Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»-Kolumne: Dieses Wort lieben Beatles und Politikjournalisten gleichermassen

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über ein Wort, das ursprünglich nichts mit Politik zu tun hat, im Zusammenhang mit den Wahlen aber in allen Schweizer Zeitungen häufig auftaucht.

«She’s got a ticket to ride / She’s got a ticket to ride / She’s got a ticket to ride / But she don’t care», besangen die Beatles schon 1965 den Fahrschein oder das Ticket, wie wir dem Billet zuweilen sagen. Mit diesem Song veredelten die Beatles das Ticket, das zuvor bloss ein banales Stück Papier gewesen war, zur Metapher für die Freiheit. Die Frau hat einen Fahrschein, was ihr die Möglichkeit gibt, den Mann zu verlassen und frei zu sein.

Ebenfalls über ein Ticket, nämlich über das «Ticket to heaven», sang 1991 die US-amerikanische Band Dire Straits. Freilich verstanden die Dire Straits ihr Ticket nicht unbedingt als Fahrkarte, sondern eher als Eintrittskarte. Sprachlich betrachtet, gab das Ticket nach den Beatles und den Dire Straits jahrzehntelang nicht mehr viel her. Eigentlich hatten wir das Wort «Ticket» beinahe vergessen. Höchstens an Bahnhöfen, Skiliften und anderen, häufig von Touristen aufgesuchten Orten begegneten wir hin und wieder der Beschriftung Ticket.

Vor einigen Jahren verhalfen Schweizer Politikjournalisten dem Ticket zu neuem Glanz. Irgendeinmal war bei der Wahlberichterstattung überall von Tickets die Rede. In Radio, Fernsehen und Presse sprachen plötzlich alle von Einertickets, Zweiertickets, rot-grünen Tickets oder liberal-bürgerlichen Tickets. Fast kam es einem vor, als würde man in der Schweiz mit Fahrkarten oder Eintrittskarten wählen und nicht mit Stimmzetteln.

In welchem Jahr in der Deutschschweiz die journalistische Lust am politischen Ticket entflammt ist, lässt sich heute schwer feststellen. Sicher ist immerhin, dass es noch nicht sehr lange her ist. Vermutlich hat sich irgendein Beatles- oder Dire-Straits-Fan unter den Bundeshausjournalisten eines Morgens gedacht, der Begriff «Ticket» habe es verdient, nach 1965 und 1991 ein drittes Mal veredelt zu werden.

Und weil dieser Journalist wohl müde war, immer wieder Ausdrücke wie Doppelkandidatur oder Zweierkandidatur zu verwenden, ersetzte er die doch recht sperrigen Worte durch seine Neuschöpfung «Zweierticket». Das Wort muss den Berufskolleginnen und -kollegen ausnehmend gut gefallen haben, es hat sich im politischen Journalismus innert weniger Jahre flächendeckend durchgesetzt.

Ohne Ticket geht nichts mehr. Immer wenn in irgendeinem Rat in der Schweiz ein Sitz neu vergeben wird, reden alle nur noch von den Tickets. Gerade jetzt wieder, vor den zweiten Wahlgängen für den Ständerat, geht die Journalistenzunft mit Lust am Konjunktiv alle möglichen Szenarien durch.

Hätte Rot-Grün im Aargau mit einem Zweierticket antreten müssen? Oder ist es gut, dass sie nur das grüne Ticket bringen? Hätte im Kanton Solothurn ein liberal-bürgerliches Zweierticket mehr Stimmen generieren können als ein rechtes Einerticket?

Solche Fragen werden nie mit absoluter Sicherheit beantwortet werden können. Ziemlich sicher scheint immerhin, dass wir den Begriff «Ticket» im Wahljargon nicht mehr so schnell loswerden.

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