Nachruf

On Kawara: Er war ein Reisender durch die Zeit

«Date Paintings» von On Kawara 1997 im Kunstmuseum St. Gallen. Über 2000 solcher Datumsbilder malte der radikale Konzeptkünstler. Key

«Date Paintings» von On Kawara 1997 im Kunstmuseum St. Gallen. Über 2000 solcher Datumsbilder malte der radikale Konzeptkünstler. Key

On Kawara war der Zahlenmagier der zeitgenössischen Kunst. Der Maler und Denker ist 81-jährig in New York gestorben.

«I Am Still Alive». Telegramme mit dieser Lebensmeldung sandte der Künstler On Kawara über Jahre regelmässig an Freunde. Bemerkenswert, denn On Kawara war kein Abenteurer, bei dem man jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen musste. Im Gegenteil: Er war ein ruhiger Zeitgenosse, ein Maler und Denker, der zwar oft reiste, sich aber still, wenn auch grüblerisch, mit der Zeit und ihrem unerbittlichen Lauf beschäftigte. Nun ist der Meister der Zeit- und Zahlenkunst tot. Er starb am 10. Juli in New York im Alter von 81 Jahren. Oder genauer – und in seiner eigenen Zählweise – nach 29 774 Tagen.

Die Zeit war sein einziges Thema über Jahrzehnte. Der Fokus ins eigene Innere ist dabei unübersehbar. Die Aussenwirkung aber auch. Er stellte mit seinen lakonischen Bildern und Aktionen die Kunstreisenden dieser Welt regelmässig vor die Frage, was denn Zeit und Vergänglichkeit sei. Sei es an einer Documenta oder an Biennalen, sei es in Sammlungen in einem der grossen Kunstmuseen: Wie oft leuchtete einem eine Datumsanzeige entgegen! Wohlgemerkt nicht eine dieser LED-Anzeigen, sondern ein gemaltes Bild. Ein vergangenes Datum zudem, meist in der englischen, oft aber auch in einer anderen gebräuchlichen Abkürzung.

Kunst nach Konzept

Über 2000 solcher «Date Paintings» hat On Kawara gemalt, mit weisser Acrylfarbe auf schwarzem, blauem oder rotem Untergrund. Das erste am 4. Januar 1966. Ein Ende definierte er nicht, jedoch die Regel, dass zum Titel sein Lebenstag gehört und dass, wenn er das Gemälde am selben Tag nicht beenden könne, er es zerstört. Verpackt hat er diese «Today»-Serie in einer Box mit einer Zeitungsseite des aktuellen Tages aus dem Land, in dem er gerade weilte.

Konzeptkunst heisst richtigerweise die Schublade für solche Taten – und On Kawara war einer ihrer radikalsten Vertreter, eine Kultfigur. In seinen Kalendern notierte der ordentliche und ordnende Zeitgenosse, ob er ein «Date Painting» gemalt habe, in der Serie «I Read» sammelte er Zeitungsausschnitte, in «I Went» hielt er seine täglichen Wege fest und in «I Met», wen er getroffen hatte.

Da kehrte einer sein Leben in Zahlen nach aussen. Allerdings extrem gefiltert. Anekdotische Zahlenspiele über seine Kindheit, Notate zu Familie und Privatleben: Gibt es nicht. Die einzigen einigermassen verlässlichen Zahlen: Geboren wurde On Kawara 1933 im japanischen Kariya, dort schloss er 1951 die Highschool ab und zügelte nach Tokio. 1959 ging er nach Mexiko und ab 1965 lebte er in New York – wenn er nicht auf Reisen war.

Ob und wie ihn die japanische (Kriegs-)Geschichte geprägt hat, darüber gibt es widersprüchliche Zeugnisse. Doch wie die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki 1945 innert Sekunden Leben auslöschten, muss sich unauslöschlich in einem Menschen festhaken. Damit habe sich On Kawara in seinen frühen Zeichnungen beschäftigt, hörte man, gezeigt hat er sie nie. Interviews gab er praktisch keine, Fotos von ihm haben Seltenheitswert und seine Vernissagen fanden ohne ihn statt.

Seine Kunst war für ihn, wie die seltene, oft zitierte Aussage des Künstlers lautete, «eine Art Meditation, um sein Ich zu verlieren». Dass On Kawara sein und unser Leben in einem grossen Kontext sah, bewies er mit der Arbeit «One Million Years». In zwanzig Büchern hatte er alle Jahreszahlen, eine Million Jahre zurück, eine Million Jahre in die Zukunft, aufgeschrieben. An Ausstellungen liess er sie abwechselnd von einem Mann und einer Frau vorlesen. An der Documenta 2002 hundert Tage lang. Die Schreibende hörte mehrmals einige Minuten zu – und musste zur eigenen Überraschung zugeben: Die scheinbar so nüchterne Zeitreise des On Kawara liess einen physisch spüren, welch kleiner Klacks der Weltgeschichte wir sind.

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