Interview

Lukas Bärfuss: «Ich will kein Provokateur sein»

Lukas Bärfuss: «Ich will höchstens mich selbst provozieren.»

Lukas Bärfuss: «Ich will höchstens mich selbst provozieren.»

Lukas Bärfuss über seine Liebe zum Theater und über die Unabdingbarkeit, sich als Schriftsteller auch zu Politthemen der Zeit zu äussern.

Sie haben sich vornehmlich mit Themen aus dem Hier und Jetzt beschäftigt. Wie kommt es, dass Sie mit «Rot und Schwarz» von Stendhal nun einen Roman dramatisieren, der fast 200 Jahre alt ist?

Lukas Bärfuss: Ich muss das etwas korrigieren: Ich habe für die Theaterbühne immer wieder auch klassische Stoffe bearbeitet, aber nicht viele Romane. Ich hatte zudem nie den Eindruck, dass dieses Buch alt ist. Stendhal ist unglaublich frisch geblieben in seiner Analyse, seinem Stil und Schwung. Von den grossen Romanen des 19. Jahrhunderts hat «Rot und Blau» mich am meisten beeindruckt.

Warum?

Was mich an diesem Stoff interessierte, war ein Unverständnis. Es war das Buch, das ich am ­wenigsten verstanden habe. Ich denke aber, die Figur des Julien hat sehr viel mit mir zu tun.

Es geht um den Aufstieg und Fall des Emporkömmlings, der aus dem Nichts kommt, dann aber zu einem bildungsbürgerlichen Phänomen aufsteigt. Sehen Sie darin Bezüge zu sich selber?

Julien ist eine Figur wie Parzival: ein Kind, ein Mensch, der in einem Wald aufwächst und geschlagen wird, dann in eine Welt hineingerät, die er nicht versteht, in der er aber erstaunlicherweise absolut erfolgreich ist. Erfolgreich durch eine Gabe, die ihm selber eigentlich nicht geheuer ist. Er kann die gesamte Bibel auswendig aufsagen, hat also eine unglaubliche Memorierfähigkeit. Dieses Parzival-­Motiv hat viel mit mir zu tun.

Ist es weit hergeholt, wenn man Parallelen zieht zu Ihrer Biografie? Sie haben die Schule in der Primarstufe abgebrochen, haben in Thun auf der Strasse gelebt, bis die Zäsur kam: Sie wurden quasi aus dem Nichts zu einem der erfolgreichsten Autoren des deutschsprachigen Raums.

Das dauerte schon ein paar Jahre. Aber mir geht es darum, zu fragen, wie funktioniert eine Gesellschaft, wie erlernt man das Dasein darin. Diese Verbissenheit von Julien, ein guter Schüler zu sein und alles perfekt zu machen, ist eine Form von Ehrgeiz, die ich auch von mir kenne. Das ist auch ein Problem.

Was ist das Problem?

Die wirklich wesentlichen Dinge im Leben lassen sich nicht mit Ehrgeiz erarbeiten, vieles schon, aber nicht alles. Es bleibt eine existenzielle Unsicherheit, die andern reagieren anders, als man denkt. Dann wird es interessant, wie man auf die schicksalhaften Schläge reagiert.

Sie haben den Büchner-Preis erhalten, mehr geht im deutschsprachigen Raum nicht. Haben Sie Angst, dass wie bei Julien nach dem Höhepunkt der Fall folgt?

Der kommt ganz bestimmt ­einmal. Auch ich werde alt und grau, die Vorstellung, dass es immer weiter aufwärtsgeht, ist absurd. Nur dass Sie mich richtig verstehen: Ich freue mich jeden Tag über diese wunderbare Auszeichnung. Aber der Zenit meiner Existenz bedeutet nicht, ich habe noch ganz andere Aufgaben als nur die literarischen. Für mich als Künstler ist entscheidend, dass man immer alles riskiert, alles auf die Probe stellt. Es geht nur so.

Sie haben andere Aufgaben erwähnt, die Sie beschäftigen. Meinen Sie Ihre Auftritte als politischer Analyst, als Provokateur, die oft für mehr Aufmerksamkeit sorgen als Ihr literarisches Schaffen?

