Roman
Südamerikanisches Drama: Eine undankbare, liebeshungrige Hündin

Der Roman «Hündin» macht gerade international Furore: Pilar Quintanas preisgekrönte kolumbianische Tragödie zwischen Frau und Hündin.

Heiko Strech
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Die kolumbianische Schriftstellerin Pilar Quintana.

Die kolumbianische Schriftstellerin Pilar Quintana.

AFP

Wir sind im Wilden Westen Kolumbiens, erblicken eine windschiefe Hütte auf der Steilküste am Pazifik. Dahinter der Urwald, der uns angstvoll verzaubert. Von der ersten Seite an leben wir mit im meisterhaften Roman von Pilar Quintana. Die füllige Schwarze Damaris wohnt hier mit ihrem rohen Mann, dem Fischer Rogelio. Sie arbeitet als Putzfrau, putzt auch stets das grosse Haus der Familie Reyes, die nicht mehr auftaucht und auch nicht zahlt. Doch «Unter-Hündin» Damaris hat das Dienen verinnerlicht. In wunschloser Enge. Ausserdem hat sie keine Kinder – in den Augen der Dorfgemeinschaft (und ihren eigenen!) ist sie deshalb «vertrocknet», nicht vollwertig als Frau. Zumal auch die Liebe des Paares trockengelegt ist.

Liebe, Tod und Gewalt – der kolumbianische Dreiklang

Da bekommt Damaris ein Hundebaby geschenkt, ein Weibchen. Beglückt trägt sie es in ihrem geräumigen BH herum. Tierlieb fühlen wir mit, wie die Pflegemama mit ihren Schwielenhänden sich mit einer Pipette abmüht, das kleine Tier zu füttern. Ganz anders Rogelio, der seine drei Hunde so lustvoll wie systematisch schlägt. Hoch suggestiv, wie die Autorin uns hineinzieht in die Liebessorge und Angst von Damaris, die sich ständig steigern. Als die Hündin schwanger wird, schlägt Damaris Liebe allmählich um. Zumal Chirli einen Vorhang mit dem süssen Disney-Motiv «Dschungelbuch» zerfetzt. Er gehörte einst Damaris’ kleinem Jugendfreund Nicolasito. Der Pazifik hatte ihn vor ihren Augen verschlungen. Sie konnte nicht helfen. Die Dorfgemeinschaft nimmt ihr das «Versagen» für immer übel. Und der Onkel peitscht die kleine Damaris. Liebe, Tod und Gewalt – der urkolumbianische Dreiklang.

Die kaum bewusste Eifersucht auf die Fruchtbare

Mit ihrer Hyperliebe zu Chirli macht Damaris das Tier zum Ersatzkind, verfehlt es damit in seiner Eigenart. Auch mit ihrer kaum bewussten Eifersucht auf die Fruchtbare. Und dauernd kommt sie dem Tier moralisch. Doch die Hündin ist so wenig «undankbar» wie der wildschöne Urwald mit seinen Raubtieren «feindlich» oder der wellenschäumende Ozean «tückisch».

Hinter dem Roman steht verfremdet teils eigenes Erleben der 1972 geborenen Autorin Pilar Quintana. «Me Too» brachte die Schriftstellerin zum Sprechen, wie sie im Sammelband «Vergewaltigung» schreibt. «Die Hündin» ist aber keine Emanzipationsstudie, sondern ein Roman. Allenfalls steht die Hündin dafür, aber das kann die natürlich nicht wissen.

Pilar Quintana: Hündin. Roman. Übersetzt von Mayela Gerhardt, Aufbau Verlag, 151 S.