«Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, / Im dunklen Laub die Goldorangen glühn, / Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, / Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? / Kennst du es wohl?»

Keinem gelingt es wie Johann Wolfgang von Goethe, unsere Italiensehnsucht zu beschreiben. In seinem Bildungsroman «Wilhelm Meisters Lehrjahre» legt Goethe seiner in Italien geborenen Figur Mignon diese Worte in den Mund. Beim Lesen der Verse wandern gedanklich die meisten wohl in die südliche Gefilde – nach Sizilien oder an die Amalfiküste. Denn kaum bekannt ist die grosse Vielfalt an Zitrusfrüchten im nördlichsten Zipfel Italiens, im Dorf Cannero Riviera am Lago Maggiore.

Europaweit ist es der nördlichste Punkt, an dem Zitronen ganzjährig im Freien wachsen. Das liegt am besonders milden Mikroklima des Ortes. Auch im Winter sinken die Temperaturen dort äusserst selten unter den Gefrierpunkt. Die Pflanzen sind nach Norden von den dahinterliegenden Bergen geschützt, zudem ist Cannero ein besonders sonniger Ort.

Vom 9. bis 17. März 2019 lädt nun das malerische Dorf mit seinen Gärtnern zur Zitrusfrüchte-Ausstellung ein. Diese findet jeden Frühling statt. Durch die kalten Temperaturen der zurückliegenden Wintermonate haben dann die Früchte ihre intensive Färbung angenommen, von der sich bereits Goethe verzaubern liess. Zur Blütezeit nimmt man in den pittoresken Gassen ihren betörenden Duft wahr.

Durch die Gärten streifen

Neben den von Goethe gepriesenen Zitronen und Orangen finden sich im schönen Örtchen Cannero zudem Mandarinen, Pampelmusen, Bitterorangen, Chinottos oder Limetten. Während die ersten vorbeiflatternden Zitronenfalter den Einheimischen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, reisen jedes Jahr zahlreiche Gartenliebhaber zur Zitrusfrüchte-Ausstellung «Mostra degli Agrumi» unweit der Schweizer Grenze an.

Dabei gibt es viel zu entdecken: Im Pfarrhaus stellen die Organisatoren je ein bis zwei Früchte der Bäume aus den verschiedenen Gärten aus. Die zweite Ausstellung widmet sich jedes Jahr einer anderen Frucht. Dieses Jahr geht es in der Fotoausstellung um die Blutorange «tarocco» und um ein Austauschprojekt von Schülerinnen und Schülern in den Gemeinden Cannero Riviera und Lentini in Sizilien. Die beiden Gemeinden sind durch diese Orangenart, die es in beiden Orten gibt, verbunden.

Samstags und sonntags sind während der Veranstaltung alle neun teilnehmenden Gärten geöffnet. Es lohnt sich, diese zu besuchen, um die Pflanzen in der Erde zu sehen und die Gastfreundschaft der Italiener zu erleben. Sie öffnen ihre Gärten, ohne dafür etwas zu erhalten, und laden die Gäste ein, Obstkuchen, Limoncello oder Marmelade zu probieren. In einigen Gärten gibt es Live-Musik. Zusätzlich lässt sich der ganzjährig geöffnete Zitrusfrüchte-Park entdecken, der in Zusammenarbeit mit der Universität Turin entstanden ist. Empfehlenswert ist die zweisprachige Führung auf Deutsch und Italienisch, bei der die Teilnehmer die Ausstellungen, den Zitrusfrüchte-Park und besonders schöne Privatgärten kennen lernen. 

Besonders begabte Gärtnerin

Dabei lassen sich auch Gärtnerinnen wie Fiorangela Zanni kennen lernen. Auf ihrem Grundstück am See hat sie viel Liebe und Arbeit in die Pflege ihrer Pflanzen gesteckt. Während in den umliegenden Gärten etwa fünf bis sechs Arten wachsen, spriessen in ihrer Oase 50 Arten.

Die gut gelaunte Italienerin freut sich über Gäste, denen sie gerne die Früchte ihrer Arbeit zeigt. So schützt sie etwa ihre Zitronen der Sorte «Diamanten» in ihrem Garten bis zur Ausstellungseröffnung mit Tüchern vor der Sonne. Diese Sorte stammt aus dem Küstenort Diamante in Kalabrien – und ihre Früchte sind begehrt. «Die ‹Diamante› lassen jüdische US-Amerikaner mit italienischem Migrationshintergrund zu horrenden Preisen für religiöse Feste bis nach New York City liefern», sagt Zanni.

Auch Restaurants des Ortes zaubern wahre Köstlichkeiten aus ihren Früchten. Gourmets können etwa auf der Seeterrasse in einem der Restaurants den «sanften Wind vom blauen Himmel» geniessen – wie Goethe schrieb – und sich dabei Leckerbissen wie Seebarsch-Ravioli mit Orangensauce oder Forelle aus dem See mit der einheimischen Zitronenart Canarone schmecken lassen.