Ich habe nicht das Gefühl, als Schriftsteller nicht mehr wahrgenommen zu werden. Ich habe auch nicht das Rollenverständnis, dass ich zwischen Literatur und Politik trennen möchte. Ich hatte das nie. Von Anbeginn weg nicht. Vor vielen, vielen Jahren habe ich hier in Basel mit 400asa das Stück «Meienbergs Tod» gemacht. Da waren wir mittendrin im politischen Diskurs. Wir wollten politisch und komisch sein. Dieses Credo ist geblieben. Was sich verändert hat, ist die Öffentlichkeit, in der wir uns bewegen. Ich will kein Provokateur sein. Ich will höchstens mich selber provozieren.

Aber Sie provozieren über Ihre Person hinaus. Die NZZ führt ja einen regelrechten Kleinkrieg gegen Sie.

Da wird ein Schriftsteller evoziert, der schöngeistige Literatur produziert, die mit der Gesellschaft nichts zu tun hat. Das ist die Ausnahme. Nehmen wir Stendhal. Er hat ein gesellschaftspolitisches Buch geschrieben, eine Chronik seiner Zeit. Nehmen Sie Büchner, Heine, Thomas Mann. Es ist völlig normal, dass ein Autor sich zur Politik seiner Zeit äussert.

Sie schreiben Romane und Theatertexte. Bei Romanen haben Sie die Inhaltshoheit bis zuletzt, wenn Sie fürs Theater schreiben nicht. Was ist für Sie der Unterschied?

Die Unterschiede sind elementar, ich weiss gar nicht, wo ich beginnen soll: Im Theater kann man nicht blättern, Theater ist keine Fiktion, da geht es nicht um den Text, sondern um die Schauspieler. Theater ist viel, viel älter als Bücher und Romane es sind und wird viel länger leben. Theater ist nicht kulturell, sondern anthropologisch.

Sie müssen Ihr Stück aus den Händen geben und es einer Regisseurin sowie Schauspielern übergeben. Da kann es doch sein, dass es ganz anders rauskommt, als Sie dies vorgesehen haben.

Es wäre wunderbar, wenn es ganz anders rauskommen würde. Wie wundervoll wäre es, wenn ich ins Theater gehe und merke, ach, so habe ich mir das gar nicht ausgedacht. Das würde bedeuten, dass mein Text mehr ist, als was ich mir vorstellen konnte, eine grössere Fantasie ermöglicht. Genau deshalb ­mache ich Theater. Wenn eine so wunderbare Künstlerin wie Nora Schlocker…

…die Regisseurin der Uraufführung…

…und wenn dieses wunderbare Ensemble, die sich über eine lange Zeit mit diesem Text auseinandergesetzt haben, hoffentlich nicht versuchen werden, eine diffuse (nicht vorhandene) Vorstellung im Kopf des Schriftstellers zu präsentieren, sondern ihre ureigene Vorstellung zum Stoff und zum Text. Einer der Gründe, warum meine Stücke auf der ganzen Welt gespielt werden, liegt daran, dass ich beim Schreiben bereits an das Theater glaube. Ein guter Satz in einem Theaterstück ist einer, den man auf zwanzig verschiedene Weise sagen kann. Das ist das Spannende. Das Wie habe nicht ich zu definieren.

Sind Sie bei Proben dabei?

Aktiv nur dann, wenn es darum geht, gemeinsam mit dem Ensemble ein Problem zu lösen. Es wäre eine absurde Vorstellung, wenn ich versuchen würde, die Arbeit der Regisseurin zu machen. Die Regisseurin ist dazu da, meinen Text auf die Bühne zu bringen, das kann sie sehr viel besser als ist.

Ist es Ihnen egal, wer Ihre Stücke inszeniert?

Ganz sicher nicht. Im Theater funktioniert aber nichts ohne Vertrauen. Ich gehe davon aus, dass Nora Schlocker und das wunderbare Ensemble hier in Basel das leisten werden, sonst würde ich ihnen doch meinen Text nicht überlassen.

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