Comedy
«Mit Humor kann ich ein Tabu brechen und werde dafür beklatscht»

Clown-Komödiantin und Schauspielerin Gardi Hutter wurde dieses Jahr 60 und tourt wieder durch die Schweiz. In Thun sprach sie über die Anfänge ihrer Karriere, ihr aktuelles Programm «Die Schneiderin» und ihren Bezug zum Tod.

Anna Ospelt
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Gardi Hutter, als Privatperson zierlich und fein, posiert am Bodensee. Foto: Bernard van Dierendonck/Ex-press

Gardi Hutter, als Privatperson zierlich und fein, posiert am Bodensee. Foto: Bernard van Dierendonck/Ex-press

Ex-Press

Gardi Hutter, die erste Frage ist eine Kosmetische: Wie kam Ihre Bühnenfigur Hanna zu ihrer Frisur?

Gardi Hutter: (lacht) Ich habe drei Jahre lang nach Hanna gesucht. Dann habe ich einen Fernsehfundus von alten Perücken geschenkt bekommen, ein bisschen vermooste, nicht mehr brauchbare Perücken. Darunter war die von Hanna. Ich habe sie aufgesetzt und gemerkt, das ist es!

Hanna ist 1981 in Italien geboren worden, wie kam es dazu?

Ich habe wie der Esel s`Rüebli vor der Nase gehabt. Dieses Rüebli hiess Clown und ich wusste, das will ich werden. Wir haben in Italien mehrere clowneske Theaterstücke gespielt und schlitterten immer knapp am Scheitern vorbei. Der letzte Versuch war ein Solo, nach dreieinhalb Wochen Probe war Hanna da.

Sie haben gleich gespürt, dass sie die richtige Figur gefunden haben?

Ja, aber auch das Publikum. Ich hab mein Programm das erste Mal an einem Quartierfest in Mailand gespielt, danach kamen drei Veranstalter auf mich zu, die das Programm kaufen wollten. Ich war noch gar nicht vorbereitet, wusste nicht, was ich kosten soll. (lacht) Von dem her war einfach klar: «Jetzt ist es da».

Zur Person

Gardi Hutter wurde 1953 in Altstätten SG geboren. Nach einigen Schauspieljobs für das Schweizer Fernsehen hat Hutter 1981 ihr eigenes Programm entwickelt. Als die urkomische Clownfigur Hanna hat sie über 3000 Vorstellungen in 27 Ländern gegeben und tourt weiterhin unermüdlich durch die Welt.

Dann gings steil bergauf!

Es dauerte schon ein paar Jahre, zuerst hatten wir 30 Leute, dann 50, dann 80 und plötzlich 300 und 1000 Zuschauer. Im Theater heisst «schnell» ein paar Jahre. (lacht)

Es gab damals auch negative Pressestimmen. Zum Beispiel «Wenn ein Mann auf der Bühne schwitzt, ist das normal, aber bei einer Frau unappetitlich.» Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich finde, das drückte aus, wie die Stimmung tatsächlich war. Ich hatte ein Tabu gebrochen, indem ich die weibliche Ästhetik herausgefordert habe. Von dem her war ich dankbar, dass der Schock beschrieben wurde. Aber da Hanna wirklich lustig war, hat man sie angenommen. Wenn sie moralisierend gewesen wäre, ideologisch oder besserwisserisch, wäre das nicht gegangen. Mit Humor kann ich ein Tabu brechen und ich werde beklatscht dafür.

Ihr aktuelles Stück «Die Schneiderin» dreht sich um den Tod. Wie sind Sie mit diesem Thema umgegangen?

Der Tod ist das Urthema des Clowns. Bei sechs meiner sieben Stücke sterbe ich am Schluss. Der Tod ist eines unserer letzten Tabus, das ist schade. Etwas weniger Verdrängnishaltung würde jedermanns Sterben erleichtern. Bei der «Schneiderin» habe ich zu meinem Regisseur gesagt, ich möchte, dass Hanna am Schluss stirbt, auch wenn Clowns scheinbar nie sterben. Aber sie soll grossartig sterben, es soll ein fröhlicher Abgang sein. Das war gar nicht so einfach.

Als Clown sind Sie ein neugieriger Tollpatsch, tun sich ständig weh und laufen mit der Nase voran in die Wand. Sind Sie privat ähnlich?

Als Clown suche ich das Extreme, das Schlimmstmögliche, das Radikalste. Als Privatperson hingegen wäre das ein bisschen anstrengend. (lacht) Hier suche ich eher, im Frieden mit meiner Umgebung zu sein, suche mehr Balance und Ausgleich. Ich bin auch privat neugierig und engagiert. Aber als Clown kann nichts schlimm genug sein. Nur die grösste Katastrophe ist wirklich komisch, wie Samuel Beckett sagt.

Ist Hanna ein Zufluchtsort?

Das ist eine lustige Frage, eine Zuflucht hat ja mit Schutz zu tun. Ich denke, sie ist eher eine Verdichtung und eine Verstärkung eines dunklen Teils von mir - und von uns. Es ist nie privat, aber sehr persönlich.

Haben Sie sich schon mal überlegt, eine neue Bühnenfigur zu schaffen?

Bei den Arbeiten zur Schneiderin habe ich zu meinem Regisseur gesagt, ich möchte sehen, ob man mein Markenzeichen, den Bauch, dieses Mal weglassen kann. Ich wollte eine Metamorphose durchmachen, manchmal ist mir dieser Bauch, und auch die Nase, wirklich verleidet. (lacht) Dann haben wir drei Wochen ohne Bauch geprobt. Wir haben probiert und probiert, irgendwann habe ich nur zum Spass den Bauch angezogen, da hat es «zack» gemacht. Wir merkten, dieser Figur entkomme ich in diesem Leben nicht. (lacht) Als Clown bin ich Untertanin von meiner Figur.

Sie haben also ein ambivalentes Verhältnis zu Hanna?

Sie hat ihre Eigenlogik und ihre Macht. Teilweise habe ich gar nicht mehr die Freiheit, zu entscheiden, was ich gerne möchte.

Was sind für Sie nach 32 Jahren die schönsten Momente in Ihrer Karriere?

Wenn eine Premiere gut lief, macht sich eine tiefe Dankbarkeit breit. Nach Monaten am Rande des Wahnsinns, nach diesem Ringen mit der Idee zu merken, dass es ein Ganzes geworden ist, das ist ein Moment, an dem ich nicht weiss ob ich lachen oder weinen soll.

Olten Stadttheater Die Schneiderin Do, 25. April, 20.00 Uhr, Baden Kurtheater Die Schneiderin So, 28.April, 19.00 Uhr, DVD «Gardi - Die Unendlichkeit des Spiels», www.tukanfilm.ch

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