf einzelne, ikonische Arbeiten konzentriert. Auf diese Weise sind bedeutende Werkgruppen zustande gekommen, wie diejenigen zu Pablo Picasso, Alberto Giacometti, Henri Matisse und Jean Dubuffet.

Bei der Eröffnung des Museums 1997 zählte die Sammlung erst 250 Arbeiten. Die seither zugekauften 150 Werke tragen der Vorliebe Beyelers für die klassische Moderne Rechnung: Minimal Art und Konzeptkunst fehlen weitgehend, ebenso Arbeiten an einem erweiterten Kunstbegriff oder Installations- und Videokunst. Bilder und Skulpturen stehen konsequent im Fokus. Und die Kunst von Männern. Von insgesamt 47 im Katalog zur Sammlung erwähnten Künstlern sind nur vier Künstlerinnen: Jenny Holzer, Louise Bourgeois, Marlene Dumas und Roni Horn.

Mit dem Fehlen von Frauenpositionen haben die meisten Museen zu kämpfen und es ist zu hoffen, dass sowohl dort wie in der Fondation die Bemühungen, dies zu ändern, nicht bloss Lippenbekenntnisse bleiben.

Was die Fondation jedoch von den übrigen Museen unterscheidet, ist der Umgang mit der Sammlung. Drei mal im Jahr zeigt das Haus seine Klassiker in neuen Konstellationen, immer in Bezug zur jeweils laufenden Sonderausstellung. Für diesen Sommer hat Direktor Sam Keller hundert Werke unter eine thematische Klammer gestellt: Unter dem Titel «Lost in Time Like Tears in Rain» befragt er das Zusammenspiel von Kunst und Zeit. Das Zitat hat Keller aus «Blade Runner» entlehnt, einem seiner Lieblingsfilme.

Der gute Kurator ist auch ein guter Kommunikator

Erzeugen Kunstwerke ein anderes Zeitgefühl beim Betrachten? Wie gemahnen Kunstwerke an die Vergänglichkeit der menschlichen Lebenszeit? Solche Fragen hat sich Keller bei seiner neusten Sammlungspräsentation gestellt. Und er erläutert sie gerne beim persönlichen Rundgang.

Der quirlige Mann kennt seine Sammlung natürlich aus dem ff. Obwohl diese kleiner und nicht unbedingt bedeutender als andere ist, schafft er es, sie zum Fixstern am Kunsthimmel zu machen. Keller ist nicht bloss ein guter Kurator, sondern ein mindestens so guter Kommunikator. So sagt er gleich zu Beginn: «Was uns unterscheidet von anderen Museen, ist, dass wir nicht dieses duale Prinzip, hier Sammlung, dort Sonderausstellung bedienen. Wir haben den Anspruch, dem Publikum die Sammlung immer neu zu präsentieren.»

Mit federnden Schritten führt Keller durch die Räume und erklärt, wie er die hundert Werke unter dem Thema Zeit vereinigt. Dabei sagt er oft das Wort «Recherche», muss manchmal aber auch in seinem eigenen Pressetext nachlesen, wie er sich das gedacht hat.

Der erste Raum ist Ouvertüre. Giacomettis «L’homme qui marche sous la pluie» steht hier gegenüber einem grossen Barnett Newman, dazu Badende von Cézanne. «Das passt zum Sommer», so Keller. Wir verstehen: Manchmal ist die Zeit auch einfach aus saisonalen Gründen reif, ein Werk zu zeigen. Monets «La cathédrale de Rouen» sei Symbol dafür, wie früher die Zeit von Kirchenglocken strukturiert wurde, fährt Keller fort. Georges Seurats «L’Homme couché» ist mit Stoff abgedeckt: Auch an Bildern nagt der Zahn der Zeit, deshalb der Schutz vor zu viel Licht. «Wer die Zeichnung sehen möchte, kann sich ans Aufsichtspersonal wenden.» Keller gefällt dieser spielerische Ansatz der Kommunikationsförderung.

Es folgt ein Raum für Matisse und Calder. Wunderbar, aber schwer mit dem Thema zu verbinden. Klarer wird es im nächsten. Brancusi, Mondrian, Malewitsch und Kandinsky sind hier vereint. Die Heroen und Pioniere der Moderne haben sich intensiv mit Einsteins Raumzeit und den neusten Erkenntnissen aus der Teilchenphysik auseinandergesetzt. Das statische Weltbild geriet damals unwiederbringlich ins Wanken.

Keller erzählt dazu folgende Anekdote: «Als Calder bei Mondrian im Atelier war, sagte er zu diesem: ‹Die Bilder gefallen mir. Sie wären aber besser, wenn sie sich bewegen würden.› Mondrians Antwort: ‹Meine Bilder sind schnell genug›».

Von der Raumzeit und der Vergänglichkeit

Die Suche nach der Zeit in der Kunst, sie gelingt in dieser Ausstellung nicht immer gleich, ist mal augenscheinlich, mal unscheinbar. Dass in Miros «Paysage» ein Hahn kräht, macht das Bild noch nicht zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema. Gleich gegenüber hebt Max Ernst dieses Manko jedoch auf. «Naissance d’une galaxie» aus dem Jahr 1969 und das 40 Jahre ältere «Fleurs de neige» sind surreale Hinweise darauf, dass wir von Raumzeit und Universum immer noch wenig verstanden haben.

Der Raumzeit begegnet der Besucher später auch im Rothko-Saal, wenn er sich denn darauf einlässt, und die monochromen Bilder für einige Minuten auf sich wirken lässt. Vor Roy Lichtensteins «Girl with Tear III» gerät Keller ins Schwärmen. Er sieht darin das Zusammentreffen von Antike und Gegenwart, verziert durch eine Träne. Tränen erscheinen auch auf Henri Rousseaus berühmten Bild, auf welchem ein Löwe bei Sonnenuntergang eine Antilope reisst. Oder sie sind, wie bei Felix Gonzales-Torres’ Vorhang, wie Perlen aufgereiht.

Solche motivischen Bezüge schüttelt Keller beiläufig aus dem Ärmel. Vor Andy Warhols Selbstbildnis sagt er: «Es erinnert mich an Dorian Gray, an Oscar Wildes Verbindung von Zeit und der Kunst: Der Wunsch jung zu bleiben führt dazu, dass das Bild altert. Normalerweise ist es ja umgekehrt.» Und vor einer Szene mit jugendlichen Badenden von Gerhard Richter erzählt Keller vom berühmten Madeleine-Bisquit, das Proust zu «À la recherche du temps perdu» animiert hat. «Da kommen Erinnerungen an die eigenen Sommer der Jugend auf.»

Formale Zusammenhänge zeigt der Kurator, wenn er Louise Bourgeois’ Spinne Giacomettis spinnartiger «Femme assise» gegenüberstellt und Bourgois’ Webstuhl in der Raumflucht positioniert. Ungeschminkt und aufwühlend thematisiert dagegen Francis Bacons spektakuläres Triptychon «In Memory of George Dyer» die Vergänglichkeit.

Keller ist sich bewusst, dass er mit «Zeit» eigentlich ein Allerweltsthema bespielt, das die Kunst seit jeher begleitet: «Gerade die Kunst lebt davon, dass der Mensch der Vergänglichkeit etwas entgegensetzen will.»

Aber, das zeigt die Aktualität: Die Vergänglichkeit holt uns alle ein. Rutger Hauer, der Schauspieler, der in «Blade Runner» den titelgebenden Satz «Lost in Time Like Tears in Rain» gesprochen hat, ist vor zwei Tagen gestorben. Was bleibt, ist die Kunst.

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