In der Wortbildung «Zwiegesicht», mit welcher der 81-jährige Schriftsteller Ernst Halter seinen Gedichtband betitelt, sind dessen wesentliche Momente in schönster Verdichtung angesprochen: Zwiegespräch, Zwielicht und der doppelgesichtige Janus, der zugleich zurück und nach vorne blickt. Halters Gedichte schauen zuweilen lustvoll zurück, sei es auf imaginierte historische Ereignisse, wie in «Mozart im Potentialis», wo das postume Auftauchen des Komponisten im London von 1817 vorgestellt wird, oder sei es auf Begegnungen und Besuche romantisch-erotisch-beglückender Art.

Doch der Grundtenor ist die Rückblende auf Unwiederbringliches, und für den Blick voraus auf das eigene unwiederbringliche Verschwinden braucht es nur noch eine kleine Vorzeichenänderung. Wie viele der Gedichte beginnt etwa «Der Mann am Schornig» in der Dämmerung. Eine eigenartige, aber vertraute Gestalt hat hier dem im «ganz gewöhnlichen AG/CH» vorüberfahrenden Ich jeweils mit der Flasche in der Hand zugenickt. Nun ist der Mann verschwunden. «Und wann fahr ich das letzte Mal vorbei?», fragt sich dann der Sprecher.

Dass die Verschwundenen nicht bloss die Weggezogenen meinen, wird in «Die Gewesenen» deutlich. «Böen rütteln am Riegel, / Tote rufen und krallen / gegen Vergessen und Zeit / sich in die alten Ziegel.» Auch das Freiamt hat seine Sturmhöhen. Hier hat «schlaflos … einer Acht», dennoch müssen die rufenden Toten bald wieder zurück «ins ortlose Leid». Wie oft in seiner Lyrik arbeitet Halter hier mit Anlauten, Anklängen und gelegentlichen Reimen, doch in freien Strophenformen und mit variablen Zeilenlängen. Seine Gedichte sind in zwangloser Weise formschön.

Ein Zwiegespräch zwischen Lebenden und Toten, ein Halloween-Moment, ereignet sich auch in «Backstage». «Da klafft im Raum ein Riss. / Gesichter, Gesten und Gestalten / quellen, winken, drängen sich.» Das spukige Anwesen des Abwesenden hat bald ein Ende. Der Riss fällt wieder zu, «und nichts ist wieder alles, was nicht ist, / gewohnter Mangel». Halter spielt ähnliche Szenen unter christlichen (Lazarus) und unter klassischen Vorzeichen durch. In «Eurydike» wird der Besuch der Verstorbenen auf die geliebte Lebenspartnerin gemünzt, die durchs Treppenhaus steigt. Indes, «die Asche spricht dagegen, / alle Physik.»

Und so kann der Lebende nur bedingt froh darüber sein, wenigstens selber noch einmal davonzukommen, wenn der Morgen dämmert und er im Zwielicht des Diesseits wieder auf sich selbst zurückgeworfen ist. «Schon lassen die Toten die Hände / der Lebenden los / und spuren vor brandigem Morgenrot / scheu in die Nacht zurück.» So heisst es im Gedicht «Melancholie». Alles Schöne in diesem Buch, die Begegnung, das Gespräch, das Essen, der Wein, das blonde Haar, der Schnee, ist in das fahle Dämmerlicht der sich ankündigenden Finsternis getüncht. Doch das Trauerbuch birgt einen Trost, und der liegt gerade im Vorlaufen auf den eigenen Tod. «Dich in die Arme zu schliessen / wie Schatten den Schwesterschatten».

Ernst Halter «Zwiegesicht. Gedichte», Wolfbach, Zürich, 104 Seiten.

Buchpräsentation: mit Monika Schnyder, Sylvia Steiner und Nathalie Schmid. Mo, 29. April, 19.15 Uhr, Theater Stok Zürich.