Literatur
Wo gehts lang im Leben?

Insbesondere in verstörten Zeiten haben vermeintliche Heilsbringer und Bescheidwisser Hochkonjunktur. In Tina Uebels neuem Roman spielt dieses lange vor Corona bekannte Phänomen eine wichtige Rolle.

Bernadette Conrad
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Die deutsche Schriftstellerin Tina Uebel (51)

Die deutsche Schriftstellerin Tina Uebel (51)

freelens Pool Malzkorn

«Endlich in die FREIHEIT gehen»: Das ist es, was wir alle tun sollten, sagt Seminarleiter Jürg Beltrane, als er hoch in der Engadiner Berglandschaft rund um den Corvatsch begeisterte Fans zur Selbsterfahrung rund um sein Buch «Dein Leben fängt gerade erst an» geladen hat. Schluss mit den dummen AUSREDEN – man sei zu alt, man könne sich wegen der Kinder nicht aus der unerfüllten Partnerschaft lösen, man hätte ein Haus, das abbezahlt werden müsste! Die «Motivationsbooster», die der umschwärmte Beltrane seinen Anhängerinnen und Anhängern per Handy zukommen lässt, ziehen sich wie ein grosses Mantra durch die Erzähllandschaft von Tina Uebels Roman «Dann sind wir Helden»: Seid mutig, Leute! Nährt eure Sehnsüchte! Verabschiedet euch von der Bequemlichkeit! Alles Imperative, gegen die ja eigentlich nichts einzuwenden wäre – wenn diese hehren Ansprachen nicht immer auch diskret auf das Glück der «passiven Einkommensströme» verweisen würden, «guckt in die links unten, vergesst nicht, den Clip zu teilen, take care, bye bye.»

Was in Gestalt dieses geschäftstüchtigen Gurus ironisch verhandelt wird, ist aber tatsächlich das innerste Thema von Tina Uebels Roman: der Mythos Freiheit. Dabei könnten die vier Hauptfiguren, deren Wegen das Buch abwechselnd folgt, unterschiedlicher nicht sein. Hier die Mitte 40-jährige Kathrin, die – frisch motivationsgeboostet – dem anonymen Publikum ihres gerade gegründeten Vlog/Youtube Channels «Auf meiner Veranda» gleich versichert, wie «dumm und albern» sie sich vorkommt, «weil ich nicht weiss, wer sich das ansehen soll, ich bin ja nichts Besonderes».

Tina Uebel, Dann sind wir Helden. Roman. 267 S. (C.H. Beck). Die deutsche Schriftstellerin Tina Uebel, 51.

Tina Uebel, Dann sind wir Helden. Roman. 267 S. (C.H. Beck). Die deutsche Schriftstellerin Tina Uebel, 51.

Bild: Stefan Malzkorn

Dort die wenig ältere Ruth, die durch die Berglandschaft der Dreitausender mit grimmiger Entschlossenheit stur «nach Osten» wandert, durch Schnee und Eis und Regen, immer wieder haarscharf und grössenwahnsinnig an lebensgefährlichen Situationen vorbei. Kathrins 16-jähriger Sohn Simon will am liebsten gleich mit Elon Musk den Weltraum erschliessen, was am besten natürlich online und beim Gamen geht.

Einzig Bergführer Jero, Mitte dreissig, folgt nichts anderem als den täglichen Herausforderungen seines Berufes und den verschiedenen Persönlichkeiten seiner Kundschaft, ganz ohne grosse Vision davon, wie sein Leben «eigentlich» sein sollte. Jero ist der, der «fast alles, was er tut, mit Sorgfalt tut»; der sein Tun «liebt, an jedem dieser Tage, der niemals einem anderen gleicht, an jedem Tag konzentriert und einhundertprozentig lebendig.»

Es gelingt Tina Uebel, diesen grundverschiedenen Typen auch grundverschiedene Stimmen zu verleihen, sodass man ihnen lesend tatsächlich ganz nahe kommt – genervt ist über Kathrins plapperndes Kokettieren mit ihrer Ängstlichkeit, mitfühlend, bewundernd, leise kritisch gegenüber Ruths tollkühnen Alleingängen, voller Freude an einem Typen wie Jero. Nicht zuletzt bezieht «Dann sind wir Helden» seine Spannung aus der literarisch fein getunten Widersprüchlichkeit dieser Leute, jenem Mitklingen der Untertöne von leiser oder lauterer Verzweiflung, nicht eingestandener Sehnsucht, Selbstzweifeln.

Die Sehnsucht nach Freiheit wird verschieden gelebt

Platt, weil eindimensional, ist am Ende nur der Herr Motivationsbooster, der immer so ganz genau weiss, wo es langgeht im Leben. Komplex wird der literarische Raum ja dadurch, dass die Figuren das, was er ins Mikro trompetet, auf ihre menschlich gebrochene Weise ausbuchstabieren. Dass der erzählende Blick leise, aber deutlich und durchgängig entlang kapitalismuskritischer Aspekte führt, macht den Roman zu einem politischen Text, lange bevor Simons für einmal ganz analoge Wege ihn mitten ins Hamburg der G20-Krawalle führen.

Wie verschieden wird sie doch gelebt, die den Menschen eigene Sehnsucht nach Freiheit! Und wie lautlos gelingt es, Geld aus dieser Sehnsucht zu machen. Da sind Kathrins unschuldige Links zu einer neuen Make-up-Linie, zum hippen Online-Label «Wunderfrau», mit denen sie, ganz nach Beltranes Vorbild, jeweils ihr Geplauder beschliesst. Denn leben wir nicht längst so, als sei sie vor allem dort zu holen, in den kleinen oder grösseren Displays unserer Smartphones – die grosse Freiheit?