Zürich

Von der Fondation Beyeler organisiert: Am HB wächst ein riesiger Stoffbaum

Staunen, beten und singen unter dem Baumdach. Ernesto Neto schafft am Hauptbahnhof Zürich dank der Fondation Beyeler ein riesiges Kunstwerk .

Die Passanten am Hauptbahnhof Zürich müssen den Wänden entlang – das Zentrum der grossen Halle ist wieder einmal besetzt. Aber es murrt kaum einer. Neugierig betrachten Einheimische wie Touristen, was denn da steht, hängt und bei unserem Besuch noch entsteht. Ein riesiges transparentes Gebilde, gelb-grün-braun, das sich bis zur Decke streckt und von dem Seile und Kugeln hängen. Ein schöner Anblick. Aber fremd.

«Mutter Erde» am Zürcher Hauptbahnhof

«Mutter Erde» am Zürcher Hauptbahnhof

Das Werk «GaiaMotherTree» vom brasilianischen Künstler Ernesto Neto nimmt vom 30. Juni bis 29. Juli die grosse Halle des Zürcher Hauptbahnhofs ein. Die monumentale Skulptur aus handgeknüpften Baumwollbändern formt einen Baum, der für die hektischen Bahnreisenden wie eine Oase der Ruhe sein kann. Der Künstler Ernesto Neto sieht darin die Menschheit, die Schöpfungsgeschichte und Kontinuität zwischen Natur und Mensch. Ab 20:00 Uhr ist das Werk für das Publikum zugänglich.

Klettergerüst, Zelt, Dekoration für einen Handwerkermarkt… Die Deutungsversuche der Betrachter sind so wild wie disparat. Bis eine Frau findet: «Das kann doch nur Kunst sein.» Ob sie davon gelesen, oder ob die Anschrift auf den Bauhelmen – Fondation Beyeler – sie auf die Idee gebracht hat?

Nur einer bewegt sich ohne Helm auf der Baustelle: Der Künstler Ernesto Neto (54). Grauer Lockenschopf, grünes T-Shirt – und gesprächig. Das Werk hier, sein grösstes bisher, nennt er «Gaia Mother Tree». Gaia sei nicht nur die griechische Göttin der Erde, sondern der Inbegriff für Mutter Natur, «ein Symbol, wie der Lebensbaum, das man auf der ganzen Welt versteht». Das ist ihm wichtig. «Schön, steht der Baum hier in diesem zentralen Bahnhof. In der Schweiz, dem Land im Zentrum Europas, von dem aus so viele Verbindungen in die ganze Welt bestehen.»

Die Kraft aus dem Urwald

Ob ihm denn wichtig sei, dass die Passanten sein Werk als Kunst erkennen? «Nein. Wichtiger ist, dass sie Freude daran haben, seine Form und Farben mögen, es benutzen. Dass es ihnen Kraft gibt.» Für Neto ist es Aufgabe des Künstlers, Poesie zu erschaffen, Spiritualität sichtbar zu machen. «Mein Werk ist wie ein Gebet, mein Gebet», sagt er und atmet tief aus. «Spiritualität» ist sein Lieblingswort. Ein Schlüsselerlebnis war sein Aufenthalt bei den Huni Kuin, einem indigenen Volk am Amazonas. «When I came back from the forest, I understood.»

Sam Keller, Direktor der Basler Fondation Beyeler, lud den brasilianischen, global erfolgreichen Künstler vor zwei Jahren ein, ein Werk für den öffentlichen Raum zu schaffen, und schlug unter anderem die Halle im Hauptbahnhof Zürich vor, weil sie «der Dorfplatz der Schweiz» sei. Die Idee zu dem Baum fand Neto schnell, «gleich im Bahnhof-Café, mit Skizzen auf einer Papierserviette», erzählt Keller.

«Ein Baum ist Leben», sagt Neto, «in ihm steckt Weisheit, wie in allen Pflanzen, weil sie älter sind als wir». Er streckt eine Hand zur Decke. «Sehen Sie? Bäume haben die Äste und Blüten im Licht, die Wurzeln aber in der Erde.» Diese Dualität fasziniere ihn, weil sie zu den elementaren Erfahrungen der Menschen gehöre. Er geht zu einem der braunen Stoffbündel, die als Verankerung dienen, rollt das Tuch auf: «Das ist Erde, sie hält den Baum, gibt ihm und uns Nahrung, aber in ihrem Innern ist es absolut dunkel.»

Gehäkelt von Hand

Rund 30 Personen hätten drei Monate lang im Atelier von Neto in Rio de Janeiro allein an der Netzstruktur gehäkelt, erklärt Kuratorin Michiko Kono. Gehäkelt? So grobmaschig? «Man häkelt die gefärbten Baumwollstoff-Streifen mit den Händen», erklärt Kono, «das geht sehr einfach, aber bei über 10 000 Laufmetern dauert es natürlich.» Die einzelnen Elemente wurden verknotet und ergeben eine flexible, transparente Plane.

Sie wird – trotz zwei Tonnen Gewicht – ohne einen einzigen Nagel über 20 Meter hoch, auf einer Grundfläche von 40 mal 28 Metern aufgespannt. Ballen mit 840 Kilogramm Erde verankern das Gebilde, und der Beutel, der als Gegenwicht im Zentrum hängt, enthält 70 Kilo Saatgut. Wie Fruchtstände hängen weitere bunte Beutel rundum von der Skulptur, gefüllt mit Gewürzen: Kurkuma, Zimt, Kumin und Pfeffer. «Jedes hat eine andere Schwingung, eines ist anregend, das andere beruhigend, zusammen ergeben sie Wohlbefinden und Balance», erklärt der Künstler.

Wie sieht Neto die Welt rundum? Wie nimmt er sie wahr? Auf die Frage bricht bei ihm ein verbaler Staudamm: über Umweltzerstörung, Gewalt («wir geben mehr Geld für Waffen aus als für den Frieden»), über kirchliche Organisationen («Brasilien wurde mit Gewalt christianisiert») oder einengende Museen («ich bin ermüdet von den weissen Wänden»).

Keine Werbeaktion

Das bisher grösste Kunstwerk der Fondation Beyeler kostet «gut zwei Millionen Franken, darin nicht enthalten ist der hohe sechsstellige Organisationsaufwand, den die Fondation selber deckt», so Direktor Sam Keller. 80 Prozent der Fremdkosten seien durch Stiftungen, die öffentliche Hand und Gönner bezahlt, auch das Publikum könne sich beteiligen.

Warum reisst die Fondation Beyeler, das bestbesuchte Kunstmuseum der Schweiz, ein solches Projekt an – ausgerechnet in Zürich? Ist es Werbung? Sam Keller winkt ab: «Mit dem vielen Geld könnten wir die ganze Schweiz mit Plakaten tapezieren.» Hauptsache sei, dass das Kunstwerk vielen Menschen Freude mache.

Den «Gaia Mother Tree» darf man nicht nur von aussen bestaunen, man kann ihn auch betreten, durch einen Tunnel in Form eines Schlangenkopfes («ein uraltes globales Symbol», sagt Neto). Sitzkissen laden ein, zu verweilen, zu meditieren, zu diskutieren – und zu singen. Singen? «Ja, singen», sagt Ernesto Neto, «die Huni Kuin haben für jede Lebenslage ein Lied, das ist wie beten, atmen und leben.»

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