Tessin
Mit 210-Millionen teuren Zentrum baut sich Lugano in oberste Kulturliga

Nach 15 Jahren Planung, Bau und etlichen Polemiken wird in Lugano am Wochenende das Kulturzentrum LAC eingeweiht. Es kostet die Stadt jährlich sechs Millionen Franken.

Gerhard Lob, Lugano
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Dieses Wochenende eröffnet das Kulturzentrum Lugano Arte et Cultura (LAC). Der Bau verschlang bisher 210 Millionen Franken und wird Lugano jährlich sechs weitere Millionen kosten. Studio Pagi

Dieses Wochenende eröffnet das Kulturzentrum Lugano Arte et Cultura (LAC). Der Bau verschlang bisher 210 Millionen Franken und wird Lugano jährlich sechs weitere Millionen kosten. Studio Pagi

LAC: Die drei Buchstaben stehen für das neue Kulturzentrum «Lugano Arte e Cultura», symbolisieren aber auch den Standort in direkter Seenähe. Wo über Jahrzehnte die Ruine der einstigen Nobelherberge Palace als Spekulationsobjekt vor sich hingammelte, ist ein topmodernes Gebäude für Kunst und Kultur entstanden. Das Gelände erwarb Lugano 1994. Gewaltige 210 Millionen Franken hat die Stadt seither in diesen repräsentativen Bau in unmittelbarer Seenähe investiert. Als Architekt zeichnet der Tessiner Ivano Gianola verantwortlich. Am kommenden Wochenende steht die feierliche Eröffnung an.

Compagnia Finzi Pasca wird sesshaft

Bewusst ist das Eröffnungsfest als offene Veranstaltung für die ganze Bevölkerung geplant. «Das LAC soll kein elitärer Ort der Kultur sein, sondern eine lebendige Begegnungszone für Einwohner und Besucher», sagt LAC-Direktor Michel Gagnon. Zugleich soll das LAC aber national in der obersten Kulturliga spielen und gar international ausstrahlen. Die Stadt hat den 58-jährigen Kanadier aus Montreal abgeworben, wo er als Programmdirektor des grossen Kulturzentrums Place des Arts die Fäden zog.

Herzstück von Luganos neuem Kulturzentrum ist ein vollständig mit Birnenholz ausgekleideter Konzert- und Theatersaal mit 1000 Plätzen. Er wurde in enger Zusammenarbeit mit der auf Akustik spezialisierten Münchner Firma Müller-BBM nach modernsten Kriterien konzipiert. Für Konzerte klassischer Musik wird jeweils eine Orchestermuschel aufgebaut; akustisch wirksame Vorhänge ermöglichen eine Anpassung der Nachhallzeit an unterschiedlichste Anforderungen. Für Opern steht ein Orchestergraben für bis zu 70 Musikern zur Verfügung.

Dank Dimension und neuester Bühnentechnik können fürs Theater nun Stücke programmiert werden, an deren Aufführung bisher im Tessin nicht zu denken war. Etwa «La Verità» von der Compagnia Finzi Pasca, die am Eröffnungsabend und in der folgenden Woche zu sehen ist. Der aus Lugano stammende Regisseur Daniele Finzi Pasca, der durch seine Inszenierungen der Olympiade-Schlussfeiern in Turin und Sotschi weltbekannt wurde und mit seiner Truppe stets durch die Welt tingelt, wird das LAC zu seinem Stammsitz machen. «Ich habe hier mein Zuhause gefunden», sagt Finzi Pasca. Die Stadt unterstützt sein Ensemble auch finanziell. Im Gegenzug muss er ab 2016 zwei Neuproduktionen pro Jahr in Lugano lancieren.

