Aargauer Kunsthaus
Maia Aeschbach: Kunst aus Graphit, Milch und Schweinefett

Es ist eine späte, aber schöne Ehrung für die 84-jährige Aargauer Künstlerin Maia Aeschbach. Das erste Buch und eine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus rufen ihr eigenwilliges Werk in Erinnerung.

Sabine Altorfer
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Bleikoffer, um 2000
7 Bilder
Maia Aeschbach Aargauer Kunsthaus Ausstellung
Aus der Serie Bergbilder, ab 2004
Archivfächer 2001
Fächer offen
Wellen, eines der ältesten erhaltenen Werke von Maia Aeschbach
Röhrenhaufen, 2007

Bleikoffer, um 2000

Aargauer Kunsthaus

Sie war eine Spätberufene und eine Zweiflerin, aber Maia Aeschbach ist eine grosse, eine eigenwillige Künstlerin. Eigenwillig in ihren skulpturalen Arbeiten aus Papier und eigenwillig in ihrer Arbeitsweise. Mit Graphit, Schweineschmalz und Milch bearbeitete sie dicke und dünne Papiere, strich und rieb bis sie, bis sie metallisch glänzten; faltete, rollte zerknüllte sie; stellte sie in den Raum, baute grosse Installationen aus einfachsten Teilen – und freute sich spitzbübisch, wenn Betrachter auf Blei oder Blech, aber kaum je auf Papier, tippten.

Erstaunlich in der Künstlerinnen-Biografie von Maia Aeschbach ist ihr später Auftritt als Künstlerin. Erst als 60-Jährige präsentierte sie erstmals an einer Jahresausstellung ein Papier-Objekt – und staunte selber über das positive Echo.

Doch Zweifel oder der Hang zum Kleinreden der eigenen Arbeiten blieben immer präsent, sprach sie doch oft von ihrem «Züüg» vom «Papierplunder» und ihre Frage klingt noch im Ohr: «Meinsch, da isch ke Seich?» Das konnte über ihr gestalterisches Können, über ihr konzeptuelles Denken hinwegtäuschen.

Ganz aus dem Nichts entstanden Aeschbachs Arbeiten nicht: Die 1928 in Flims geborene Maia Briner bildete sich von 1948 bis 1952 als Innenarchitektin an der Kunstgewerbeschule Zürich aus, machte bei der legendären Webkünstlerin Elsi Giauque eine Lehre und bildete sich später als Töpferin weiter. Durch die Heirat mit dem Architekten Emil Aeschbach kam sie 1955 in den Aarau – ab 1981 verfolgte sie aber wieder ihren eigenen Lebensweg, zog nach Hirschthal, unterrichtete Asylsuchende, gab Kurse, reiste, war im Sommer im Bündnerischen Lohn am Heuen – und entwickelte ihre Papierarbeiten.

Nun wird Maia Aeschbach im Aargauer Kunsthaus gewürdigt. Mit Staunen habe er das Werk entdeckt, sagt Vize-Direktor und Kurator Thomas Schmutz. Anzufügen wäre hier aber, dass Maia Aeschbach über Jahre, ja Jahrzehnte in genau diesem Haus an den Jahresausstellungen präsent war, dass sie an diversen Orten im Kanton gezeigt wurde, aber dass das Kunsthaus von dieser einheimischen Künstlerin nie ein Werk angekauft hat.

Die Initiative für den Auftritt ging von Urs Aeschbach aus, Sohn von Maia und selber Künstler. Er hat sich mit einem kleinen Team zusammen an die Arbeit gemacht, das verstreute Oeuvre von Maia Aeschbach zu suchen, zu ordnen und zu dokumentieren. Ihr fragiler gesundheitlicher Zustand verhinderte, dass die 84-jährige Maia Aeschbach selber dazu beitragen konnte.

Aus dem Schaffen als Zeichnerin und Töpferin sei praktisch nichts mehr existent, nicht einmal fotografisch fassbar, schreibt Urs Aeschbach im Vorwort. Und auch von den skulpturalen Papierarbeiten habe vieles aus fragmentarischen Resten im Atelier neu zusammengesetzt werden müssen – das entspreche aber Maia Aeschbachs Arbeitsweise.

Tatsächlich wurde, was fertig war, am Ende von Ausstellungen durch die Künstlerin oft für Neues rezykliert. Maia Aeschbach habe aus einem inneren Drang gearbeitet, aus Schaffensfreude und gestalterischem Willen, schreibt Kunstkritikerin Annelise Zwez. Nicht das Resultat, der Prozess war ihr wichtig. Die Schreibende erinnert sich an ein Ausstellungsprojekt in den 90er-Jahren. Maia Aeschbach brachte wenige fertige Arbeiten, aber viel vorbereitetes Papier, aus dem vor Ort Röhrenhaufen entstanden, eine begehbare Installation, Wandarbeiten aus losen Bögen... Schwarz glänzten am Schluss nicht nur die Werke, sondern auch Hände, Kleider und Nasenspitzen.

Thomas Schmutz präsentiert Maia Aeschbach im Kontext von Werken aus der Sammlung, vor allem aus den 80er-Jahren. «Was ist Grau genau?», fragt er und fächert einen faszinierenden Parcours auf. Kohlezeichnungen von Miriam Cahn, monumentale Bleistiftarbeiten von Marianne Kuhn und Gaspare Otto Melcher, Tuschezeichnungen von Silvia Bächli und konstruktive Graumalereien Peter Somm führen vor, wie reich die Nicht-Farbe ist und welche Kraft in den banalen künstlerischen Mitteln (Bleistift, Kohle, Graphit,) steckt.

Skulpturen in der Tradition der minimal art von Carmen Perrin und Jürg Stäuble zeigen, auch diese Lesart ist bei Aeschbachs plastischen Papierarbeiten nicht falsch. Ein grossformatiges vom Grau ins Farbige kippende Gemälde von Klaudia Schifferle macht augenfällig, dass Grau nur dank der Existenz von Farbe in seiner Reduktion zur Besonderheit wird.

Vor allem aber beweist die ausführliche Gegenüberstellung, dass das Werk von Maia Aeschbach qualitativ mit den grossen Namen locker mithalten kann. Es ist also höchste Zeit für dieses Revival und die Entdeckung von Maia Aeschbach durch ein grösseres Publikum.

Was ist Grau genau? Aargauer Kunsthaus, bis 28. April.

Monografie Maia Aeschbach. Graphit, Milch und Schweinefett. Hg. Urs Aeschbach, Brigitt Lattman und Konrad Wittmer. 124 S., Fr. 58.–.

Buchvernissage 16.12., 12.30 Uhr, Aargauer Kunsthaus.