Bregenz
«Ich will nicht arrogant klingen, aber wir in Bregenz geben den Massstab vor»

200 000 Menschen werden David Pountneys Inszenierung von Mozarts «Zauberflöte» auf der Bregenzer Seebühne sehen. Diesem spektakulären Finale seiner Intendanz ging ein übles Hin und Her um seine Anstellung voraus.

Christian Berzins
Drucken

Herr Pountney, Intendanten-Probleme bei den Salzburger Festspielen, Intendanten-Probleme in Bregenz. Sind diese Kulturstreitereien ein typisch österreichisches Problem?

David Pountney: (lacht laut) Salzburg und Bregenz sind zwei völlig unterschiedliche Fälle. In Salzburg gibt es eine massive politische Präsenz im Beirat, und das führte immer wieder zu Schwierigkeiten. Wenn man einen so klugen und ambitionierten Intendanten wie Alexander Pereira hat, dann kann man verstehen, dass das Probleme mit Politikern gibt. In Bregenz gab es den bedauerlichen Fall, dass ein Präsident die Zukunft bestimmen wollte, nachdem er schon seinen Abschied gegeben hatte. Das nennt man in Amerika Founder’s Syndrome.

Die Politik war unschuldig?

Ja, in Bregenz hat sich die Politik eher zu wenig eingemischt, aber vielleicht muss ich dafür auch dankbar sein. Wenn die Politik zu sehr in Kulturinstitutionen involviert ist, gibt es immer Probleme. Jetzt hat Bregenz diesen kleinen Sturm überwunden und eine schöne Zukunft vor sich. Ich wechsle zufrieden nach Cardiff an die walisische Nationaloper.

Sie wechseln von einem Sommerfestival zu einem Jahresbetrieb, vom Sommertrubel zur kulturellen Grundversorgung. Wie gross ist der Unterschied bezüglich Ihrer Arbeit?

Es sind zwei grundsätzlich verschiedene Denkweisen. Die Bregenzer Festspiele präsentieren alljährlich ein lange ausgedachtes dramaturgisches Juwel: Da muss in allen Belangen alles zusammenpassen und ineinandergreifen. Da ich jeweils versuche, ein mehrheitsfähiges Programm herzustellen, kann ich aber bewusst nicht alle Möglichkeiten links und rechts ausreizen. Und auch wichtig: Unsere Besucher kommen für einen Event nach Bregenz. Im normalen Theater habe ich ein fixes Publikum, Leute, die ich übers ganze Jahr versorgen muss.

Der sommerliche Event zieht so sehr, dass es mittlerweile einen Graben zwischen der Grundversorgung «Stadttheater» und den Sommerfestivals gibt. Müssen wir einst ohne Fundament leben?

David Pountney

David Pountney wurde 1947 in Oxford geboren. Er gehört zu den grossen Regisseuren unserer Zeit und prägte die Zürcher Ära Alexander Pereiras mit vielen Inszenierungen. Seit 2003 (bis 2014) ist er Intendant der Bregenzer Festspiele. Nun ist er Intendant der walisischen Nationaloper in Cardiff.

Ab 17. Juli stehen in Bregenz 28 «Zauberflöten»-Abende an. 195 000 Karten sind verkauft, dennoch gibt es auch für «ausverkaufte Abende» meist kurzfristig einige Karten. Aus Zürich fährt der Rote Doppelpfeil an drei Vorstellungstagen nach Bregenz. Die Festspiele bieten ein reiches Konzert-, Theater und Opernprogramm. Im Festspielhaus wird André Tchaikowskys Oper «Der Kaufmann von Venedig» uraufgeführt. (bez)

Zauberflöte im TV: 19.7., SRF 2, 21 Uhr.

Ich sehe in diesem Graben kein Problem. Aber klar: Wer übers Jahr nur Opern aus der Supermarkt-Reihe spielt, schafft sich und dem Publikum zu wenig Kontext. In Cardiff hingegen präsentieren wir ein sehr komplexes, dichtes Kunstprodukt, das sehr viele Ideen und Geschichten beinhaltet, und ich stelle das in einen Kontext, in dem diese Elemente dann zur Diskussion stehen. Das habe ich in der sommerlichen Festspielleitung gelernt.

