Papier ist geduldig, sagt man. Einst galt das als hehre Tugend. Doch aktuell gerät das gute alte Papier und mit ihm auch daraus hergestellte Erzeugnisse wie Kinderbücher unter Verdacht, womöglich gar allzu geduldig zu sein angesichts einer Umwelt, die blinkt, aufpopt, abspielt.

So nannten in einer deutschen Studie aus dem Jahr 2016 zum Freizeitverhalten von Kindern Sechs- bis Dreizehnjährige als bevorzugte Freizeitbeschäftigung Handy, Games und Computer unter den sieben liebsten Tätigkeiten. Lesen landete gerade mal auf Platz 14. Und: Mal Hand aufs Herz: Kennen Sie ein einziges Kind, das instinktiv nach den pflanzlich gefärbten Bauklötzen greift, wenn nebenan das Plastikspielzeug leuchtet und tutet?

Man kann es als Kollateralschaden der Digitalisierung sehen, dass Bücher in ihrer wenn auch nicht holzklötzernen, so doch papiernen Erscheinung es zurzeit nicht leicht haben, die Aufmerksamkeit der Digital Natives auf sich zu lenken. Schliesslich läuft bei Bilderbüchern nicht mal auf dem Cover ein Clip, und auch in Sachen Soundeffekte heisst es: Fehlanzeige.

Da mag das geheime Innenleben auf den bedruckten Seiten noch so kühn sein, der Weg durch das un-interaktive Material, oft auch über die vielen Buchstaben scheint nicht wenigen Kindern als unwegsam. Gemäss der internationalen Pirls-Studie (Progress in International Reading Literacy Study) klaffte 2016 in Deutschland die Lesekompetenz von Viertklässlern stark auseinander. Manche zeigten stärkere Kompetenzen als in den Jahren 2001, 2006 und 2011, gleichzeitig erhöhte sich 2016 die Zahl der Grundschüler mit starken Leseschwächen: 2001 waren es noch 16,9 Prozent, nun lag ihr Anteil bei 18,9 Prozent.

Tanzende Buchstaben

Man kann diesen Umstand bedauern, mittels Studien aufzeigen, schulterzuckend hinnehmen. Oder aber man kann ihn selbst zum Buchinhalt machen. Exakt das haben zwei Schweizer Verlage nun getan. Der Glarner Baeschlin-Verlag mit dem Bilderbuch «Annika und der Lesehund» und der Atlantis-Verlag mit: «Oje, ein Buch!».

Das ist es nämlich, was Frau Asperilla ausruft. Nachdem sie versehentlich Juris Geschenk aufgerissen hat: Mit diesem doppelten Schreckensszenario (das Geschenk eines andern!, und erst noch ein Buch!) beginnt die Geschichte in Lorenz Paulis neuem Bildband.

Vergessen Sie feuerspeiende Drachen und eingesperrte Prinzessinnen. Hier warten echte Abenteuer für toughe Kids von heute. Denn Frau Asperilla stellt sich bei der Inbetriebnahme des Bilderbuchs noch ungeschickter an als Oma mit ihrem neuen Smartphone. «Es ist wohl kaputt. Es erzählt sich nicht», stellt die Erwachsene resigniert fest, nachdem sie das Buch auf Juris Vorschlag hin «angesehen» hat. Und «angesehen» heisst für Frau Asperilla: das zugeklappte Buch anstarren.

Es braucht schon das Know-how des kleinen Jungen, um der digital denkenden Frau zu zeigen, wie Bilderbuch-Anschauen geht. Dazu gehört auch, im Bereich der Fantasie Graubereiche jenseits von 0 und 1 zuzulassen und lustvoll jede Logik auszuhebeln, wie es mit digitalen Mitteln nie möglich gewesen wäre. Gemäss dem smarten Superbrain Juri kann nämlich die klitzekleine Maus den feuerspeienden Drachen in einem Happen verschlingen – frei nach dem Motto: Wer zuletzt frisst, lacht am besten. Überhaupt Stichwort Humor: Wie immer beim Autor Lorenz Pauli ist die Geschichte prallvoll davon – und erst noch quicklebendig erzählt und von Miriam Zedelius knallbunt illustriert. Wirklich schade, dass Bücher keinen like-Button haben.

Hund Bonnie hört geduldig zu

Mit vertauschten Rollen spielt auch das Bilderbuch «Annika und der Lesehund» (Baeschlin Verlag). Wobei hier das nicht eben superhelden-mässige Thema Leseschwäche mit Samtpfoten angepackt wird. Und diese Pfoten haben es in sich. Sie gehören nämlich dem Golden Retriever Bonnie. Bonnie ist flauschig, geduldig, ruhig und riesengross. Kurzum: Genau der Freund, den das Mädchen Annika sich immer gewünscht hat.

Bis die beiden einander begegnen, ist es aber ein steiniger Weg. Und dieser trägt den Namen: Leseschwäche. Denn, wann immer Annika vorlesen soll, beginnen die Buchstaben vor ihren Augen zu tanzen. Sie versteht die Wörter nicht, ihre Stimme wird leise, sie vertauscht die Wörter. Und die anderen Kinder müssen lachen. «Lesen ist doof. Bücher lesen ist doof. Nicht mal die Karte des Eisverkäufers mag ich lesen», steht für die Schülerin fest. Die Lehrerin ist die Geduld in Person, aber alles Dranbleiben bleibt zunächst erfolglos.

Bis die Bibliothekarin, zu der die Mutter Annika regelmässig schleppt, eines Tages fragt, ob das Mädchen etwas Besonderes unternehmen möchte. Sie dürfe einem richtigen Hund ein Buch vorlesen. Und diesmal sagt Annika nicht Nein. Anfangs fühlt sie sich beim Vorlesen noch nervös. Aber Hund Bonnie lacht nie. Stattdessen hört er dem Mädchen geduldig zu. Als würde er darauf vertrauen, dass es klappen wird. Umgekehrt streichelt Annika Bonnies Pfote, wenn die beiden ein Wort nicht verstehen.

Hunde gegen Leseschwäche

Dem verspielten und von Autorin Lisa Papp lieblich illustrierten Bilderbuch liegt alles andere als eine Fantasiegeschichte zugrunde. Vielmehr geht es hier um reale Fakten. In den USA werden seit 1999 speziell ausgebildete Therapiehunde eingesetzt, um mit Kindern gegen deren Leseschwäche anzugehen. Auch in der Schweiz setzen Schulen und Bibliotheken (zum Beispiel die Berner Kornhausbibliothek) bereits auf diese Form der Leseförderung bei Kindern mit Leseschwäche sowie mit durch einen Migrationshintergrund bedingten Sprachschwierigkeiten. Dabei nimmt der Hund den Part des geduldigen, aber nie kritischen Zuhörers ein – und: Dass er ohnehin viel schlechter lesen kann als das Kind, lässt dieses plötzlich in die Rolle des oder der Lesekundigen schlüpfen.

Natürlich geht auch für die kleine Protagonistin Annika und Lesehund Bonnie die Geschichte gut aus. Denn es gibt ein ungeschriebenes, aber unerschütterliches Gesetz von Bilderbüchern und Kindergeschichten: Das obligate Happy End. Und das ist nun ein Gesetz, welches jede Digitalisierung, jeden Materialwandel samt Interaktivität und Popups mit Links überdauert.