Dieser Dichter setzt sich allerlei verschiedene Hüte auf, zumindest in formaler und sprachlicher Hinsicht. Sogleich ins Auge springen hier grafische Experimente, etwa mit immer kürzer werdenden Zeilen oder Strophen, ferner einer eiförmigen «Hommage à Picasso», einem anagrammatischen Mobile und einer Konstellation mit Müesli-Zutaten im Geiste Eugen Gomringers: «kiwi kiwi kiwi feige kiwi / fico fico fico apfel feige / …»

Einschränken mag sich der 71-jährige Germanist und Schriftsteller Ru- dolf Bussmann in seinem Gedichtband «Ungerufen» auch nicht in der Orthografie (die Raben «rokken gedukkt mit langen Nakken») oder seinem Wortschatz. So viele Weisen, die Zeit totzumachen, gibt es schliesslich, dass dafür neue Wörter geprägt werden müssen. «Die Zeit verjubeln verplempern / Verlungern verschlempern / Verpimpeln verkiffen / Verpantschen versiffen / …»

Vermenschlichung von Tieren

Nicht ganz so neu erscheinen dagegen die Vermenschlichungen von Tier und Pflanze, die sich in Bussmanns kleinen poetischen Spaziergängen im Freien einschleichen. Die Sonnenblume im Wind hört zu und nickt eifrig, die Amsel «verjubelt» ihr kleines Herz und so weiter. Doch nicht nur die Amsel auf dem Giebel oder die Blume am Wegrand, auch gesellschaftliche oder technische Aspekte unserer Lebenswelt kommen in diesen lyrisch verdichteten Notaten von kleinen Beobachtungen in den Blick.

Wie einen der Tod holen wird

Nicht selten erschliesst sich die Ironie von Bussmanns Gedichten einzig durch deren Titel. Wie einen der Tod wohl holen wird: kurz und knapp, freundschaftlich, oder wird er einem bloss ein verstohlenes Zei- chen machen? Das Letzte würde dann wohl dem «Minergiestandard» entsprechen, den der Titel des entsprechenden Gedichts vorgibt.

Meist sind die Pointen indessen sanfter, und zuweilen schliessen die kurzen Gedichte auch ohne jedes applausheischende Aufheben. Wenn etwa ein aus dem Kochbuch herauslugender Zettel auf die Rückkehr der Hand des Kochs wartet – ja, was dann? Dann wird eine kleine Idee erkennbar, deren Umsetzung nicht zwingend erscheint, sondern vielmehr versuchsweise und skizzenhaft, deswegen aber keineswegs weniger kurzweilig.

Wer es ist, der hier spricht, weiss das lyrische Ich übrigens selber nicht, das in diesem Bändchen auf der Suche nach seiner Stellung in der Welt ist. «Ich weiss nicht wer ich / Und auf der Welt wozu», so beginnt das Gedicht «Mitschrift», das vielleicht auch als poetologische Auskunft gelesen werden darf. «Schreib / Schreib auf» lautet der Refrain. Schreib doch einfach, «Dass du nicht weisst, wer du / Noch auf der Welt wozu // Schreib auf / Schreib // Seist eben auf der Welt / Wer du nicht weisst / Zu sein».

 «Ungerufen. Gedichte». edition bücherlese, 112 Seiten. Buchvernissage: heute, 19 Uhr, Literaturhaus Basel.