Feminismus

Nicht ihre Strasse beeindruckt, sondern ihr Weg

Mathilde Paravicini (Bildmitte), 1945 an der Schweizer Grenze.

Mathilde Paravicini (Bildmitte), 1945 an der Schweizer Grenze.

Wer war Mathilde Paravicini, die erste Frau, nach der in Basel eine Strasse benannt wurde?

Obschon Mathilde Paravicini 1875 als letzte von fünf Schwestern geboren wurde, war sie in vielen Dingen die Erste. Sie war die erste Frau, die den Ehrendoktortitel der Universität Basel erhielt (1942). Und als erste Frau wurde in Basel eine Strasse nach ihr benannt. Dass die im Gellert-Quartier liegende Strasse ausgerechnet von der Engelgasse zu erreichen ist, ist ein schöner Zufall.

Der«Engel von Basel», so wurde sie auch genannt. Während der Weltkriege hatte sie sich unermüdlich für Verwundete und Flüchtlinge eingesetzt. Wer sich aber unter dem «Engel» ein vergeistigtes Wesen vorstellt, liegt falsch. Paravicini, das war ein Herz mit zupackenden Händen. Auf den sogenannten «Kinderzügen», die Kinder zur Erholung in die Schweiz brachten, schleppte sie gleichzeitig schwere Koffer, koordinierte die Gruppe von Freiwilligen und hatte dennoch Augen für jedes Kind, das zu weinen begann, weil es eine kleine Tasche verloren hatte. Wem kann ich helfen? Das war die Frage, die sie sich ihr Leben lang stellte.

Im Ersten Weltkrieg waren das kriegsgeschwächte Kinder aus Frankreich, für die sie Ausreisepapiere organisierte, Bahnfahrten begleitete und die Verteilung auf die Schweizer Kantone organisierte. Dort wurden die meist unterernährten Kinder in Familien aufgenommen, und konnten während dreier Monate zu Kräften kommen.

Feministisches Engagement

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme holte Paravicini 5000 jüdische Emigrantenkinder in die Schweiz. Als die französische Regierung sie als «Ritter und Offizier» der Ehrenlegion ehrte, nahm sie dankend an, nicht aber den Orden, den ihr die Hohenzollern verleihen wollten. Ihr Herz schlug für Frankreich, seit sie in Paris glückliche Ausbildungsjahre zur Schneiderin verlebt hatte.

Dass ihr Vater für sie wie für ihre vier Schwestern eine Berufslehre organisiert hatte, war ungewöhnlich für diese Zeit. Und lag im Konkurs der Familienfirma begründet. Ebenfalls ungewöhnlich war Paravicinis frühes feministisches Engagement, 1916 setzte sie sich für das Frauenstimmrecht ein. Sie blieb zeitlebens ledig, lebte mit ihrer ebenfalls ledigen Schwester zusammen und führte ein Schneiderinnenatelier.

2014 widmete ihr die Universität Basel eine Ausstellung. Kürzlich erschien das Buch dazu, herausgegeben von Helena Kanyar Becker. Was auf den ersten Blick wie eine eher trockene Sammlung von Erinnerungen sämtlicher Anverwandten Paravicinis anmutet, ist auf den zweiten Blick eine spannende Schatztruhe für Lesende mit Interesse fürs Historische und Biografische.

Mosaikhaft ergibt sich aus Erinnerungen, Gemälden und Fotografien ein Bild einer Frau, die man sehr gerne kennen gelernt hätte. Jedem ihrer Grossneffen konnte sie das Gefühl geben, speziell ihn ganz besonders zu mögen. Zuhören konnte sie. Und zupacken. Mit ihrer Schwester trank sie gerne in Riehen mal ein Bier. Sie war ein gläubiger Mensch. Mag sein, dass ihre Offenheit anderen Religionen gegenüber darin begründet war, dass ihre reformierte Familie vor langer Zeit im Veltliner Mord als Religionsflüchtlinge aus dem Graubünden hatte fliehen müssen.

Die Mathilde-Paravicini-Strasse ist übrigens eine kurze Sackgasse. Damit wird die Strasse keineswegs der Bedeutung der Philanthropin gerecht, aber immerhin ihrer Bescheidenheit. Was diese Frau auszeichnete, war ein unermüdlicher, fröhlicher Altruismus. Was beeindruckt, ist nicht ihre Strasse, sondern ihr Weg.

Helena Kanyar Becker (Hrsg.): «Pionierin der Kinderzüge – Erinnerungen an Mathilde Paravicini (1875–1954)», Pub UB/Schwabe-Verlag.

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