Theater und Glaube

«Like a Prayer»-Regisseurin: «Ich habe nichts gegen Ostereier»

Corinne Maier sinniert über die Vernunft, den Glauben und ihr Theaterstück «Like a Prayer».

Corinne Maier sinniert über die Vernunft, den Glauben und ihr Theaterstück «Like a Prayer».

Theater-Regisseurin Corinne Maier antwortet vor der Premiere von «Like a Prayer» auf die grossen Glaubensfragen und erklärt, weshalb unsere Ostertraditionen mehr Bedeutung für Nichtgläubige haben.

Frau Maier, ist es vernünftig, heutzutage noch zu glauben?

Corinne Maier: Ich denke Aufklärung und Glauben schliessen sich nicht aus. Es geht eher um die Frage, wie sie zueinanderfinden. Wie kann man in einer aufgeklärten Gesellschaft glauben? Historisch gesehen wurden die grossen Menschheitskatastrophen nicht nur durch Religionsstreite verursacht.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die grossen Katastrophen des 20. Jahrhundert wie zum Beispiel der Zweite Weltkrieg sind eher durch säkulare Ideologien ausgelöst worden. Ich finde es grundsätzlich spannend, sich zu fragen, ob sich Demokratie und Glauben ausschliessen. Also (lacht): Ich bin absolut für die Trennung von Kirche und Staat, aber trotzdem, muss man das ausschliesslich denken? Könnte es nicht auch andere Formen geben, die beides zusammendenken? Warum ist die Religion aus der Öffentlichkeit verschwunden?

Welchen Stellenwert hat der Glauben in unserer westlich-europäischen Gesellschaft noch?

Ich denke, im Moment findet eine paradoxe Bewegung statt. Einerseits extrem rückläufig, da viele Kirchenaustritte gemeldet werden, andererseits gibt es ein grosses Alternativangebot. Es gibt neue Formen wie die die «Sunday Assemblies», die konfessionslose Menschen zusammenbringen zu einer Art Gottesdienst, aber ohne metaphysische Bezüge.

Widersprechen sich denn nun Religion und Vernunft?

Ich denke nicht, dass sich das widerspricht. Vernunft ist zwar die rationale Instanz, die auf Wissen gründet. Allerdings sehe ich sie nicht als absolute Grösse. Selbst die Wissenschaft ist nicht absolut und beruht auf Erkenntnissen, die widerlegbar sind. Wissenschaft ist ein unendlich währender Prozess. Darum finde ich es absurd, wenn man sich nur auf sie verlässt. Vor 200 Jahren hatte man noch ganz andere Erkenntnisse als heute, und in 200 Jahren werden es wiederum andere Erkenntnisse sein; oder schon morgen. Viele Forschungen beruhen auf Intuition und brauchen spekulative Möglichkeiten. Ich kenne wenige Menschen in meinem Umfeld, die behaupten, dass es nur handfeste Dinge auf der Welt gibt wie diesen Tisch (klopft auf den Tisch) und die Unerklärliches kategorisch ausschliessen.

Woran glauben Sie? Kann man das überhaupt «glauben» nennen?

Was meint man denn mit Wörtern wie Gott oder Jesus oder kosmische Energie, Kraft und höheres Wesen? Hierin liegt vermutlich das Problem, wieso viele sich vor einem Glaubensbekenntnis scheuen. Sie fürchten, missverstanden zu werden. Ich glaube vor allem an eine Auseinandersetzung mit dem Glauben.

Gibt man die Verantwortung für sein soziales Handeln ab, wenn man an ein höheres Wesen glaubt?

Warum sollte das so sein? Darin steckt der problematische Vorwurf: Man gibt die Verantwortung ab und ist politisch nicht mehr aktiv. Man setzt sich nicht mehr für die Verbesserung der Umstände im diesseitigen Leben ein, weil das Jenseitige mit der Poolparty lockt. Dieser Vorwurf ist meiner Meinung nach falsch. Es gibt zum Beispiel die lateinamerikanische, christliche Bewegung der Befreiungstheologie, die politisch aktiv ist. Glauben kann der Antrieb für zielorientiertes Handeln sein. Wenn du beispielsweise im Christentum die Botschaft von Jesus als Handlungsaufforderung verstehst, dann müsstest du sehr politisch sein. Im Gegensatz gibt ja auch genug Menschen, die nicht glauben und sich niemandem verpflichtet fühlen und vielleicht genau aus diesem Grund unverantwortlich agieren. Auch hier gibt es wieder alle möglichen Schattierungen.

Wodurch wurde der Glaube in westlichen Gesellschaften ersetzt?

Es gibt diesbezüglich verschiedene Thesen. Die Konsumthese, die ich allein als Erklärung für die veränderte Stellung der Religion in der Gesellschaft noch nicht hinreichend begründet finde, behauptet, dass der Konsum den Glauben verdrängt hat. Früher war die Religion alternativlos. Jetzt gibt es so viele andere Angebote. Am Sonntag steht nicht die Sonntagsschule im Programm, sondern Fussball, Handball oder sonstige Wettkämpfe stehen an. Die Kirche als Gestalterin von Gemeinschaft und Zeit hat ihre Rolle komplett verloren.

Wie steht’s mit Ostern?

Ostern oder Weihnachten sind beste Beispiele für die Konsumtradition der Feste. Gesamtgesellschaftlich gesehen hat diese Tradition aber mehr Bedeutung für Nichtgläubige gefunden. Ich habe nichts gegen Ostereier.

Warum gibt es keinen Jesus aus Schokolade, was ist da falsch gelaufen?

(lacht) Da gäbe es ein Symbolik-Problem.

Haben Sie Ihre persönliche Antwort auf die Gretchenfrage gefunden? Wie haben Sie’s mit der Religion?

Durch die Recherche ist alles komplexer geworden. Abgesehen von der persönlichen Auseinandersetzung besteht die Schwierigkeit darin, die Fragen auf der Bühne in eine Form zu bringen. Ist es überhaupt richtig, auf die Bühne zu gehen, um dort über Glauben zu reden? Gelangt man auf diese Weise wirklich zu neuer Erkenntnis?

Was möchten Sie dem Publikum vermitteln?

Ich habe keine Mitteilung, die ich im Gesamtpaket überbringen kann. Mir ist es wichtig, dass man entspannte Formen findet, um über das Thema zu diskutieren. Formen, in denen es nicht um Recht oder Unrecht geht, sondern um Interesse und Bedingtheit des Glaubens. Und das, ohne die Freiheit eines Anderen angreifen zu wollen.

Like A Prayer Vorstellungen vom 7. bis 11. April, jeweils um 20 Uhr in der Kaserne Basel.

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