Der Blick fällt auf die Täterin. Sie ist alt und vom Leben verbittert. Sie hat in ihrem Leben fleissig gearbeitet, ihre Pflicht erfüllt und gelitten. Sie wirkt eisenhart und trotzdem gebrechlich. Ihre Tat liegt 70 Jahre zurück und ist fest eingehüllt in einen Mantel des Schweigens. Sie kann sich nicht bekennen, sich niemandem anvertrauen. Sie lebt in einer steifen Maske, eingeklemmt zwischen verdrängter Schuld und versäumter Reue. Als sehr junge Frau hat sie in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs in einem österreichischen Dorf einen Soldaten als vermeintlichen Fahnenflüchtigen denunziert und ihn damit in den sicheren Tod geschickt. Kurz darauf stand sie selbst vor Gericht, beteuerte ihre Arglosigkeit und wurde trotzdem zu zwölfjähriger Kerkerhaft verurteilt. Sie habe nur die Wahrheit sagen wollen und um die Konsequenzen nicht gewusst. Bis heute hält sie an dieser Aussage fest. Eine bemitleidenswerte Lebenslüge? Die Frage nach dem Mitleid schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Theaterstoff «die Unverheiratete».

Kompliziertes Dreigestirn

Doch scheint es dem 1978 in Linz geborenen Autoren Ewald Palmetshofer, der aktuell als Dramaturg am Theater Basel arbeitet, nicht primär darum zu gehen. Das Stück, das 2014 in Wien erstmalig aufgeführt wurde und auf wahren Begebenheiten beruht, ist nicht nur auf die Täterin fokussiert. Es nimmt vielmehr auch die Tochter und Enkelin der Täterin in den Blick, auf deren Leben sich die Tat ebenfalls auswirkt. Nun wurde es am Theater Basel in einer kraftvollen Inszenierung von Felicitas Brucker und einem kühl-betonierten Bühnenbild von Viva Schudt aufgeführt. Das Dreigestirn Oma, Mutter und Enkelin – überzeugend gespielt von Marlen Diekhoff, Katja Jung und Pia Händler – erscheint in einem psychologisch äusserst spannungsreichen und komplexen Beziehungsgeflecht. So oder so ähnlich dürfte es wohl vielen bekannt vorkommen. Die störrische Alte hadert mit ihren altersbedingten Einschränkungen. Mit ihrer Tochter, der Mittleren, geht sie hart ins Gericht, zeigt ihr gegenüber keinerlei Schwäche. Die Mittlere kümmert sich fürsorglich um die Alte und um die eigene Tochter, die Junge. Trotzdem leidet die Mittlere, möchte sich am liebsten lossagen von der familiären Bindung. Die Junge schliesslich lebt ihr eigenes Leben, mit zahlreichen Liebhabern. Unbeschwert spioniert sie im Handy ihrer Betteroberung. Von der Alten wird sie liebevoll umsorgt.

Geister der Vergangenheit

Vier Schwestern, die Hundsmäuligen genannt, kommentieren das Geschehen aus dem Hintergrund. Sie formieren sich als Geister der Vergangenheit und lassen Szenen der Tat, der Prozesse und aus der Kerkerhaft wieder aufleben. Männer sind wie in der Kriegs- und Nachkriegszeit abwesend. Palmetshofer hat sie bewusst rausgelassen. Es ist das heikle Kapitel der Entnazifizierung seines Landes, das der Autor geschickt in einem Familiendrama verpackt. Grausame Weltgeschichte wird quasi aus dem Lieblingssessel der Oma heraus verhandelt. In diesem Sessel versucht die Oma verzweifelt Schlaf zu finden. Nicht nur ihr Strickzeug bewahrt sie darin auf, auch ein Heft mit Erinnerungen, aufgeschrieben für die Nachwelt. Die Enkelin wühlt es hervor und sucht verzweifelt nach Wahrheit darin. Ewald Palmetshofers Text, der durch seinen besonderen Sprachrhythmus (ausschliesslich Jamben) flüssige Dringlichkeit erhält und 2015 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis geehrte wurde, ist ein Aufruf, die gemütlichen Polster der Alter zu durchstossen. Jetzt ist die Generation der Enkel dran: Fragt, so lange ihr noch könnt!