Ein ganzer LAC-Trakt ist den bildenden Künsten vorbehalten. Das kantonale Kunstmuseum und Luganos Kunstmuseum werden zu einer Einheit mit eigenen Ausstellungsräumen verschmelzen. Rolltreppen verbinden die Geschosse. «Erstmals stehen uns Räume zur Verfügung, die für Ausstellungen konzipiert wurden», freut sich Museumsdirektor Marco Franciolli, der bisher mit historischen Villen vorliebnehmen nehmen musste. Die Eröffnungsausstellung trägt den Titel «Orizzonte Nord-Sud» mit Meisterwerken beidseits der Alpen aus den Jahren 1840 bis 1960. Der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen. Das LAC will sich als Schnittpunkt zwischen nördlicher und südlicher Kultur positionieren.

Die Verbindung zwischen Museum und Theatersaal bildet ein hohes, lichtdurchflutetes Atrium, das sich zur Seeseite und zur vorgelagerten Piazza Luini öffnet. Dazu kommen Räumlichkeiten für Empfänge, Veranstaltungen und Kongresse. Für diese Art der Events wurde das Gebäude eigens um ein Stockwerk erhöht. Es fehlt hingegen eine adäquate Gastronomie beziehungsweise ein Restaurant. Das überrascht, da vergleichbare Institutionen wie das KKL in Luzern, die für das LAC als Vorbild dienten, einen guten Teil der Einnahmen mit ihrem gastronomischen Angebot generieren. Vor dem LAC hat man nun behelfsmässig einen Container auf der Piazza installiert, der als Bar fungiert und selbst wie ein kleines Kunstwerk daherkommt.

«Wir steuern auf Katastrophe zu»

1999 war die Idee zu diesem Kulturzentrum geboren worden, vom damaligen Stadtpräsidenten Giorgio Giudici. Er hatte die Vision, die wichtigste Tessiner Stadt in eine neue Epoche zu katapultieren und von ihrem ausschliesslichen Image als Bankenplatz und Finanzzentrum zu befreien. Das LAC als architektonisches und urbanistisches Zeichen einer neuen Stadt.

Allerdings war der Weg für das Projekt äusserst steinig. Die politische Bewegung Lega dei Ticinesi kritisierte das Vorhaben stets als grössenwahnsinnig und betrieb Opposition. Attilio Bignasca, Lega-Fraktionschef in Lugano, sagt immer noch: «Wir steuern da auf eine Katastrophe zu.» Denn neben den gewaltigen Investitionskosten wendet Lugano nun auch fast 6 Millionen Franken pro Jahr für den Betrieb auf. Die Gesamtkulturausgaben der hoch verschuldeten Stadt sind fast doppelt so hoch.

In die Schlagzeilen geriet das LAC wiederholt während der Bauarbeiten aufgrund von illegalen Machenschaften und Dumping-Löhnen auf der Baustelle. Mit dem Generalunternehmer, einem spanischen Baukonsortium, stritt sich die Stadt lange über Fehler in der Fassadenverkleidung aus grünem Marmor; bei der Einstellung von Personal gingen lokalpolitisch die Wogen hoch.

Offene Fragen

Tatsächlich bleiben Fragen offen. Das Programm der ersten Spielzeit in den Sparten Musik, Tanz, Theater und bildende Kunst ist zweifellos hochkarätig. Den Abschluss der Eröffnungswochen bildet die Aufführung von Beethovens 9. Symphonie mit dem Orchester der italienischen Schweiz (OSI), dem nun neu ein adäquates Auditorium zur Verfügung steht. Aber wird es Lugano schaffen, den Saal mit 1000 Plätzen gut zu füllen, wenn der erste Hype vergangen ist? Lässt sich die junge Generation durch das Programm erreichen?

Vizestadtpräsidentin Giovanna Masoni-Brenni (FDP), welche die Kulturpolitik der Stadt verantwortet, ist es allerdings leid, dass das LAC noch vor der Eröffnung schlechtgeredet wird. Aber sie weiss auch: «Schöne Mauern reichen nicht, es braucht die richtigen Inhalte.»

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