Die langen, ungepflegten Haare und die nachlässige Kleidung deuten nicht auf einen Ästheten. Hier ist ein sichtlich Entmutigter auf einer Bühne ausgesetzt, die leer wirkte, wäre da nicht eine schräg in den Raum ragende Wand, deren Kamm sich wie eine Welle bricht. Was für ein starkes, assoziatives Signal (Bühne: Bruce French)

Eine existenzielle Krise mit heranrollenden Wellen (Video: Tabea Rothfuchs) ist ebenso abzulesen wie Lebens- und Liebesfreude am Strand von Venedig. Eine Stadt, die in verwaschenen Farben als todbringender Ort in Umrissen zu erkennen ist. Dort wird Gustav von Aschenbach in Richard Wherlocks Ballett «Tod in Venedig» am Ende sterben; aber nicht an Cholera – wie in Thomas Manns gleichnamiger Novelle – sondern aus Überdruss am Leben sowie aus Verzweiflung, weil er den jungen Tadzio nicht in seinen Bann ziehen konnte.

Der Fotograf in der Krise

Bei Wherlock ist aus Manns Schriftsteller Aschenbach ein Fotograf gleichen Namens geworden. Einer also, der die heutige – allzeit von allen festgehaltene – Welt nur noch durch die Kameralinse wahrnimmt. Doch dann holt diesen Fotografen eine Krise ein, die ihn wie in einem Fiebertraum an viele Schauplätze führt und mit teils sonderbaren Figuren kurzlebige Bekanntschaft schliessen lässt. Bis er in Venedig auf Tadzio stösst – und diesem verfällt.

Mit der Verwandlung vom Schriftsteller in einen Fotografen, verweist Wherlock auf die heutige mediale Welt des permanenten Zur-Schau-Stellens, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Das von Dauerlächeln begleitete, stete Mittun macht die eigene Auseinandersetzung mit den Stürmen und Böen unruhiger Gefühlslagen schwierig.

Der Komponist Dmitri Schostakowitsch wusste davon. Gepeinigt von den Machthabern in der Sowjetunion, kleidete er seine Sinfonien und Kammermusik in ein politisch genehmes Gewand, hinter dem sich aber viele Schichten tiefer Gedanken und Empfindungen verbergen. Der Dirigent Thomas Herzog und das Sinfonieorchester Basel erweisen sich als Glücksfall. Bei ihnen erklingt Schostakowitschs Musik konturenscharf, mit bissigem Witz und in den langsamen Sätzen mit einer nie sentimentalen, erschütternden Trauer.

Dass Wherlock sich auf diesen Komponisten stützt, um «Tod in Venedig» zu erzählen, erscheint nur folgerichtig. Wie aber lassen sich Schostakowitschs schmerzlich-düstere, lange Musikbögen in Tanz übersetzen? Ein schwieriges Unterfangen, was schon der Beginn mit dem 2. Satz aus der 15. Sinfonie zeigt. Hier durchmisst Aschenbach den Raum. Müde wirkt er, aber nicht ausgebrannt oder zerrissen – nicht einmal existenziell gefährdet. Die Kamera als ein den Fotografen dauerbegleitendes Objekt ist zwar präsent, aber nicht als lebensbeherrschend erkennbar.

Dieser fast schmächtige Aschenbach (Javier Rodriguez Cobos) lässt sich immer weiter treiben, bis ein Fremder (Frank Fannar Pedersen) auftaucht. Wer ist er? Ein Engel in Schwarz? Vielleicht. Eines jedenfalls ist er: Ein Spielmacher, der einer Choreografie Schub gibt, die ein Strom lose miteinander verzahnter, ermüdender Bilder ist – wären da nicht diese kostbaren Momente des Innehaltens. Finden sich Cobos und Pedersen zu einem Pas de deux, entwickelt Wherlock eine Erfindungskraft, die er den anderen Figuren weit weniger angedeihen lässt.

Die Zwiegespräche zwischen dem Engel und Aschenbach zeichnet eine Behutsamkeit aus, die auf das besondere Verhältnis der beiden zueinander schliessen lässt. Aschenbach weiss, dass er einen Weggefährten gefunden hat, der ihn – wohin auch immer – begleiten wird.

Am Ende in die Fluten

Wherlock spielt in diesen Begegnungen mit den Grössenunterschieden der beiden Tänzer. Pedersen balanciert Cobos auf einem Knie, hebt ihn wie absichtslos und spielerisch-leicht hoch oder verschränkt sich mit seinem Partner so, dass man kaum erkennen kann, ob es sich um zwei oder einen Tänzer handelt. Keine Frage, diese innigen, stets Abschied in sich bergenden Momente tragen Wherlocks Choreografie zur Hauptsache. Dagegen nehmen sich die Begegnungen mit Tadzio (Anthony Ramiandrisoa) am Strand harmlos aus.

Aschenbachs Obsession trifft einen nie wirklich; man glaubt sie ihm allenfalls dann, als er sich wie ein schutzbedürftiges Kind zum Engel flüchtet – und sich am Ende in die Fluten stürzt. Da denkt man an den Abschiedsbrief des südafrikanischen Fotojournalisten Kevin Carter, der mit 33 Jahren Suizid beging: «Der Schmerz des Lebens übersteigt die Freude in einem Masse, dass keine Freude mehr existiert.»

«Tod in Venedig» Bis 23. Juni. Theater Basel, www.theater-basel.ch