Schön und gut. Aber es ist eine Tatsache, dass Sommerfestivals viel mehr Publikum – und Sponsoren! – anziehen, unter dem Jahr wird es für alle immer schwieriger, der Abonnent stirbt aus. Warum gehen Sie in diesen Jahresbetrieb und stellen sich diesen Problemen?

Es interessiert mich nun mal – ich freue mich darauf! Ich bin 65, das ist mein letzter Job. Es gefällt mir, für die Fürsorge einer Stadt zu kämpfen. Ich mag es, einer städtischen Gesellschaft via Oper wichtige Ideen zu geben.

Zurück zu Bregenz: Die Festspiele haben in der Schweiz viel Freiluftopern-Konkurrenz: In St. Gallen, in Pfäffikon, in Schinznach, in Avenches ... Alles egal, da Sie mit der «Zauberflöte» einem Verkaufsrekord entgegengehen?

Es gibt sehr viel Konkurrenz – nicht nur Opernfestspiele: Jeder See bietet mittlerweile eine Bühne! Ich will nicht arrogant klingen, aber wir sind weit oben, geben den Massstab vor. Und ich staune immer wieder, wie erfolgreich wir trotz unserer sehr ambitionierten Inszenierungen sind. Da machen andere gar nicht mit – auch Verona nicht.

Immerhin inszenierten dort die katalanischen Theaterzauberer von Fura dels Baus.

Darf ich etwas Kontroverses sagen? «Fura dels Baus» sind heute Dekorateure, ihre eigenen Shows waren einst fantastisch, sie waren eine der besten Theatertruppen der Welt. Jetzt produzieren sie sehr viel und die Regie steht nicht mehr im Vordergrund, aber immerhin sind die Abende voller fantastischer Bilder. Für Verona ist das aber bereits innovativ.

Nach 16-jähriger Bregenzer Regie-Abstinenz inszenieren Sie Mozarts «Zauberflöte». Auf dem Werbeplakat schreitet ein Paar in den Sonnenaufgang – oder, an die Seebühne denkend, eher in den Sonnenuntergang. Bebildern Sie Ihren eigenen Abgang?

(lächelt) Ich habe die «Zauberflöte» immer als eine Reise verstanden, an deren Ende ein Mann und eine Frau zu sehen sind, die für eine Zukunft stehen. Dahinter steckt eine Aufklärungsidee. Es gibt bekanntlich viele Debatten über die Bedeutung dieser Oper, vor allem über ihre Brüche und ihre Inkohärenz. Nimmt man aber dieses Paar als Ziel, dann hat vieles Sinn: Die beiden alten Machtfiguren, Sarastro und die Königin der Nacht, sind erledigt und irrelevant – vielleicht gar tot.

Wie umgehen Sie die Klischees des Stücks? Die angedeutete Frauenfeindlichkeit, die bös-hysterische Königin der Nacht, der vermeintlich super-weise Sarastro ...

Glauben Sie jedem, der schön spricht? Wer unsere gesellschaftliche und politische Geschichte betrachtet, tut es nicht. Kann Sarastro vielleicht auch ein wenig böse sein? Wenn wir diese Frage mit «Ja» beantworten, dann fällt die Frauenfeindlichkeit sofort weg. Und dann fallen auch die Richtungswechsel im Stück und sogar auch die rassistische Seite der «Zauberflöte» weg: Monostatos ist kein böser Schwarzer, sondern die unterdrückte Seite von Sarastro selbst: Die böse Seite eines scheinbar guten Mannes. In diesem Sinn ist mir das Stück logisch genug. Nebenbei: Ein gutes Stück muss auch nicht zu logisch sein. Und klar, dann kommt noch Humor und Leichtigkeit dazu, zu diesen sehr ernst zu nehmenden Themen. Auf der Seebühne muss ich geradezu die Balance zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit betonen: zwischen Vaudeville und ernster Oper.

Was ist die Chiffre, das spektakuläre Bild, von dem alle noch nach Jahren schwärmen, wie einst vom «Maskenball»-Skelett oder vom «Bohème»-Buch?

Es wird mehrere geben. Das Wasser ist zentral, die Schlange ... Es gibt ein ganzes System von Bildern.

Die Flöte?

(lächelt milde) Es wird auch eine Flöte auftauchen ...