2015 zeigte das ZDF 4500 Morde; in Deutschland waren es 300 Morde und 565 Tötungsdelikte. Haben Sie solche Fakten bewogen, «Totart Tatort» in Angriff zu nehmen?

Herbert Fritsch: Ja. Ich möchte die Idee der Fernsehserie «Tatort» aus einer anderen Perspektive beleuchten. Wir haben Bruchstücke aus allen möglichen Fernsehkrimis herausgenommen, variiert und als Ausgangsmaterial für Selbsterfundenes genutzt. Wir nehmen das Krimigenre, verzerren es, überziehen Klischees und holen alles zurück in Theatralik und manchmal auch in Poesie. Man hat im Theater die Möglichkeit, mit einer ganz anderen Naivität an die Sache heranzugehen.

Geht es Ihnen um den Weg oder wissen Sie schon, wo Sie landen wollen?

Ich weiss vorher nie, wo ich landen will. Ich arbeite nicht mit Interpretationen, sondern mit Filtern, die ich auf etwas drauflege. Eine Choreografie kann so ein Filter sein. So kann man aus dem Gehabe mit der Pistole beinahe ein Ballett machen. Das Spannende ist, dass auf den Theaterproben irgendetwas wächst, was ich selbst nicht beeinflussen und auch nicht erzwingen kann. Für mich ist es nichts anders als das Befragen eines Orakels. Bei der Premiere hört man dann plötzlich etwas. Ob es eine Antwort ist, weiss ich nicht.

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn ich nur noch blutige Leichen sehe, sobald ich das TV anmache?

Man könnte meinen, das sei Propaganda. Wenn man ständig sieht, dass man die Bösen nur findet, wenn die Polizei Zugriff auf Handy- und Computerdaten bekommt. Das könnte ja noch viel weitergehen, wie etwa mit Gesichtserkennung, wo man genau weiss, wer bei Rot über die Strasse gegangen ist und wer im Auto in der Nase gepopelt hat. Es suggeriert zudem, dass wir ständig Angst haben müssen, weil dauernd etwas passiert oder passieren könnte. Gleichzeitig bekommt man als Zuschauer und auch als Bürger das Gefühl, dass jeder von uns permanent unter Verdacht steht. Das verunsichert.

Andererseits haben Sie – als einziges Nicht-Mitglied des Zürcher Ensembles – mit Wolfram Koch einen der Frankfurter «Tatort»-Kommissare auf die Bühne gestellt. Das kann kein Zufall sein ...

Doch. Wolfram ist ein sehr guter Freund, meine schönsten Arbeiten habe ich mit ihm gemacht. Zum Beispiel «Die Physiker» hier in Zürich. Den will ich eigentlich immer dabeihaben, egal, wo ich bin.

Hat er nicht besonders gut gewusst, welche Sätze er immer sagen muss?

Nein, darüber sprechen wir gar nicht. Er erzählt natürlich manchmal von den Dreharbeiten, das schon. Für viele Schauspieler ist das Spielen im «Tatort» die totale Offenbarung. Für mich ist es das nicht. Und nicht alle haben den Humor, das mal anders zu beleuchten.

Auch in Theaterstücken wird gemordet. Auch bei Shakespeare.

Es kommt eben darauf an, wie man es macht. Aber Blutspritzereien und Rumgeschreie interessieren mich nicht.

Als Schauspieler an Frank Castorfs Berliner Volksbühne haben Sie das jahrelang anders gesehen ...

Oh ja, da habe ich es ausgiebig gemacht. Bin in jedem Stück nackt aufgetreten und mit Blut beschmiert und was-weiss-ich. Das hat mir Spass gemacht als junger und auch noch als mittelalter Schauspieler. Aber jetzt möchte ich das absolute Gegenteil machen. Jetzt suche ich die Künstlichkeit, möchte auf der Bühne eine ganz eigene Welt mit ganz eigenen Gesetzen schaffen, irgendwie schwerelos.

Wird man bei Ihnen Blut sehen?

Ja. Aber eben anders. Im Film will man alles nachstellen, wie es echt ist. Da muss einer frühstücken, Kaffee trinken, ein Brot schmieren und noch ganz konzentriert sprechen. Diese Kaffeetrink-Dramaturgie, die geht mir wirklich auf den Zeiger. Dieses lockere Getue, grässlich. Mir macht es Spass, so einen «Tatort» in etwas Opernhaftes zu überführen. Oper ist die schönste Form, Theater zu machen, für mich muss es immer opernhaft sein. Gross und ausladend.

Auf der Probe sagten Sie, eine Szene solle «schön» sein. Das ist heute fast schon verdächtig.

Ich möchte grundsätzlich etwas Schönes machen. Es muss ja nicht im kitschigen Sinne schön sein, auch wenn Kitsch an der richtigen Stelle auch interessant sein kann. Es muss entweder lustig oder schön sein. Aber wenn es irgendwie irgendwas ist, ist es Mist. In Rilkes erster Duineser Elegie heisst es: «Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen.» Schön heisst eben auch, dass es irgendwohin kippen kann, wo es eben nicht mehr schön, sondern schrecklich ist.

In der Debatte um #MeToo wurde das Theater zum Tatort. Läuft die Diskussion in den richtigen Bahnen?

Nein. Da läuft vieles schief. Natürlich: Es sind heftige Sachen passiert. Aber jetzt werden Exempel statuiert an einigen wenigen. Missbrauch ist ein Thema für die ganze Gesellschaft. Aber man tut jetzt so, als wären hauptsächlich die Künstler die Schweine! In der Kirche fand keine so heftige Debatte statt. Und da wurde kaum einer zur Rechenschaft gezogen. Dabei ist doch ein Theater kein Kloster, hier herrscht eine ganz andere Sinnlichkeit und noch keiner hat eine strenge Moral behauptet. Anders kann der Betrieb auch gar nicht überleben. Das Interessante an einem Kunstwerk ist doch der Regelbruch, also eben: das Verbrechen. Der Regelbruch ist aber nicht mehr möglich, wenn Bilder abgehängt oder Filme von Kevin Spacey nicht mehr gezeigt werden. Da gilt Kunst fast als verfemt und dann ist es nicht mehr weit zur entarteten Kunst. Dann wird es heiss. Damit sollte man sehr, sehr vorsichtig umgehen. Man muss doch das Werk vom Künstler trennen!

Aber Hierarchien fördern Missbrauchsfälle, weil der Täter seine Macht ausspielen kann. Auch das Theater ist ein streng hierarchischer Betrieb. Kann man diese Strukturen ändern?

Das Problem ist zu komplex. Ich mag hier keine lässigen Antworten geben oder Marketing damit machen und mich in ein gutes Licht rücken. Aber jeder, der angegriffen wird, kann doch sagen: Verpiss dich, lass mich in Ruhe! Wie gesagt: Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wer von sich überzeugt ist, kann sich wehren.

Dazu gehört Mut.

Ich habe keine Lust, auf der Bühne Leute zu sehen, die keinen Mut haben. Die aus einer Ängstlichkeit, aus einer Zaghaftigkeit heraus spielen. Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Man muss sich durchsetzen in diesem Haifischbecken. Mir wurde oft von wichtigen Gestalten gedroht, dass ich kein Bein mehr auf den Boden eines Theaters setzen werde, wenn ich meinen Vertrag zerrissen hatte. Trotzdem wurde es immer besser!