Kunst
Künstler lieben Robert Walser – eine Fan-Schau im Aargauer Kunsthaus

Das Aargauer Kunsthaus zeigt, wie der grosse Schweizer Schriftsteller und Aussenseiter Robert Walser Künstler inspiriert.

Sabine Altorfer
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Rosemarie Trockel, «Triple Bob 2», 2012, Digitaldruck, Acrylfarbe und Bleistift auf Papier.Courtesy Sprüth Magers Berlin London © Rosemarie Trockel, Pro Litteris, Zürich

Rosemarie Trockel, «Triple Bob 2», 2012, Digitaldruck, Acrylfarbe und Bleistift auf Papier.Courtesy Sprüth Magers Berlin London © Rosemarie Trockel, Pro Litteris, Zürich

Für eine Mode-Erscheinung dauert der Hype um den Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878–1956) schon zu lange. Da muss mehr dran sein. Seit den 1970er-Jahren nämlich schwärmen Theaterleute, Musikerinnen, Schriftsteller und bildende Künstlerinnen von Robert Walser. Er ist ihnen Idol, Inspirationsquelle oder Seelenverwandter. Aber warum? Ist es die feine, unspektakuläre Art, wie der Flaneur die Welt schilderte. Ist es sein tragisches Schicksal? Seine Ängste vor dem Leben brachten ihn in die psychiatrische Anstalt und einsam starb er am Weihnachtsmorgen 1956 im Schnee.

Seine Welt – unsere Welt

In Walsers Romanen, Erzählungen und in seinem Leben steckt viel Berührendes, viel Stoff. Aber das kann den Hype um Walser nicht wirklich erklären. Kann die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus Aufschluss geben? «Ohne Achtsamkeit beachte ich alles. Robert Walser und die bildende Kunst» heisst sie. Dreizehn heutige Walser-Fans aus Deutschland, England, den USA und der Schweiz zeigen Werke. Als historische Ergänzung und Kontrast gibt es Gemälde von Walsers Zeitgenossen: Bilder, die der Schriftsteller gekannt hat und die uns ein Stimmungsbild seiner Lebensschauplätze geben: hier das beschauliche Biel, dort das avantgardistische Berlin.

Spazierend die Welt erkunden

Es wird viel spaziert in dieser Ausstellung. Walser liebte das bekanntermassen. So zeigen die historischen Gemälde meist Wege im Bieler Seeland, auf denen man zum Eintritt in unberührte, heile Landschaften eingeladen ist. Dexter Daelwoods puzzelt verschiedene solcher Landschaftsmotive zu einem grossformatigen Schwarz-Weiss-Gemälde. Daniel Roths offeriert uns heutigen Walser-Wanderern ein künstliches Tümpelchen und einen Spazierstock aus einem Ast. Interessanter ist es, Mark Wallinger zu folgen. Der Brite filmt spazierend seinen Schatten, wie er sich über Pflastersteine, Strassenmarkierungen, Dolendeckel legt, sich kurz mit anderen kreuzt. Aber nichts ist wichtiger als das, was gerade vor ihm liegt. Sich selber beim Spazieren zuzusehen: Das walsert.

Vor allem Porträt-Fotos und Text-Zitate von Walser regen Künstler zu Collagen, Verfremdungen, Abwandlungen an. Schön ist Rosmarie Trockels aus der markanteren Gesichtshälfte gespiegeltes, dreifaches Porträt. Die zweiflerische Hälfte lässt die Künstlerin weg, so gibt sie dem Müden wieder Zuversicht. Herumliegende Kleinigkeiten malt Heiner Kielholz mit walserscher Sorgfalt, und Thomas Schütte erfindet eine Ehefrau, die dem Einsamen zeitlebens gefehlt hat.

Künstler-Schicksal

Das ist alles schön und sorgfältig und irgendwie bei Walser. Aber es erklärt einem noch nicht wirklich den Hype um den Schriftsteller. Dem kommen wir bei Thomas Hirschhorns «Berliner Wasserfall mit Robert Walsers Tränen» etwas näher. Walser lebte von 1905 bis 1913 in Berlin, hatte Erfolg, aber keinen nachhaltigen Durchbruch. Hirschhorn verpackt Fundstücke aus seiner eigenen Berliner Zeit in Plastik – wie wenn er sich vergewissern wollte: Hier bin ich, das bin ich und das zeige ich euch. Und zwar so, dass es hoffentlich Bestand hat.

Im Lichthof steht auf einem schiefen Metallsockel das «Memorial for the Unknown Artist». Thomas Schütte hat den zahlreichen nie erkannten oder schnell wieder vergessenen Künstlern ein Denkmal gesetzt. Auch Walser hat explizit wie zwischen den Zeilen immer wieder über seine Berechtigung als Künstler, über sein Zweifeln und Hoffen auf Anerkennung geschrieben. Ob hier der Kern der Seelenverwandtschaft unter den Künstlern zu finden ist?

Ohne Achtsamkeit beachte ich alles. Robert Walser und die bildende Kunst. Aargauer Kunsthaus, bis 27. Juli. Vernissage Fr, 9. 5., 18 Uhr.