Performance
Sie gehen mit offenen Augen durch die Welt

Der Verein der Flaneure lädt zu einem theatralisch informativen Gang durch die Merian Gärten.

Tumasch Clalüna
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Die Schauspielerin Ágota Dimén öffnet den Flaneuren in den Merian Gärten die Augen für die Wunder des städtischen Naturraums.Foto ZVG / Ronny Traufeller

Die Schauspielerin Ágota Dimén öffnet den Flaneuren in den Merian Gärten die Augen für die Wunder des städtischen Naturraums.Foto ZVG / Ronny Traufeller

Ein warmer Sommerabend bildet die perfekte Grundlage für die Premiere von «Ausbruch», der neuen Produktion des Vereins der Flaneure. Nach draussen solle es gehen, in die Natur, um da zu sehen, was es alles gibt. Denn der Verein hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Aufmerksamkeit für unsere Umgebung zu schärfen; als Flaneure eben.

Also treffen wir uns in den grünen Merian Gärten beim Lehmhaus und erhalten erst einmal einen Picknick-Korb und Getränke. Schon hier merkt man, wie sehr die Details eine Rolle spielen. Der Korb ist mit einem Blumentuch ausgeschlagen, an den Getränkeflaschen hängen Karton-Schildchen. «Trink mich» steht darauf.

Dazu gibt es einen Ansteck-Button, der uns einer von zwei Gruppen zuweist, den Blumen oder den Gräsern und Kräutern. Es sind also zwei Wege, die besucht werden können; am Ende werden sie zusammengeführt, verspricht man uns.

Städtischer Naturraum

Und los geht’s mit unserem Führer, der sich als profunder Kenner der Gärten entpuppt. Schon als Kind sei er hier zur «Dychwuche» gewesen, um den Deich neu zu befestigen. Begeistert berichtet er von Schulprojekten, bei denen Schüler ihren eigenen Quadratmeter Garten bewirtschaften, und von der Kanalisierung der Birs, die eine Nutzung der Ebene erst möglich gemacht habe.

Wenig später lassen wir uns auf einer Wiese nieder und picknicken. «Zur Steigerung der Aufmerksamkeit», erklärt unser Guide Gabriel Noah Maurer.

So sitzen wir da, essen Eier, Karotten, Brot und Butter, als plötzlich unser Korb zu sprechen beginnt. Er erzählt uns vom Leben Christoph Merians, dem früheren Besitzer der Gärten. Wir hören von der Grün 80, der grossen Garten- und Grünraum-Schau, die erstmals im grossen Rahmen das Bewusstsein auf den städtischen Naturraum lenkte.

Alles höchst informativ und klug aufbereitet, auch der Aktualitätsbezug fehlt nicht, wenn es um Themen wie Verdichtung und Bewahren von Grünflächen geht. Nur, wo bleiben die Schauspieler?

Da springt schon hinter einem Busch eine Braut (Ágota Dimén) hervor und entsorgt den Führer. Denn jetzt führt sie uns in ihre Welt. Mit kindlicher Neugier schnuppert sie an Blättern, staunt über Nacktschnecken, die über den Pfad kriechen und wirkt dabei höchst konfus. Ab und an hält sie an und lässt uns an ihrer Verwirrung teilhaben: «Ich kann mir alles vorstellen», aber verrückt sei sie nicht. Oder sie philosophiert über den richtigen Weg, den sie einschlagen müsse, aber sie wisse ja gar nicht, wohin sie wolle.

Die Anderen vom Kräuterweg

Die Texte von Esther Becker erinnern dabei wohl nicht von ungefähr an den grossen Spaziergänger der deutschen Literatur Robert Walser. Verdrehte, naive und dabei umso einleuchtendere Betrachtungen des Innenlebens eines hochsensiblen Wesens. Die Schauspielerin Ágota Dimén findet dafür eine fast perfekte Spielweise. Man glaubt ihr die Neugier, die Verwirrung; oft hat man das Gefühl, der Gedanke entstehe genau in diesem Moment.

Allerdings geht die Aufmerksamkeit für den Garten darüber fast vergessen, aber was soll’s.

Zum Abschluss treffen wir auf die andere Gruppe: Sie war mit dem männlichen Gegenpart (Lukas Kubik) auf dem Kräuterweg unterwegs, wie auch die Autorin Esther Becker.

Sie will jetzt mit ihren Figuren einen Schluss finden. Doch nach mehreren gescheiterten Versuchen aus dem Fundus der «Masterplots», also gängigen dramatischen Verläufen, wenden sich die Figuren gegen die Autorin — und verschwinden glücklich in die Tiefe des Gartens.

Weitere Vorstellungen: Sa, 27.8.; So, 28.8.; Do 1.9. bis Sa, 3.9., je 19 Uhr. Treffpunkt 18.30 Uhr beim Lehmhaus in den Merian Gärten, Basel.
www.vereinderflaneure.ch