Interview

«Ist es gut zu wissen, wer man ist?»

Im Winter eigentlich lieber an der US-Ostküste: Hansjörg Schertenleib in Boswil.

Im Winter eigentlich lieber an der US-Ostküste: Hansjörg Schertenleib in Boswil.

Hansjörg Schertenleibs neues Buch «Palast der Stille» stellt einige Grundsatzfragen an die Literatur, die der Schriftsteller hier gleich selbst beantwortet.

Half das Schreiben, herauszufinden, wer Sie sind?

Hansjörg Schertenleib: Am Anfang meiner Existenz als Schriftsteller hat mich die Frage «wer bin ich» kaum interessiert. Ich wollte eher wissen, «wer könnte ich sein». Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin mir schreibend auch selber auf der Spur. Bleibt die Frage: Ist es gut, zu wissen, wer man ist?

Hat Sie das Schreiben klüger gemacht oder dümmer?

Klüger, weil ich oft Themen angehe, für die ich ausgiebig und gründlich recherchieren muss. So habe ich viel dazugelernt. «Dümmer» geworden bin ich wohl, was Sozialkompetenz betrifft – sitze ich doch Tag für Tag allein am Schreibtisch.

Hat Sie das Schreiben in die Kindheit zurückgeführt?

Dies ist wohl gar eines der Ziele meiner Schreibarbeit. Zurückzukehren in das verlorene Paradies der Kindheit. Wobei ich diese Kindheit selbstredend umforme und umschreibe. Schreibend kann ich mir auch die Vergangenheit neu erfinden.

Hat Sie das Schreiben auf den Tod vorbereitet?

Auf diese Frage ist jede Antwort anmassend. Aber ich denke, mein Schreiben versucht, mich auf den Tod vorzubereiten, gerade den eigenen. Ich sehe Literatur nicht als Kuscheldecke der Behaglichkeit, sondern auch als Kunstform, die sich mit unangenehmen Fragen befasst – zum Beispiel mit der eigenen Endlichkeit.

Autor

Hansruedi Kugler

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