Theater
Schauspieler spielen keine Rollen

In der Aarauer Inszenierung von «Jakob von Gunten» stehen die Darsteller als sich selbst auf der Bühne.

Andrea Grgic
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Die Alte Reithalle in Aarau verwandelt sich in einer Woche in Walsers Dienerschule aus «Jakob von Gunten». Die Eleven musizieren unter anderem mit Gläsern. HO

Die Alte Reithalle in Aarau verwandelt sich in einer Woche in Walsers Dienerschule aus «Jakob von Gunten». Die Eleven musizieren unter anderem mit Gläsern. HO

Das Institut Benjamenta aus Robert Walsers Erzählung «Jakob von Gunten» feiert Wiedereröffnung! Nächste Woche ziehen in die Alte Reithalle in Aarau 18 Eleven ein. Doch die Aussage des pädagogischen Betreuers, Christian Kuntner, verblüfft: «Die Kinder lernen bei uns, mit Kultur schamlos umzugehen.» Das entspricht garantiert nicht der Intention von Herr Benjamenta. Was geht da vor in Aarau? Die Dienerschule ist nur ein Bühnenbild, in welchem die Musiker Christian Kuntner und Astrid Schläfli Walsers Prosatext als Musiktheater inszenieren. Darsteller sind 18 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen elf und neunzehn Jahren aus der Region. Was daran schamlos ist? Wenig. Aber: «Die Kinder wollten immer schön musizieren. Wir haben sie dazu angehalten, die Instrumente anders als gewohnt zu verwenden. Der Pianist zum Beispiel drückt nicht nur die Tasten, sondern zupft auch die Klaviersaiten», erklärt Astrid Schläfli, Pianistin mit Konzertdiplom.

Statt Drill und Zucht erfuhren die Laiendarsteller in den Vorbereitungen auf «Jakob von Gunten» Befreiung: «Kunst muss sich von Kultur lösen können, sonst kann nichts Neues entstehen», ist Christian Kuntner überzeugt, der auch für das Licht und die Technik verantwortlich ist.

Musik gleich wichtig wie Text

Bisher klingt das alles sehr experimentell. Keine falsche Vermutung. Der Begriff Musiktheater ist ein Oberbegriff für viele mögliche Formen, das auch die Oper und das Musical unter sich fasst. Wo ordnen Astrid Schläfli und Christian Kuntner ihren «Jakob von Gunten» ein? «Sicher nicht in die Kategorie Oper», antwortet die in der Westschweiz geborene Astrid Schläfli lachend. «Wir machen ein modernes Musiktheater mit Performance.» Die Musik hat in der Inszenierung für die Alte Reithalle nicht nur begleitende Funktion, sondern spielt eine wichtige Rolle.

Die Musik dominiert aber nicht. Alle inszenatorischen Mittel – das sind Licht, Ton, Text und Performance – halten sich die Waage, indem sie etwas je Eigenes zur Geschichte beitragen. «Wenn sich die Kinder bewegen, illustrieren sie nicht den Text. Die Bewegungen gehen von der Musik aus. Aber alles geschieht gleichzeitig», erklärt Astrid Schläfli, welche die Stücke in «Jakob von Gunten» komponiert hat.

Eine Dramatisierung hat Walsers Prosatext nicht erfahren. Auch rezitieren ihn nicht die Schauspieler. Er erklingt über Lautsprecher. An der Erzählung interessiert Schläfli die Stimmungen, «von denen Walsers Buch voll ist.» Ton, Bewegung und Musik machen für alle Sinne erfahrbar, was zwischen den Zeilen steht. Christian Kuntner präzisiert: «Unser Musiktheater geht in die Richtung des Films. Die verschiedenen inszenatorischen Mittel ermöglichen ein vertieftes Eintauchen in das Erzählte.»

Schauspieler bleiben sich selbst

Eine weitere Eigenheit des Musiktheaters ist, dass keine Rollen gespielt werden. «Das kommt uns entgegen, weil nicht die theaterpädagogische Arbeit im Vordergrund steht. Wir wollten eine professionelle Inszenierung erarbeiten», erklärt Astrid Schläfli. Damit die Bewegungen der Laiendarsteller auf der Bühne nicht gekünstelt wirken, orientierten sich die beiden Regisseure an den Persönlichkeiten der Jugendlichen. Astrid Schläfli: «Natürlich spielen sie Eleven der Dienerschule. In der Funktion treten sie immer wieder auf, wenn sie zum Beispiel zu Beginn die Garderobe machen. Sie sind aber Eleven nach ihrem jeweiligen Charakter», erklärt Astrid Schläfli.

Die mitwirkenden Aargauer Jugendlichen mussten kein Casting absolvieren, um mitmachen zu können. Die Lust und ein Instrument spielen zu können, waren die einzigen Kriterien. Nach einer klassischen Orchesterformation sucht der Zuschauer aber vergeblich. Christian Kuntner lacht: «Wir sind eher eine Kammermarschmusik.» Die Kompositionen stammen von Astrid Schläfli, deren Stil Kuntner als monochrome moderne Klassik beschreibt. Einzelne Lieder stammen auch von Schubert, den die Regisseurin aber keineswegs klassisch, sondern «trashig interpretiert» hat. Mit einer Lochspieluhr erklingen die Töne des berühmten österreichischen Komponisten. Sie ist nicht das einzige ungewöhnliche Instrument, mehrere junge Laiendarsteller spielen auch auf einer Glasharfe. Die Jugendlichen können hier weitere ungewohnte Formen ausprobieren. Das etwas andere Institut Benjamenta öffnet seine Tore am Samstag.

Premiere Jakob von Gunten Aarau, Alte Reithalle, 23. August, 20.15 Uhr